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27.10.2012

13:30 Uhr

Wege aus der Krise

Island – ein Vorbild für die EU?

VonSven Prange

Vor vier Jahren kämpfte Island mit den gleichen Problemen wie die Euro-Südstaaten. Heute wächst die Wirtschaft wieder. Die Insel zeigt eins: Es gibt Alternativen zum Weg, den die EU geht.

Zentrale der Kaupthing Bank in Reykjavik: Symbol der Krise, die mittlerweile überstanden ist. Reuters

Zentrale der Kaupthing Bank in Reykjavik: Symbol der Krise, die mittlerweile überstanden ist.

Exakt vor vier Jahren flehte der damalige isländische Ministerpräsident den Rest Europas um finanzielle Hilfe an. Wenn seine Nachfolgerin Jóhanna Sigurðardóttir aber heute mit ihren Kollegen aus Euro-Land spricht, ruft sie nicht nach Hilfe, sondern gibt eher Ratschläge. Denn mit einer Mischung aus Gläubigerbeteiligung, zurückhaltender Geldpolitik und geschickter Wirtschaftspolitik haben sich die Isländer in Rekordzeit in der Gruppe der am stärksten wachsenden Länder der industrialisierten Welt zurückgemeldet.

Ökonomen wie Paul Krugman oder der Internationale Währungsfonds preisen das Land als Vorbild in Sachen Krisenpolitik. Auch wenn man so weit nicht gehen muss, zeigt das Beispiel: Es gibt Alternativen zum Weg, den EU-Kommission, EZB und ein Teil der Mitgliedstaaten den Krisenländern aufzwingen.

Island bekam im Oktober 2008 als erstes Land mit voller Wucht zu spüren, was es bedeutet, wenn der Bankensektor außer Kontrolle gerät. Die Bilanzen seiner drei größten Banken waren in den Jahren zuvor auf das Zehnfache des Bruttoinlandsprodukts gewachsen. Weil die Institute stärker noch als die Konkurrenz in seltsame Immobilienkredite, Währungsgeschäfte und Finanzwetten verstrickt waren, brachen sie Ende 2008 in der Gemengelage rund um die Pleite von Lehman Brothers zusammen. Und sie rissen das Land mit.

Anfang 2009 waren 80 Prozent der isländischen Unternehmen und 30 Prozent der Privathaushalte de facto insolvent. Die Ausgangslage war also ähnlich wie heute in vielen Euro-Krisenstaaten: Wie in Irland, Spanien und Slowenien hatte eine zu große Finanzindustrie den Staat handlungsunfähig gemacht. Wie in Griechenland und Portugal drohte ein Komplettausfall der Privatwirtschaft. Während sich aber die Euro-Staaten durch eine Mischung aus Sparen und laxer Notenbankpolitik aus der Krise befreien wollen, entschieden sich die Isländer für einen anderen Weg. Sie haben den Gläubigern die Last auferlegt. Gut 85 Milliarden Euro mussten diese schultern.

Sven Prange

Sven Prange ist Redakteur beim Handelsblatt.

Zwar verstaatlichte auch Reykjavik seine Banken, ließ sie dann aber in die Insolvenz gehen und teilte sie auf: Jede erhielt ein Basis-Geschäft, etwa Privatkundenangebote, das an den Markt gebracht wurde. Und je ein Institut, eine Art Bad Bank, in dem private Anteilseigner den Finanzschrott abtragen. Außerdem mussten die Banken den privaten Schuldnern bei Immobilienkrediten entgegenkommen: Alle Hypothekenwerte, die höher als 110 Prozent des neuen, tatsächlichen Verkaufswerts eines Hauses waren, wurden erlassen.

Kommentare (18)

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Account gelöscht!

27.10.2012, 14:10 Uhr

also es fällt einem schwer, ernsthaft ein Land mit der Einwohnerzahl von Mannheim als Vorbild für die Euro-Zone mit 327 Millionen Einwohnern - also dem 1000 fachen zu akzeptieren.
Aber die Sache mit dem die "Banken in Insolvenz geschickt" - ist natürlich ein wahrer Traum.
Nichts wäre uns lieber, wenn endlich Kassensturz gemacht würde und die tatsächlich Beteiligten gerechterweise ihre Verluste realisieren müssten (und wenn auch deutsche Banken beteiligt sein sollten).

Stattdessen rekrutiert man aber den Steuerzahler zur dauerhaften, systemischen Insolvenzverschleppung.
Gewinne den Banken, Verluste dem Bürger!

MikeM

27.10.2012, 14:16 Uhr

Das Beispiel zeit einfach den Unterschied zwischen dem Norden und dem Süden Europas. Im Norden packt man an, im Süden lehnt man sich zurück und streikt, fordert und erpresst. Nur nichts selber machen. Weiter so, Island!

Account gelöscht!

27.10.2012, 15:25 Uhr

Der Hauptunterschied warum es funktioniert hat:

Island hat KEINEN Euro...

Also konnten sie schnell wieder gesunden.

solange Griechenland den Euro hat, so lange wird der Krampf weitergehen...

Mit Spanien ist es auch nicht besser...

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