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04.06.2012

13:12 Uhr

Weltkonjunktur

Japanische Verhältnisse

Das abnehmende Wachstum in den Schwellenländern ist nicht überraschend: Die US-Notenbank bläht die Geldmenge nicht weiter auf. Was die Rendite betrifft, herrschen am Kapitalmarkt bereits japanische Verhältnisse.

Japan hat nach dem Platzen seiner Immobilienblase zwei Jahrzehnte fast ohne Wirtschaftswachstum erlitten. dapd

Japan hat nach dem Platzen seiner Immobilienblase zwei Jahrzehnte fast ohne Wirtschaftswachstum erlitten.

FrankfurtDie Tatsache, dass die Weltwirtschaft kräftig expandierte, war bisher der Rettungsanker, der es der deutschen Wirtschaft ermöglichte, trotz der Euro-Krise weiter kräftig zu wachsen. Insbesondere die großen Schwellenländer Brasilien, Indien, China und Russland schienen unbeeindruckt von dem Gegenwind aus den westlich geprägten Industrieländern, die immer weiter kräftig wachsen und importieren wollten.

Ende der vergangenen Woche hat diese Zuversicht einen schweren Dämpfer bekommen. Aus drei der vier großen Schwellenländer kamen schlechte bis sehr schlechte Konjunkturmeldungen - und zu allem Überfluss auch aus den USA.

Dabei ist es nicht einmal so erstaunlich, dass das Wachstum in den Schwellenländern nachlässt. Erstaunlich ist eher, wie lange es sich auf einem sehr hohen Niveau gehalten hat. Zunehmend sieht es so aus, als ob dieses Wachstum nur geborgt war, angeheizt von einer Liquiditätswelle, die aus den USA und anderen Industrieländern überschwappte. Die gleiche Welle hatte auch die Wirtschaft in den USA angetrieben.

Doch die US-Notenbank hat aufgehört, die Geldmenge weiter aufzublähen. Dieser Impuls ebbt ab. Das sehen wir jetzt an den Wirtschaftsdaten. Mit traditioneller Zinspolitik ist gegen einen neuerlichen Abschwung nichts mehr auszurichten. In fast allen stabilen westlichen Ländern haben wir am Kapitalmarkt bereits japanische Verhältnisse, was die Renditen angeht.

Das sind die wettbewerbsfähigsten Volkswirtschaften der Welt

Platz 1

Hongkong

Platz 2

USA

Platz 3

Schweiz

Platz 4

Singapur

Platz 5

Schweden

Platz 6

Kanada

Platz 7

Taiwan

Platz 8

Norwegen

Platz 9

Deutschland

Platz 10

Katar

Quelle

IMD-„World Competitiveness Ranking“ 2012.

Die Schweizer Business-School IMD veröffentlich seit 1989 jährlich ihr Wettbewerbsranking. Dazu befragen die Wissenschaftler mehr als 4200 internationale Geschäftsleute. Die Länder werden nach über 300 Kriterien bewertet.

Die Rendite zehnjähriger deutscher Anleihen fiel am Freitag auf 1,17 Prozent, die amerikanische auf das Rekordtief von 1,45 Prozent. Japan hat nach dem Platzen seiner Immobilienblase zwei Jahrzehnte fast ohne Wirtschaftswachstum erlitten. Der Westen ist bereits im Jahr fünf. Die Finanzmärkte rechnen offenkundig damit, dass das weitergeht.

Wir sollten uns auf keinen Fall damit abfinden. In Europa dürfen wir uns die selbst gemachte Finanzkrise nicht länger leisten. Deutschland, Brüssel und die Europäische Zentralbank mögen in der Lage sein, den Druck auf den Süden aufrechtzuerhalten, damit dieser sich nach unserem Vorbild umformt. Aber wir können es uns nicht mehr erlauben, die Nachfrage in halb Europa abzuwürgen. Wir können es uns auch nicht leisten, unsere Exporterlöse des letzten Jahrzehnts abzuschreiben, weil diese Länder pleitegehen.

Die EZB muss dafür sorgen, dass die Unternehmen, Haushalte und Staaten in den Krisenländern zu realistischen Konditionen Kredite bekommen. Wenn sie nur will, kann sie das. Disziplinierungsmaßnahmen kann sie sich dann überlegen, wenn die Gefahr eines weiteren verlorenen Jahrzehnts und eines Zusammenbruchs der Währungsunion nicht mehr akut ist.

Von

noh

Kommentare (1)

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Account gelöscht!

04.06.2012, 21:31 Uhr

Vielleicht sollte man sich auch einmal überlegen, wie lange man den Politikern noch erlauben kann, ihr völlig sinnentleertes Eurodogma herzubeten, nachdem sie ein Jahrzehnt lang die Realität schlicht verpennt haben. Es dürfte kaum bloß eine Frage des Willens sein, ob man erneut anhaltendes Wachstum erzeugt. Ebenso wenig ist es eine Frage des Willens der Südländer und Frankreichs, ob sie sich entschulden und BRD-konform verhalten. In einer völlig ineffizienten Welt, die ihr ganzes Selbstverständnis und ihre subjektive Erfüllung auf die Maximierung des Ressourcenverbrauchs auf Kosten der Nachfolgegenerationen aufbaut, kann man auch im ökonomischen und finanzwirtschaftlichen System nicht mit einer nachhaltigen Entwicklung rechnen. Die Idiotie der aktuellen Diskussion um Entschuldung und Wachstum ist nicht mehr zu überbieten. Wenn das zukünftige Handeln, das zu einer Entschuldung und Gesundung führen soll, nicht von außerirdischer Intelligenz gelenkt werden soll, sondern auf dieselben geistigen Potenziale zurückgreift wie das Handeln der Vergangenheit und Gegenwart, dann ist ja evident, dass jede weitere Anstrengung nur zu einer weiteren Verschlimmerung führen kann. Denn dasselbe Wachstum, dass zur gegenwärtigen Krise geführt hat, kann wohl kaum diese Folgen des vergangenen beseitigen helfen. Die Qualität ist der Punkt, nicht Quantität! Dummheit hat immer Recht!

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