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30.06.2012

15:16 Uhr

Wiebes Weitwinkel

Finanzwelt stolpert über ihre Formeln

VonFrank Wiebe

Banken und Hedgefonds planen Geschäfte immer stärker auf Basis mathematischer Modelle. Doch in Krisenzeiten enttäuschen diese häufig mit ihren Vorhersagen. Stattdessen sollten Politprofis jetzt das Wahrsagen übernehmen.

Börsenspezialisten im Handelssaal der Wertpapierbörse in Frankfurt am Main. dpa

Börsenspezialisten im Handelssaal der Wertpapierbörse in Frankfurt am Main.

Die Menschen haben jahrtausendelang ihr Geld mit einer Mischung aus Intuition, gesundem Menschenverstand und ein paar Faustregeln angelegt. Dann kam vor wenigen Jahrzehnten die Mathematik dazu. Statt Kursverläufe einfach nur aufzumalen, gilt es seitdem, Trends mit Formeln zu beschreiben - in der Hoffnung, so auch die Zukunft berechnen zu können. „Trendfolger“ sind ein wichtiger Bereich der Hedge-Fonds-Branche. Die Mathematisierung der Finanzwelt geht aber noch weiter: Manche Versicherungsvorstände verbringen einen großen Teil ihrer Zeit mit dem Versuch, Risikomodelle zu verstehen. Und die Banken „modellieren“ ihre Risiken längst auch nach den Regeln der mathematischen Wissenschaft.

Was aber passiert, wenn es keine richtigen Trends mehr gibt? Wenn Wahrscheinlichkeiten nicht mehr zu berechnen sind, weil Ereignisse wie Bankzusammenbrüche oder politische Krisen die Märkte bestimmen? Es gibt zwar auch Methoden, Wahrscheinlichkeiten für seltene Ereignisse zu berechnen, aber die stoßen schnell an Grenzen. Deswegen hat sich schon zur großen Finanzkrise 2008 gezeigt: Wenn die Welt in Unordnung gerät, funktioniert die Mathematik nur noch schlecht.

Und genau das passiert jetzt mit der Euro-Krise erneut. Es lässt sich zum Teil auch an den schlechten Ergebnissen der Hedge-Fonds ablesen. Welche Folgen die Unberechenbarkeit - im wahrsten Sinne des Wortes - für Risikomodelle hat, lässt sich dagegen von außen kaum einschätzen.

Frank Wiebe ist Kolumnist. Pablo Castagnola

Frank Wiebe ist Kolumnist.

Bedenklich ist nur, dass nicht nur für Banken, sondern auch für Versicherer diese Modelle eine immer größere Bedeutung bekommen, weil sie zunehmend die alten Daumenregeln zur Bestimmung des Eigenkapitals ablösen. Und ein erfahrener Finanzaufseher sagte neulich lapidar: „Immer dann, wenn solche Modelle angewendet werden, ist das Eigenkapital am Ende niedriger.“ Denn die Mathematik suggeriert einen Erkenntnisvorsprung, der höhere Risiken als annehmbar erscheinen lässt. Gerade Mathematiker warnen daher immer wieder davor, mathematische Modelle zu überschätzen. Die gute Nachricht ist: Die deutsche Finanzaufsicht (Bafin) achtet inzwischen sehr darauf, dass Entscheidungsträger den Modellen nicht blind folgen, sondern sie mit ihrem eigenen Urteilsvermögen überprüfen.

Im Grunde müssten aber Hedge-Fonds heute statt mathematischer Genies vor allem Experten beschäftigen, die politische Entwicklungen richtig einschätzen können. Nicht zufällig berichten meine Kollegen in New York, dass manche Fonds dort geradezu süchtig sind nach Einschätzungen der Entwicklungen in der Euro-Zone. Auch in London gibt es Hedge-Fonds-Manager, die sich tief in die europäische Wirtschaftsgeschichte einarbeiten und sehr genaue Vorstellungen zum Beispiel darüber entwickeln, wie unterschiedlich protestantische und katholische Länder funktionieren - oder auch nicht funktionieren. Denn es lässt sich kaum noch eine Wette auf irgendeine Kursentwicklung abschließen, bei der die Euro-Krise keine Rolle spielt.

