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24.01.2007

05:17 Uhr

Vereinigtes Königreich

Identitätskrise

VonMatthias Thibaut

Will Gordon Brown jetzt Engländer werden? Nicht genug, dass der Schotte ständig über „britische Werte“ doziert und ein „Institut für Britentum“ gründen will.

Nun setzt er sich auch für Englands WM-Bewerbung 2018 ein und hofft, dass die Gastgebernation gewinnt. Was wohl seine schottischen Wähler sagen? Oder sieht er sich schon nach einem englischen Wahlkreis um, damit er Premier nicht nur werden, sondern auch eine Weile bleiben kann? Man sieht: Für einen Schotten ist es nicht das Gleiche, britischer Premier zu werden, wie, sagen wir, für einen Bayern, Bundeskanzler zu werden. Vor allem jetzt nicht. Denn in den ganzen 300 Jahren, die Schottland und England nun als Union zusammenleben (Wales wurde früher, Nordirland später fusioniert), war die Gefühlslage im „Vereinigten Königreich“ nicht so kompliziert.

Noch ist nichts entschieden. Noch hat die schottische Nationalistenpartei SNP die Schottlandwahl am 3. Mai nicht gewonnen. Noch hat SNP-Chef Alex Salmond keinen Koalitionspartner, der eine Unabhängigkeitsabstimmung unterstützen würde. Niemand weiß, wie stark die Lust der Schotten auf Unabhängigkeit wirklich ist. Je nachdem, wer die Frage stellt, wollen ein Drittel bis über die Hälfte den Bruch mit England. Aber fleißig diskutieren die Schotten schon, ob sie, wenn es so weit ist, den Euro oder ein eigenes schottisches Pfund einführen sollen – oder doch lieber bei Sterling und der bewährten „Bank of England“ bleiben sollen. Auch die Engländer debattieren. 61 Prozent fordern laut einer BBC-Umfrage ein englisches Parlament, d.h. eines, in dem nicht, wie im Unterhaus, Schotten sitzen und über englische Fragen wie Bildungs- oder Rechtspolitik mit abstimmen. Sie fragen, ob ein schottischer Premier bei solchen Fragen eigentlich den Ton angeben darf. Schließlich ist sein Wahlkreis im „Ausland“, und die Engländer hätten nicht einmal das demokratische Recht, ihn abzuwählen.

Die Leidenschaft, mit der die besten Köpfe der Insel nun solche Fragen diskutieren, hat viel mit Tony Blairs Autoritätsverlust zu tun. In Schottland kommt aller Frust mit Blair und Labour den Nationalisten zugute. Konservative existieren hier praktisch nicht mehr. Deshalb zettelten schottische Labourpolitiker im vergangenen Sommer die Revolte gegen Blair an. Browns Einstand als Premier könnte von seiner persönlichen Legitimationskrise und der Auseinandersetzung mit dem schottischen Separatismus überschattet werden. Blair hinterlässt also ein Land, in dem es brodelt. Der Dezentralisierungsprozess, mit dem Labour 1998 Wales, Nordirland und Schottland mutig aus der zentralistischen Umklammerung Londons befreite und ihnen eigene Parlamente gab, hat die verfassungsmäßige Asymmetrie im Königreich verschärft: Schotten haben mehr Rechte, doch nun fühlen Engländer sich vom Zentrum mehr drangsaliert. Schotten bewilligen sich kostenlose Alterspflege und Gebührenfreiheit an den Unis – Engländer dagegen zahlen und müssen hinnehmen, dass schottische Labourabgeordnete im Unterhaus als Mehrheitsbeschaffer eingesetzt werden, damit in England die Studiengebühren eingeführt werden können.

Das alles wäre kein Problem, wenn der alte Konsens gehalten hätte, auf den sich Blair beruft: die Großzügigkeit und Toleranz der englischen Mehrheit (85 Prozent der Bevölkerung) gegenüber Minderheiten, die Sonderprivilegien erhalten, weil sie Minderheiten sind. Aber die souveräne Zivilisiertheit der Engländer, das Vertrauen in ihre Institutionen, jene Gelassenheit, mit der sie auf Konflikte pragmatisch reagierten und dabei eher zu viel als zu wenig Selbstbewusstsein hatten – irgendwie gehört das nun der Vergangenheit an. Der Irakkrieg untergräbt das Vertrauen der Briten in ihr System. Der Terrorismus, die Einwanderungswellen, die Komplexität der multikulturellen Identität, Labours übermütiges Hineinregieren in lokale Belange, die wiederholten Skandale um die Parteifinanzierung: In der Dekade Blair sind viele alte Gewissheiten verspielt worden.

Und so ist auf der Insel vieles in der Schwebe. Überall gibt es „Was wäre wenn?“-Debatten. Wäre ein unabhängiges Schottland ärmer oder reicher? Würde England ohne Schottland kulturell verarmen? Und immer wieder der alte Schlager: Was wäre, wenn Großbritannien aus der EU austreten würde? Europa, wo in diesem Jahr ja auch ein Unions-Gründungsjubiläum gefeiert wird, spielt in dieser Diskussion keine Rolle. Deutschlands Bundeskanzlerin zerbricht sich nun den Kopf darüber, wie man das Schifflein EU wieder flottbekommen kann. Die Briten haben andere Probleme. Von ihnen sollte sie sich keine große Hilfe erhoffen.

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