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14.11.2012

12:24 Uhr

Vorgaben aus Brüssel

Keine Angst vor der Frauenquote

VonThomas Ludwig

Mit ein bisschen gutem Willen sollte sich die Frauenquote in Aufsichtsräten erreichen lassen. Ob die Vorgabe aus Brüssel überhaupt kommt, ist jedoch fraglich. Und doch wird die Debatte einiges bewegen.

Die EU-Kommission hat den Vorschlag für ein Gesetz verabschiedet, mit dem bis 2020 alle Aufsichtsräte großer Firmen zu 40 Prozent mit Frauen besetzt werden. dapd

Die EU-Kommission hat den Vorschlag für ein Gesetz verabschiedet, mit dem bis 2020 alle Aufsichtsräte großer Firmen zu 40 Prozent mit Frauen besetzt werden.

Brüssel„Auch das noch!“ werden viele sagen. Eine von Brüssel verordnete Frauenquote für Aufsichtsräte börsennotierter Unternehmen – muss das sein? Es muss, lautet die Antwort von Justizkommissarin Viviane Reding. Mit Selbstverpflichtung komme man nicht weiter. Das habe die Vergangenheit gezeigt. Tatsächlich ist die Quote kein Meilenstein, wie manch einer nun jubiliert.

Denn die geschlechtsspezifische Besetzung eines Führungs- oder Aufsichtspostens sagt ja beileibe noch nichts über die Qualität der betroffenen Führungskraft aus. Weil Frauen in Führungspositionen grundsätzlich noch unterrepräsentiert sind, ist es durchaus fraglich, ob eine Quote Sinn macht, die sich auf Spitzenposten bezieht. Die Gefahr, zweitklassiges Personal zwangsweise an die Spitze zu hieven, ist real. Warum es also eine Quote für Aufsichtsräte geben soll, nicht aber für Vorstände oder für Führungskräfte allgemein? Eine befriedigende Antwort darauf bleibt die Kommission schuldig.

Thomas Ludwig

Der Autor

Thomas Ludwig ist Handelsblatt-Korrespondent in Brüssel.

Der Sinn und Zweck einer Quote liegt nicht so sehr in den eigentlichen Zahlen- und Zeitvorgaben. Sie beflügelt vielmehr eine notwendige gesellschaftliche Debatte darüber, was für die Zukunft wünschenswert ist. Das mehr Frauen in den Unternehmen Verantwortung tragen sollen, ist eine Selbstverständlichkeit. Dem verschließen sich auch die allermeisten Unternehmen nicht. Im Gegenteil – viele haben Frauenförderung als imagefördernd erkannt. Zudem gibt es angesichts mangelnder Fachkräfte ein Eigeninteresse vieler Betriebe, in der Zukunft stärker auf Frauen zu setzen. Es ist also gut und richtig, wenn sie sich selbst verbindliche Ziele zur verbindlichen Förderung von Frauen setzen. Ein gewisser politischer Druck wirkt bisweilen Wunder.

Vor gut zehn Jahren haben die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft eine Vereinbarung mit der Bundesregierung zur Förderung der Chancengleichheit in der Privatwirtschaft geschlossen. Dabei ging es auch darum, den Anteil von Frauen an der erwerbstätigen Bevölkerung und in Führungspositionen zu erhöhen. Tatsächlich hat sich seitdem etwas getan. Auf den ersten und zweiten Führungsebenen ist der Frauenanteil deutlich gestiegen und liegt nunmehr bei rund einem Fünftel. Dieser Trend in den oberen Führungsebenen wird sich in Aufsichtsräten und Vorständen fortsetzen.

Die turnusgemäßen Aufsichtsratswahlen auf der Anteilseignerseite stehen bei den meisten großen mitbestimmten Unternehmen 2013 an. Dann können Aktionäre weibliche Vertreter in die Anteilseignerseite der Aufsichtsräte wählen. Angesichts der laufenden Debatte – und vielleicht auch angesichts des Drucks aus Brüssel ¬ wird sich etwas bewegen. Das liegt auf der Hand. Deshalb sollte der Quotenvorstoß aus Brüssel der Wirtschaft keine allzu große Angst machen.

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Mit ein bisschen gutem Willen sollten sich die Vorgaben durchaus erreichen lassen. Und ob die Quote denn überhaupt kommt, ist zudem fraglich. Zwar dürften die Pläne im EU-Parlament eine Mehrheit finden. Unter den 27 Mitgliedstaaten ist die Idee aber noch sehr umstritten. Bislang steht eine Sperrminorität. Und bislang kommt aus keiner einflussreichen Hauptstadt ein massives Engagement, diese Phalanx aufzubrechen. Europa hat beileibe andere Probleme zur Zeit.

Frauen Karrieren zu ermöglichen, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Mit mehr Kitaplätzen und Ganztagsschulen allein, wie sie allerorten gefordert werden, ist es aber nicht getan. Auch die Qualität muss stimmen. Und die kostet Geld. Eine Herdprämie, wie sie die Regierungskoalition beschlossen hat, geht in die falsche Richtung. Besser investiert wären die Milliarden zum Beispiel in einer besseren Bezahlung von Erzieherinnen oder einer besseren Personalausstattung in der schulischen Ganztagsbetreuung. Sicher könnte auch so manches Unternehmen mehr familienfreundliche Initiative zeigen.

Nehmen wir den Vorstoß aus Brüssel also mit einer gewissen Gelassenheit – und als Impuls, in den Bemühungen, mehr Frauenkarrieren zu ermöglichen, nicht nachzulassen. Auf allen Ebenen. Das muss sein.

Kommentare (15)

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tamiris

14.11.2012, 13:00 Uhr

Wenn man generell von Quote spricht, so kann das nur eine Verhandlungsmasse sein. So hätte man endlich einen Hebel, Einfluß auf die Zusammensetzung des dt. Bundestages zu nehmen, denn hier fehlt z.B. eine deutliche Quote von Technikern und Führungsleuten aus der deutschen Wirtschaft.

svebes

14.11.2012, 13:00 Uhr

Gott sei Dank wurde eines der dringensten Probleme der EU, sachgerecht, effizient und zukunftsgerichtet durch die allwissende und geniale Kommission gelöst - Ironie Stop -
Diese Brüssler Schwätzergilde mit Support der angehangenen Schreiberzunft füttert uns wieder mit guten Gründen den ganzen Haufen dort schnellstens abzuschaffen.

vandale

14.11.2012, 13:03 Uhr

Bis vor 100 Jahren wurden die Positionen gem. des gesellschaftlichen Standes vergeben. Dann meinte man das alle Menschen gleich seien und man bewarb das Leistungsprinzip. Mittlerweile kehrt man zum Herkunftsprinzip zurück. Unabhängig von der Leistung ist das Geschlecht massgeblich. Auch Mitmenschen mit Wurzeln in Kleinasien sind in Führungspositionen in D kaum präsent. Gleiches gilt für die islamische Religion. Insofern könnte man auch Quoten für die Herkunft, Religion etc. festlegen. Dann wird ein Dax Konzern künftig für die CEO Position eine Roma Frau islamischen Glaubens, türkischer Abstammung und gleichgeschlechtlicher Orientierung fordern.

Insgesamt ist es die Gesellschaft doch sehr im Absteigen begriffen wenn man aus ideologischen Gründen, dem Radikalfeminismus die Chancengleichheit beerdigt.

Vandale

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