Die gute Nachricht hier: Der Mensch ist eben doch nicht durch den Computer zu ersetzen. Denn „Quant“-Fonds, die allein auf Formeln beruhen und zum Teil sogar automatisch handeln, sind in Krisenzeiten schnell überfordert und erwirtschaften mit ungeheurem intellektuellem Aufwand häufig nur noch dürftige Ergebnisse.

Die schlechte Nachricht: Auch mit noch so viel menschlicher Intelligenz lassen sich politische Entwicklungen kaum im Voraus einschätzen. Geldanlage bleibt eben auch Glücksache - wie sie es seit Jahrtausenden schon ist.

Der Autor ist erreichbar unter: wiebe@handelsblatt.com

Kommentare (5)

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RM90

30.06.2012, 16:11 Uhr

Sorry Herr Wiebe,
aber Ihr Artikel ist meiner Meinung nach ziemlich pauschalisierend und beinhaltet keine neuen Informationen.
Das während der Finanzkrise stark vereinfachte mathematische Modelle stümperhaft verwendet wurden ist denke ich den Meisten bewusst. Trotzdem ist die Mathematik ein wertvoller Bestandteil modernes Risikomanagements. Außerdem ist es nichts Neues, dass Trendfolger in Zeiten von nervöses politisch getriebenen Börsen schwächeln, trotzdem helfen selbst einfachste Trendfolgemodelle große Drawdowns zu verhindern und viele Trendfolgefonds und Hedgefonds haben dies auch eindrucksvoll während der Finanzkrise getan. Eine Klasse von Strategien für überholt zu erklären nur weil sie aktuell Schwierigkeiten hat ist ein wenig überhastet. Keine Strategie funktioniert in jeder Marktphase gut.

fund

01.07.2012, 10:12 Uhr

Das Problem ist das die "politische Elite" keine Elite ist, sondern größtenteils aus Lehrern, Studienabbrechern und Normalos besteht. In den letzten 20 Jahren haben die deutschen Wirtschaftsunis ihre Hausaufgaben gemacht mit der mathematischen Formalisierung von wirtschaflichen Zusammenhängen. Warum? Weil sie Mathematikprofessoren selbst in Marketing, siehe Mannheim, eingestellt haben. Die Politik löst Probleme aber lieber noch mit Herz, siehe Kraft NRW. Selbst Frau Merkel hat es nicht geschafft sich durchzusetzen. Die Politik braucht eine größere Formalisierung. Entscheidungen auf Grund von Daten treffen und nicht aus dem Bauch heraus.

Mazi

01.07.2012, 20:14 Uhr

@RM90
Ich schließe mich Ihrer Kritik an und zweifle auch den Sachverstand des Autors an. Meine Kritik geht dahin, dass mathematische Modelle im Handel mit mathematischen Modellen in der aufsichtsrechtlichen Risikokontrolle gleichgesetzt werden. Wissen wir doch, dass selbst gute Modelle mit Wahrscheinlichkeiten von maximal 99 % arbeiten. Diesen Gedankengang auf die aufsichtsrechtliche Risikobeurteilung übertragen, werde ich an einen früheren Spruch eines sehr kompetenten Wirtschaftsprüfers erinnert:
"Das Jahr hat ca. 200 Arbeitstage. An 99 % der Arbeitstage ist das Risiko der Bank im Rahmen. Nur an zwei Tagen im Jahr ist sie pleite."

Zugegeben, sachlich passt es nicht ganz. Aber es bringt zum Ausdruck, dass die Überlebensfähigkeit einer Bank etwas völlig anderes ist als das Risikoprofil eines Handelsgegenstands.

Wenn man den Vergleich zu früher sucht, dann heißt es nicht, dass die früheren Risikomodelle besser waren sondern es bringt zum Ausdruck, dass die früheren Vorstände in Kenntnis der Grobschlächtigkeit ihres Risikomanagements vorsichtiger agierten als die heutigen, die es auch nicht verstehen, aber ihren Modellen mehr glauben als ihrem Verstand.

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