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17.01.2007

05:14 Uhr

Welthandel

Asiatische Warnung

VonChristoph Rabe

So viel Einigkeit gab es selten in Asien. 16 Nationen haben sich auf der philippinischen Insel Cebu darauf verständigt, wirtschaftlich enger zusammenzurücken. In Asien soll eine Freihandelszone entstehen, die sich von Indien bis Japan und von China bis Neuseeland erstreckt.

Eine Region, die die Hälfte der Weltbevölkerung beherbergt, bringt erhebliches politisches Gewicht auf die Waage. Europa und die USA sollten sich rechtzeitig darauf einstellen. Während Europa von den Anforderungen einer auf 27 Nationen gewachsenen EU in Beschlag gehalten wird, während die USA ihre außenpolitische Konzentration dem nicht zu gewinnenden Krieg im Irak widmen, betreiben die Asiaten Realpolitik. Angesichts eines wachsenden regionalen Handels und einer immer noch in der Sackgasse steckenden Welthandelsrunde schaffen die Asean-Staaten und ihre wichtigsten Partner Fakten. Die Asean formuliert eine Charta, die Entscheidungen für ihre zehn Mitglieder verbindlich machen soll, China lässt seine Widerstände gegen die Einbeziehung Indiens und Australiens in einen gemeinsamen Wirtschaftspakt fallen.

Profitieren dürften von den Plänen einer panasiatischen Freihandelszone vor allem China und Japan. Beide Exportgiganten haben erkannt, dass sie zur Stabilisierung ihrer Absatzmärkte in der Region politisch aktiver werden müssen. Beide rechnen wohl nicht mit einem erfolgreichen Abschluss der Doha-Runde. Der Weg, den die asiatischen Nationen eingeschlagen haben, folgt zwar einer gewissen Logik, bedeutet aber für den Prozess der Globalisierung wenig Gutes. Vor allem verheißt er wenig Gutes für die vom Export abhängigen Nationen außerhalb eines solchen Bündnisses. Asiens Märkte werden für Europa und die USA gleichwohl wichtiger. Gerade Deutschland als Exportweltmeister setzt immer mehr Waren in China und Japan, in Südostasien und Indien ab. Entsteht dort eine durch Zölle abgeschottete Freihandelszone, dürften deutsche Hersteller von Investitions- und Konsumgütern immer öfter das Nachsehen gegenüber ihren japanischen und chinesischen Konkurrenten haben.

Mit einzelnen bilateralen Handelsverträgen, die die EU jetzt aushandeln will, kann dieser Nachteil kaum wettgemacht werden. Auch die Orientierung in Richtung einer transatlantischen Freihandelszone, die Bundeskanzlerin Angela Merkel vorschwebt, bietet keine wirkliche Alternative. Die Welt droht in eine Vielzahl unübersichtlicher regionaler und bilateraler Handelspakte zu zerfallen, bei denen niemand mehr den Durchblick bewahren kann. Das erschwert das Geschäft und treibt die Kosten hoch. Nicht nur für Europäer und Amerikaner, auch für Asiaten. Ihre Initiative darf deshalb zunächst als Warnung verstanden werden. Denn von der Realisierung einer Freihandelszone ist Asien noch Jahre entfernt. Zumindest zwei Botschaften sendet die Asean-Konferenz von Cebu daher aus: Erstens sind die Asiaten nicht bereit, tatenlos zuzusehen, wie die Welthandelsgespräche versanden. Und zweitens drücken China und Japan der Entwicklung Asiens immer stärker ihren Stempel auf. Sie machen klar, dass sie das von den USA hinterlassene Vakuum zu ihren Gunsten zu füllen gedenken.

Selbst wenn das Bild vom High Noon abgegriffen ist, hier ist es angebracht. Die Doha-Runde steht unmittelbar vor ihrem endgültigen Kollaps mit gravierenden Folgen für die Weltwirtschaft. Einen Zerfall der Welthandelsstrukturen können Europäer, Amerikaner und Asiaten nur dann noch vermeiden, wenn sie das kleinliche Feilschen um Subventionen und Zölle schleunigst beilegen und endlich zum großen Wurf ausholen. US-Präsident George Bush hat seinen Willen dazu unterstrichen. Doch seine Botschaft kommt bei den Unterhändlern der Welthandelsorganisation offenbar nicht an. Daher wird es höchste Zeit, dass vollmundigen Bekenntnissen nun auch Taten folgen. Die USA sind dabei ebenso gefordert wie die EU. Deutschland mit seinem Vorsitz der G8 und seiner Ratspräsidentschaft der EU hat in den ersten sechs Monaten dieses Jahres alle Hebel in der Hand, um Fortschritte zu ermöglichen. Gelingt ein Durchbruch zur Liberalisierung der Märkte dennoch nicht, müssen sich vor allem die Europäer nicht wundern, wenn sie ins Abseits geraten. Denn die Asiaten sind dabei, ihre Hausaufgaben zu machen.

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