Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.07.2012

08:21 Uhr

Währungsunion in der Krise

Die verzerrte Sicht auf Europa

Die anhaltende Krise in Europa sorgt für Frust in Amerika und auch beim IWF. Europa habe sich mit der Währungsunion übernommen, lauten die Vorwürfe. Doch ein Blick auf die Zahlen zeigt: Dieses Bild ist verzerrt.

Trotz Milliarden an Krisenhilfen: Europa steht zweieinhalb Jahre intensiver Rettungsbemühungen noch immer am Anfang, kritisierte der IWF. dpa

Trotz Milliarden an Krisenhilfen: Europa steht zweieinhalb Jahre intensiver Rettungsbemühungen noch immer am Anfang, kritisierte der IWF.

Wenn die Europäer dieser Tage in den Spiegel der weltweiten Meinung schauen, sehen sie ein wenig schmeichelhaftes Bild. Vor allem von den USA aus betrachtet ist Europa ein Kontinent, der sich mit dem ehrgeizigen Projekt einer Währungsunion verhoben hat und jetzt nicht mehr die Kraft aufbringt, die Fehler der Vergangenheit entschlossen zu korrigieren. Die Zeiten, in denen die europäische Integration das leuchtende Vorbild für regionale Kooperationsbewegungen von Amerika über Afrika bis Fernost war, sind offenbar vorbei.

Gerade von der anderen Seite des Atlantiks betrachtet, sieht Europa immer hässlicher aus. Die US-Regierung hat schon wiederholt ihrer Frustration über die mühsamen Rettungsbemühungen für den Euro Luft gemacht. In dieser Woche haben auch die beiden mächtigen Weltfinanzorganisationen aus Washington, der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank, harsche Kritik an den Regierungen der Euro-Zone geübt. Der IWF warf ihnen vor, nach zweieinhalb Jahren Rettungspolitik noch praktisch am Anfang zu stehen, und die Weltbank sieht wegen der verantwortungslosen Europäer bereits eine globale Rezession heraufziehen.

Dirk Heilmann ist Chefökonom beim Handelsblatt. Pablo Castagnola

Dirk Heilmann ist Chefökonom beim Handelsblatt.

Die Kritik ist allerdings sowohl im Fall des IWF als auch im Fall der US-Regierung ein Ventil für innere Spannungen. Der IWF hat sich sehr tief in die Rettung der Euro-Krisenländer hereinziehen lassen und hat im Falle Griechenlands schon mehr Zugeständnisse gemacht, als es sein unbarmherziger Ruf hätte erwarten lassen. Er sieht sich darum der Kritik der Schwellenländer ausgesetzt, dass er zu viel Geld im wohlhabenden Europa ausgibt, und das zu milderen Konditionen, als sie in den neunziger Jahren in der Asienkrise galten.

Die US-Regierung ist sich wiederum mit der republikanischen Opposition darin einig, dass es im Wahlkampf hilft, einen Teil der eigenen wirtschaftlichen Misere auf die angeblich so unzuverlässigen Europäer schieben zu können. Die US-Wirtschaft würde sich ja erholen, wenn endlich die Europäer ihr Haus in Ordnung brächten und die Finanzmärkte beruhigten, geht die Melodie.

Doch ein Blick auf die nackten Zahlen zeigt etwas ganz anderes: Die staatliche Schuldenlast ist in der Euro-Zone von 66 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Jahr 2007 auf 88 Prozent 2011 gestiegen. Das ist schlimm, aber in den USA schnellte sie im gleichen Zeitraum von 67 auf 103 Prozent hoch. Und während die Europäer mit dem Umsteuern begonnen haben, dreht sich die Schuldenspirale in den USA vorerst ungebremst weiter.

Außerdem hat die Euro-Zone nach außen kleine Überschüsse in der Leistungsbilanz aufzuweisen und die Differenzen im Inneren deutlich reduziert, während die USA weiterhin Defizite von rund drei Prozent des BIP haben. Wenn nach der Präsidentenwahl in den USA Anfang 2013 der Kassensturz folgt, dürfte das Bild, das Europa im Vergleich dazu abgibt, schon freundlicher aussehen.

Von

dih

Kommentare (8)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Freiheit

21.07.2012, 13:20 Uhr

Eine gewisse USA-Feindlichkeit gehört in Europa zum aktuellen Zeitgeist. Dabei lohnt es sich durchaus mal den eigenen Kontinent aus der Brille der anderen zu betrachten. Man wird schnell feststellen, in vielen Punkten haben die Amis gar nicht so unrecht. Sei es die Verwunderung über die geringe Geburtenrate der Europäer oder die mangelnde Meinungsvielfalt in den hiesigen Medien.
Eine Interessante Debatte dazu findet man in dem Youtube-Video unter:
http://www.youtube.com/watch?v=CQELHJx8Vf0

azaziel

21.07.2012, 14:36 Uhr

Europa und insbesondere der Euro koennen mit diesen untauglichen Konzepten nicht gerettet werden
• Mit dem Masstricht Konzept der finanziellen Eigenverantwortung haette der Euro funktioniert, wenn auch unter Schmerzen die Uneinsichtigen pleite gegangen waeren.
• Durch Rechtsbrueche und Vertragsverletzungen wurde der Euro in das Gegenteil dessen verkehrt, was beabsichtigt war und garantiert wurde, in eine Weichwaehrung ohne Zukunft unter kollektiver Verantwortungslosigkeit statt Eigenverantwortung.
• Taeglich werden wir mit unsaeglich schwachsinnigem Gefasel von der Notwendigkeit einer europaeischen Wirtschaftsregierung bombardiert, obwohl jeder aufmerksame Beobachter sehen kann, dass die Vorstellungen von Wirtschaftspolitik extrem unterschiedlich sind. Deutschland will angeblich sparen, Frankreich will durch Gemeinschftsschulden finanzierte Wachstumsprogramme. Gespart wird nirgendwo, auch nicht in Deutschland.
In manchen Laendern sieht man bereits fliegende Steine, brennende Autoreifen und Strassenschlachten. Unterdessen ist die Schuldenquote weiter gestiegen und nichts deutet darauf hin, dass sich das aendern koennte. Im Gegenteil steigende Zinsen werden die Schuldenquote noch schneller nach oben treiben. Jeder Versuch, die Zinsen niedrig zu halten muss mit steigender Notenbankliquiditaet erkauft werden.

Der grund fuer die Ueberschuldung von Staaten liegt in der Verantwortungslosigkeit von Politikern, die dafuer nicht zur rechenschaft gezogen werden koennen. Das gilt eben nicht nur fuer Europa oder die Eurozone, das gilt fuer die vereiunigten Staaten, Grossbritannien und Japan gleichermassen.

Aber genauso wie man Schulden nicht mit noch mehr schulden bekaempfen kann, kann man auch nicht Verantwortungslosigkeit mit kollektiver Verantwortungslosigkeit bekamepfen.

12345

21.07.2012, 16:43 Uhr

Eine nüchterne Tatsachenanalyse...etwas deprimierend aber durchaus treffend zusammengefasst!!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×