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02.01.2012

10:37 Uhr

Weltwirtschaft

Wie Europas Abstieg zu einem Erfolgsmodell wird

VonThorsten Giersch

Die Krise unserer Währung ist nur das jüngste Indiz: Mit Europa und dem Westen geht es bergab. Neue Mächte verdrängen uns. Grund zur Sorge? Nein - zumindest dann nicht, wenn wir den Abstieg gekonnt angehen. Ein Essay

Auch im Abstieg muss Europa gemeinsam vorgehen. ap

Auch im Abstieg muss Europa gemeinsam vorgehen.

DüsseldorfDie Statistik lügt nicht: In Deutschland begeistern sich immer mehr Menschen fürs Wandern. Beim Erklimmen der Berge gibt es gerade für Anfänger dabei eine wichtige Lektion zu lernen: So anstrengend der Aufstieg auch sein mag, der richtige Abstieg ist entscheidend. Der schwierigste Weg ist immer der vom Gipfel zurück ins Tal.

Der Vergleich passt ideal zum aktuellen Zustand Europas. Wir sind gemeinsam auf dem Gipfel. Nie waren die Europäer reicher. Doch die Wende ist eingeleitet. Die Weltordnung verändert sich. Andere Länder wie China kommen auf und greifen nach dem Wohlstand, den wir noch haben. Sie werden nun reicher, wir im Verhältnis ärmer. Dass wir absteigen müssen ist sicher. Die Frage ist nur, wie stark unser Niedergang sein wird.

Auch wenn es sich zunächst paradox anhört: Es ist für Europa sinnvoll, am Gipfel Platz zu machen für aufstrebende Mächte. Eberhard Sandschneider, einer der einflussreichsten Experten für deutsche Außenpolitik, beschreibt es in seinem aktuellen Buch „Der erfolgreiche Abstieg Europas“ so: „Die Bereitschaft, Platz zu machen, ist die notwendige Voraussetzung, um zu verhindern, dass in den derzeitigen Prozessen globaler Machtverschiebung Konflikte entstehen, deren Kosten unkalkulierbar sind, aber immer zu Lasten Europas, seiner Sicherheit, aber auch seiner globalen wirtschaftlichen Interessen gehen.“

Die Chronologie des Euro

1. Juli 1987

Das Ziel Währungsunion wird im EG-Vertrag verankert.

7. Februar 1992

Unterzeichnung des EU-Vertrages von Maastricht, der die Währungsunion bis 1999 vorsieht und Beitrittskriterien festlegt.

1. November 1993

Ratifizierung des Maastricht-Vertrages. Aus den Europäischen Gemeinschaften (EG) wird die Europäische Union (EU). Dezember 1995: Als Einheiten der neuen Währung werden Euro und Cent festgelegt.

16. und 17. Juni 1997

Verabschiedung des Stabilitäts- und Wachstumspakts in Amsterdam. Einigung auf die „europäische Seite“ für die Münzen.

25. März 1998

Die EU-Kommission und das Europäische Währungsinstitut (EWI), Vorläufer der Europäischen Zentralbank (EZB) empfehlen elf Länder für den Start der Währungsunion. Außen vor bleiben aus freien Stücken Großbritannien, Dänemark, Schweden sowie Griechenland, das die Kriterien noch nicht erfüllt.

1. bis 3. Mai 1998

Ein Sondergipfel der EU-Gremien gibt in Brüssel grünes Licht für den Euro. Die Staats- und Regierungschefs bestimmen den 1. Januar 1999 als Start der Währungsunion.

31. Dezember 1998

Die Wirtschafts- und Finanzminister der EU legen den Umrechnungskurs des Euro zu den elf Teilnehmerwährungen endgültig fest. Danach ist ein Euro 1,95583 D-Mark wert.

1. Januar 1999

Der Euro wird gemeinsame Währung der elf Länder. In Euro bezahlt werden kann per Scheck, Kredit- oder EC-Karte. Das alte nationale Geld bleibt noch das allein gültige Zahlungsmittel.

4. Januar 1999

Die Finanzmärkte nehmen den Handel mit Euro auf.

