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18.08.2012

14:39 Uhr

Wiebes Weitwinkel

Jeder zahlt, keiner will Zugang

VonFrank Wiebe

Das Prinzip der Allmende bedeutet freien Zugriff für jedermann. Im Internet funktioniert das Konzept größtenteils schon ganz gut. Öffentlich-rechtliche Sender wie der WDR haben dagegen noch Nachholbedarf.

Frank Wiebe

Der Autor

Frank Wiebe ist Handelsblatt-Korrespondent in New York.

Sonntagabend war er wieder auf Sendung mit seinem „3. Bildungsweg“: Jürgen Becker, der rheinischste aller Rheinländer. Ein Kabarettist erster Klasse – mit einer kaum verhohlenen politischen Botschaft. Immer wieder schafft er es, seinen Fans die Welt so zu erklären, dass jeder sie versteht. So auch am Sonntag: Bei der Deutschen Bank arbeiten Verbrecher, die wahren Helden der Nation sind Genossenschaftler aus dem Bergischen Land oder dem Westerwald, reiche Leute spenden nur aus Geltungssucht, und die einzig wahre Wirtschaftsordnung ist die Allmende.

Allmende? So hieß früher der Dorfanger, auf den jeder seine Kühe treiben konnte, der keinen eigenen Grund und Boden hatte. Becker will also nicht zurück zum Rheinischen Kapitalismus, den ja inzwischen fast alle in Deutschland wieder gut finden – sondern gleich zurück ins Dorf; keine leichte Entscheidung für einen Kölner.

Genossenschaft und Allmende sind zunächst einmal zwei völlig unterschiedliche Konzepte. Im ersten Fall gibt es eine größere Schar von Eigentümern, die Genossen, und eine Organisation, die sich darum kümmert, die Genossenschaft. Im zweiten Fall gibt es keine Eigentümer und keinen, der sich um etwas kümmert. Um das zu erleben, muss man nicht aufs Dorf gehen, es reicht, den Computer hochzufahren. Das Internet ist eine moderne Allmende – mit allen Vor- und Nachteilen. Beim Internet gilt auch: Jeder kann auf fast alles kostenlos zugreifen.

Und keiner ist so richtig verantwortlich, was da passiert. Und, damit zusammenhängend: Es ist schwierig, dort etwas wirklich Wertvolles aufzubauen, weil alle davon profitieren, weitgehend ohne Gegenleistung. Genauso wie es sich kaum lohnt, auf die Allmende einen wertvollen Baum zu pflanzen, wenn hinterher alle davon ernten.

Im Laufe der Jahrtausende und Jahrhunderte wurde gemeinschaftlich genutzter Boden immer mehr aufgeteilt – ein Vorgang, der weltweit bis heute andauert. Bei geistigem Eigentum wurde die Allmende – der freie Zugriff von jedermann – seit ungefähr zwei Jahrhunderten durch die Schaffung von Urheberrechten weitgehend in Privateigentum verwandelt.

Aber diese Gartenzäune hat das Internet weggeschwemmt – jetzt stehen Autoren, Musiker und Verlage vor der schwierigen Aufgabe, sie wieder zu errichten. Und wie früher auf dem Dorf gibt es heute auch Leute, die den freien Zugang zur Allmende eisern verteidigen.

Die Allmende ist also ein ganz modernes Thema. Die amerikanische Ökonomin Elinor Ostrom, im vergangenen Juni verstorben, hat sich dieser Problematik gewidmet und dafür 2009 den Nobelpreis bekommen. Dabei vertrat sie die Meinung, dass Allmenden, die von den direkt Betroffenen verwaltet werden, in manchen Fällen staatlichem Besitz ebenso wie einer Privatisierung überlegen seien.

Aber nur unter der Voraussetzung, dass es eine Institution gibt, die sich darum kümmert, und dass Außenstehende auch tatsächlich außen vor bleiben – damit ähnelt das Konzept wieder dem der Genossenschaft. Davon ist die Allmende Internet ziemlich weit entfernt.

Und wie schaut es beim Fernsehen aus? Die Privatsender schaffen auch eine Art Allmende: Jeder hat freien Zugang, dafür wächst eine Menge Unkraut. Aber der WDR, wo Jürgen Becker zu Hause ist, betreibt als öffentlich-rechtlicher Sender eine Art umgekehrter Allmende. Es gilt nicht: Jeder hat Zugang, keiner zahlt. Sondern: Jeder zahlt – auch wenn er gar keinen Zugang haben will. Kein Wunder, dass in Beckers letzter Sendung spaßeshalber ein echter Geldschein geschreddert wurde – die Anstalt hat ja genug davon...

Kommentare (3)

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Mitbuerger

19.08.2012, 11:44 Uhr

Die ständige Aufblähung des öffentlichen Rundfunks geht schon seit Jahrzehnten, so wie ich glaube (mir ist im Moment keine unabhängige Umfrage bekannt), gegen die Interessen der Bürger. Aber die Parteiendemokratie schafft es offensichtlich nicht, diesen Missstand zu beseitigen. Diese Staatsform kennt nur eine Richtung: Immer mehr Regelungen (Verkomplizierung des Lebens), Bürokratie, Abgaben, Institutionen und nicht zuletzt Schulden.

DrCoaleonesErbengemeinschaft

21.08.2012, 08:53 Uhr

Sozusagen gibt der Staatsbürger schon in jungen Jahren die Pappe ab und wird nur noch verwaltet. Gut für diejenigen, welche unter dem Deckmantel des Staatsdieners, in welcher Form auch immer, Zuflucht gefunden haben. Sie verwalten sich sozusagen in Selbstverwaltung; sehr verantwortungsvoll wohlbemerkt.

Ein Problem, das wahrscheinlich jeder kennt, eigentlich nur wenige zufriedenstellt und die Vielzahl der BürgerINnen belastet.

Account gelöscht!

21.08.2012, 12:00 Uhr

"Genauso wie es sich kaum lohnt, auf die Allmende einen wertvollen Baum zu pflanzen, wenn hinterher alle davon ernten."
Sorry Herr Wiebke, aber genau hier ihr Denkfehler. Es lohnt sich durchaus auch einen wertvollen Baum zu pflanzen - und zwar für alle. Ist das etwas schlechtes?

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