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10.01.2007

05:05 Uhr

Video-Standards

Krieg der Formate

VonAxel Postinett

Es ist ein kleines, schwarzes Gerät: der BH100 von LG Electronics, ein Wunderkind der Elektronikindustrie. Es soll helfen, den lange schwelenden Formatkrieg zwischen den verfeindeten Video-Standards Blu-Ray und HD-DVD zu beenden. Denn dieses Gerät kann als erstes hochauflösende Videofilme in Kinoqualität von beiden Scheiben lesen.

Für den Käufer könnte dies bedeuten, dass er frei von Sorgen sein kann, ob „sein“ System auch morgen noch existiert. Doch alle großen Konkurrenten in beiden Lagern wie Sony, Philips, Panasonic oder Toshiba zeigen sich unbeeindruckt von der Idee eines eigenen Kombi-Players, obwohl dieser doch die Akzeptanz beider Systeme steigern könnte. Denn jeder in der Branche will das Rennen allein machen. Das war so, als der Kampf zwischen der VHS-Kassette und ihren Konkurrenten ausgefochten wurde oder als die Laserdisk gegen die CD unterlag. Und das wird jetzt wieder so sein, wenn einer der Kontrahenten Blu-Ray oder HD-DVD einmal zum Nachfolger der Video-DVD gekürt wird.

Es geht nicht nur um den einfachen Verkauf von Abspielgeräten. Es geht vor allem um Lizenzgebühren für die Nutzung der Technologien. Beispiel Philips: Für jede CD oder jeden DVD-Rohling, der heute auf dieser Welt hergestellt wird, fließen ein paar Cent in die Kassen von Europas größtem Elektronikkonzern. Auch für jedes hergestellte Gerät werden Abgaben an diverse Lizenzinhaber fällig. Dies wird der Öffentlichkeit immer nur dann bewusst, wenn, wie im vergangenen Jahr, palettenweise DVD-Spieler vom Zoll festgehalten werden, weil die meist asiatischen Hersteller keine Abgaben zahlten. Würden alle fälligen Gebühren bezahlt, von der CD-Lizenz bis zur Erlaubnis, MP3-Lieder abzuspielen, dann läge allein deren Summe höher als der Verkaufspreis von Billiggeräten im Discountmarkt. Und natürlich müssen auch die Anbieter von Inhalten ihren Anteil leisten, wenn sie ihre Filme oder Musik auf die Medien brennen wollen. Es lohnt sich also zu kämpfen. Denn über die Jahre hinweg kommen da Millionen-, wenn nicht Milliardenbeträge zusammen.

Gegen Ende 2005 war das HD-DVD-Lager bereits kräftig geschrumpft, und in der Toshiba-Wagenburg machte sich Resignation breit. Doch dann wurde klar, dass die Industrie ihre Kämpfe nicht mehr allein unter sich ausfechten konnte. Mit der Konvergenz von Unterhaltungselektronik und IT-Industrie waren zwei neue, mächtige Spieler auf dem Feld aufgelaufen: Microsoft und Intel. Diese hatten sich lange neutral verhalten, erklärten dann aber HD-DVD zu ihrem Lieblingssystem, das sie aktiv unterstützen wollten. Die Blu-Ray-Fraktion trägt indirekt die größte Schuld an der verfahrenen Situation. Unter maßgeblicher Führung der Hollywood-Studios versuchte sie zunächst, die Computerindustrie aus dem gesamten Spiel herauszuhalten. Traumatisiert von massenhaften Raubkopien von CD und DVD, wollten sie einen rigiden Kopierschutz installieren. Auch jede „erlaubte Kopie“, etwa auf der Festplatte eines Computers, sollte unterbunden werden.

Das hätte die IT-Industrie bis ins Mark getroffen. Sie war bereits auf dem Sprung in die Wohnzimmer. Und die Heimvernetzung wäre ohne die Erlaubnis zur Verteilung von hochauflösenden Medien in einem Netzwerk in sich zusammengebrochen. Vor allem Microsoft war nicht gewillt, dieser Entwicklung tatenlos zuzusehen. HD-DVD erlaubte eine geschützte Kopie auf einer Festplatte und hatte auf einmal zwei mächtige Verbündete gegen Blu-Ray, das mit über 170 Unterstützerfirmen und sieben von acht großen Hollywood-Studios schon wie der klare Gewinner aussah. Welches Format in jährlich über 200 Millionen verkauften PCs eingebaut wird, ist von entscheidender Bedeutung. Und PC-Gigant HP rechnete vor, dass sich allein die Abgaben für ein Blu-Ray-Abspieler in einem Computer auf rund 30 Dollar summieren würden, bei HD-DVD wäre es nur ein Bruchteil.

Der entscheidende Punkt für Microsoft war aber ein anderer: Man befand sich bereits im erbitterten Kampf mit Sonys Playstation um den Milliardenmarkt der Spielekonsolen. Würde Blu-Ray letztlich kampflos siegen, wäre Microsoft doppelt getroffen. Genau dieser Stellvertreterkrieg macht die aktuelle Situation so verfahren. Es geht nicht um Bildqualität, besseren Kopierschutz oder Ähnliches. Da sind sich beide Kontrahenten zu ähnlich. Aber solange die Gates-Company als unbestrittener Herrscher über die PC-Welt hinter HD-DVD steht, um Sonys Durchmarsch zu verhindern, ist der Formatkrieg nicht zu beenden. Ob es nun Dual-Player gibt oder nicht. Ein rasches Ende des Industriestreits könnte nur ein Einlenken einer der beiden Gruppen herbeiführen. Doch beide glauben fest daran, siegen zu können: „the winner takes it all.“

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