Juli 1999

Die Herstellung des neuen Bargelds läuft an.

1. Januar 2001

Griechenland wird nach Erfüllung der Beitrittskriterien zwölftes Euroland-Mitglied - allerdings mit frisierten Haushaltszahlen, wie sich später herausstellt.

1. September 2001

Beginn der Ausgabe von Noten und Münzen an Banken und Handel.

1. Januar 2002

Der Euro wird gesetzliches Zahlungsmittel.

1. März 2002

Die D-Mark verliert ihre Gültigkeit, kann aber weiterhin gegen Euro eingetauscht werden.

1. Mai 2004

Zehn Länder in Mittel- und Osteuropa sowie im Mittelmeerraum werden neue EU-Mitglieder. Sie müssen die Gemeinschaftswährung übernehmen, sobald sie die Konvergenzkriterien erfüllen.

1. Januar 2007

Als erster der neuen EU-Staaten wird Slowenien 13. Mitgliedsland der Euro-Zone. Ein Beitrittsgesuch Litauens wird hingegen von der EU-Kommission wegen überhöhter Inflation abgelehnt.

1. Januar 2008

Malta und die Republik Zypern führen den Euro ein.

1. Januar 2009

Die Slowakei führt den Euro ein.

Frühjahr 2010

Griechenland kommt in immer größere Finanznöte und muss als erstes Euroland Milliardenhilfen beantragen. Damit nimmt eine Schuldenkrise ihren Lauf, die sich trotz neuer Milliarden-Hilfspakete auch für Irland und Portugal bis Ende 2011 dramatisch verschärft.

1. Januar 2011

Zum Auftakt des schlimmsten Krisenjahres führt Estland den Euro ein - als erste frühere Sowjetrepublik. Damit leben gut 330 Millionen Menschen im Euro-Raum mit 17 Mitgliedsländern.

April 2011

Nach einem Hilferuf aus Lissabon setzt die EU ein Rettungspaket für Portugal in Gang. Höhe: Rund 80 Milliarden Euro. Schäuble sieht die Gefahr einer Ausbreitung der Krise zunächst als gebannt an: „Die Ansteckungsgefahr ist geringer geworden.“

Sommer 2011

Athen beantragt ein zweites Hilfspaket. Es beläuft sich schließlich auf 159 Milliarden Euro. Erstmals beteiligen sich auch private Gläubiger Athens, ihr Anteil beträgt rund 50 Milliarden Euro.

Herbst 2011

Nach einem Doppelgipfel beschließen die Euro-Länder das bislang dickste Paket zur Eindämmung der Krise: Griechenlands Schulden werden um 50 Prozent gekappt. Das im Juli beschlossene 109-Milliarden-Programm wird modifiziert: Nun soll es zusätzliche öffentliche Hilfen von 100 Milliarden Euro geben, sowie Garantien von 30 Milliarden Euro, mit denen der Schuldenschnitt begleitet wird. Die Schlagkraft der EFSF soll auf rund eine Billion Euro erhöht werden. Zudem müssen Europas Banken ihr Kapital um mehr als 100 Milliarden Euro aufstocken.

Frühjahr 2012

Die Eurogruppe einigt sich auf eine Stärkung ihrer Rettungsschirme auf maximal 800 Milliarden Euro. Die spanische Regierung beschließt das größte Sparpaket seit Wiedereinführung der Demokratie im Jahr 1977 in Höhe von 27 Milliarden Euro.

Sommer 2012

Nach langem Zögern flüchten Spanien und auch Zypern unter den Euro-Rettungsschirm. Der Finanzierungsbedarf beider Länder zur Rekapitalisierung ihres Bankensektors ist noch unklar.

1. Januar 2017

Der Euro wird 15 Jahre alt. Doch es gibt wenig zu feiert. In der großen Koalition wächst die Sorge vor einer neuen Euro-Krise - und das ausgerechnet im Wahljahr 2017. Die Krisenherde: Italien, Griechenland, Portugal und Frankreich. Die gute Lage in Deutschland gilt dagegen unter Experten als Sonderfall.

