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18.01.2008

08:44 Uhr

NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers tröstet beim Besuch in Bochum öffentlichkeitswirksam eine Nokia-Mitarbeiterin. Foto: ap ap

NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers tröstet beim Besuch in Bochum öffentlichkeitswirksam eine Nokia-Mitarbeiterin. Foto: ap

So stellt sich die kleine Erna einen echten Arbeiterführer vor: die roten IG-Metall-Fahnen hinter sich, das Megafon vor der Brust und Gerechtigkeit auf den Lippen. Seit sich CDU-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers fernsehgerecht bei den Nokia-Arbeitern untergehakt hat, ist klar: Im Politkino läuft in den nächsten Tagen mal wieder der ganz, ganz alte Klassiker „Ich rette eure Arbeitsplätze“. Demonstrationen und Boykottdrohungen, Sondersendungen und politischer Betroffenheitstourismus nach Bochum sind programmiert.

Man könnte aufs Peinlichste prophezeien, wie die ganze Inszenierung abläuft. Wenn, ja wenn wir nicht gleich nach dem ersten Akt des Trauerspiels am Donnerstag eine überraschende Wendung erlebt hätten: Der finnische Konzern verweigert sich schlicht den trillerpfeifenbewehrten und hochdramatisierten Verhandlungen, die Rüttgers eine so wunderschöne Bühne bereitet hätten. Es gibt nichts zu verhandeln, lautet die simple Botschaft des Nokia-Vorstands.

So ist es. Standortentscheidungen sind unternehmerische Entscheidungen par excellence. Fehler auf diesem Gebiet trieben schon ganze Großkonzerne in die Pleite. In vielen Branchen, die in hartem Wettbewerb stehen wie die Handyhersteller, gehören regelmäßig Betriebsverlagerungen zum Alltagsgeschäft. In der Textilindustrie zieht die Karawane beispielsweise seit 20 Jahren im Zwei- bis Dreijahrestakt weiter: heute China, morgen Bangladesch und übermorgen vielleicht Laos. Nur weil dieses Spiel funktioniert, kaufen wir unsere T-Shirts immer noch für ein paar Euro. Auch Mobiltelefone gehören heute zur industriellen Massenware, produzierbar an jedem Ort der Welt.

Kluge Entwicklungsländer wie China wissen, dass es gegen den Strukturwandel nur ein einziges Mittel gibt: sich ihm nicht zu widersetzen, sondern immer höherwertige Waren zu produzieren. Was Chinesen und Inder längst begreifen, will offenbar nicht in die Hirne unserer Politiker. Sie glauben immer noch, sie könnten sichere Arbeitsplätze mit Subventionen kaufen. Wenn die Rechnung wieder mal nicht aufgeht wie bei Nokia, ereifern sie sich moralisch über „Subventionsbetrug“. Dabei sind Rüttgers und Co in Wahrheit selbst Betrüger – weil sie den Menschen etwas vorgaukeln, was es nicht mehr gibt: staatliche Garantien auf Dauerarbeitsplätze.

Wir haben an dieser Stelle im Handelsblatt schon im Juni 2005 prophezeit, dass „spätestens in drei Jahren“ in Deutschland keine Handys mehr montiert werden. Man brauchte nicht Pythia zu sein, um diese Prognose zu wagen. Die ökonomischen Fakten sprachen schon damals eine eindeutige Sprache. Seitdem sind viele politische Rettungsversuche für die Handyproduktion in Deutschland vergangen, ohne dass sich an den Fakten irgendetwas geändert hätte.

Wir wagen deshalb eine weitere Prognose: Die hochsubventionierte Chip-Industrie im Raum Dresden wird in einigen Jahren das gleiche Debakel erleben. In schöner Regelmäßigkeit verpulvert Georg Milbradt neue Steuermillionen für sein „Silicon Saxony“. Im jüngsten Subventionswettlauf verlor Dresden trotzdem schon gegen New York. Und irgendwann zieht der US-Konzern AMD ganz weiter. Und dann wird wieder demonstriert: Die Wette gilt.

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