Europa muss also Platz machen am Gipfel für die nachrückenden Wanderer, damit es auf dem schmalen Plateau nicht zu eng wird und nicht zu Rangeleien kommt. Doch derzeit tut Europa noch das Gegenteil davon. Ein gutes Beispiel war die Wahl des Nachfolgers von Dominique Strauss-Kahn an der Spitze des IWF: Anstatt den Schwellenländern diesen Posten zu überlassen, verzichteten die Europäer kein Stück auf ihre Machtansprüche und setzten Christine Lagarde durch. Eberhard Sandschneider hätte sich Kooperationsgewinne erwünscht, „statt aus Gewohnheit und Mangel an politischer Phantasie an Privilegien festzuhalten, die es längst nicht mehr gibt“.

Doch warum fällt uns der Abstieg so schwer? Auch weil die Zuversicht so gering ist – nach einem Jahrzehnt der Rückschläge: Erst platzte die Internetblase. Dann erschütterten uns die Terroranschläge vom 11. September 2001 plus die von London, Madrid und Moskau, dazu kamen das Rohstoff- und Klimawandelproblem, dann die große Finanzkrise rund um die Lehman-Pleite (2008) und nun auch noch die Staatsschuldenkrise.

Kommentare (43)

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Kin

02.01.2012, 10:47 Uhr

selten so n schwachsinn gelesen.

Account gelöscht!

02.01.2012, 10:59 Uhr

Machen wir uns nichts vor, - demokratisch gehts hier schon lange nicht mehr zu. Faschistoid ist es, was gegenwärtig passiert und von den Europäischen Zeitgeistgestaltern an den Tag gelegt wird. Ganz klar !

Da werden neue Regierungschefs in Griechenland und Italien rigoros "hochgeputscht", nur eben nicht mehr militärisch, aber eben mit Gewalt von Dritten ins Amt gesetzt, was einem Putsch gleich kommt. Von Protagonisten der Polit- und Weltbühne die alles andere als im Handeln demokratisch agieren.

Ferner werden gegenwärtig die souveränen Nationalstaaten Europas Zug um Zug zugunsten eines Eurosuperstaates aufgeflöst - und auch d a s ohne demokratische Legitimation, sondern bestenfalls mit willkürlicher Machtausübng einzelner Individuen und Interessenslagen, die nur ihre egomanen Ziele umgesetzt sehen wollen. Und das auf Teufel komm raus.

Das Volk, bzw. der Volkswillen, d a s interessiert keinen mehr der politisch Verantwortlichen. Weder in Berlin und Paris und noch weniger in Brüssel und in Frankfurt.

Verkehrte Welt !?! Was eine subtile Heuchlerei.

Wer diese Wirklichkleiten und vorherrschende Realität "vor der Tür und am offenen Fenster" nicht wahrhaben will und immer noch den politischen Sprechautomaten glaubt in den Talkshows von Jauch bis Illner wie auch in den gängigen Nachrichten, der, - ja der ist wirklicher Träumer und Phantast.

Willkommen in 2012 - willkommen in der Wirklichkeit

ernstol

02.01.2012, 11:06 Uhr

Lieber Herr Giersch,
Sie übersehen bei Ihrem Artikel einen sehr wichtigen - und meines Erachtens auch ausschalggebenden - Aspekt: Die Natur des Menschen.

Der Mensch ist aggressiv, das war er schon immer. Aggressivität ist die treibende Kraft der Evolution.

Wenn Sie freiwillig auf etwas verzichten, nimmt Ihr Gegner dies zum Anlass Ihnen noch schneller und am besten gleich alles wegzunehmen.
Die Verzicht-Methode funktioniert nur, wenn alle - auch die weniger Wohlhabenden - mitmachen. Seien Sie aber versichert: Derjenige, der nichts oder wenig Wohlstand hat, ist nicht bereit Sie in Ruhe zu lassen, nur weil Sie im ein Stückchen abggegeben haben.

Aus Ihrem Artikel spricht das Gutmenschentum. Sehr löblich, jedoch leider unrealistisch. Ich fürchte, Sie müssen ein leider anderes Szenario entwickeln...

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