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25.01.2010

13:31 Uhr

Wirtschafts-Weltmacht Indien

Ausgebremst von der eigenen Bürokratie

VonHelmut Hauschild

Wenn die Verwaltung so spuren würde, wie Indiens Unternehmer es wünschen, wäre das Land weiterentwickelt. Aber die Selbstgefälligkeit der Bürokraten ist störender Ballast.

Wenn Bundespräsident Horst Köhler Anfang kommender Woche zum Staatsbesuch nach Indien reist, dann wird er dort auf sehr viel Selbstbewusstsein treffen. Die Wirtschaftskrise? Haben die Inder locker weggesteckt! Um mehr als sieben Prozent wird das Bruttoinlandsprodukt im Fiskaljahr bis März voraussichtlich wachsen. Das Gewicht in der Weltpolitik? Hat mit der Aufnahme in die G20 deutlich zugenommen! Und immer häufiger wird Indien als kommende Weltmacht in einem Atemzug mit China genannt. Sagt das nicht alles über seinen Aufstieg in einer Zeit, in der andere tief in den Abgrund schauen?

Es stimmt schon. Indien hat das schwierige Jahr 2009 erstaunlich gut gemeistert. Doch es gibt auch Widerspruch gegen das selbstgefällige Schulterklopfen seiner Eliten. Er kommt ausgerechnet von den beiden Unternehmern, die in dem Land der Erben Gandhis das höchste Ansehen genießen: Ratan Tata und Lakshmi Mittal. Sie stehen für Erfolgsgeschichten, wie sie auch Indiens Politik gerne für sich in Anspruch nimmt, aber nach Meinung der beiden Unternehmerikonen nicht auf die Reihe bekommt.

Tata, der mit bewundernswerter Beharrlichkeit ein verschnarchtes Konglomerat zum Innovationsführer mit visionären Produkten wie dem Miniauto Nano getrimmt hat, legte kürzlich frustriert den Vorsitz einer Reformkommission der Regierung nieder, weil ihre Ratschläge beständig überhört wurden. Dem in London lebenden Stahlmagnaten Mittal platzte der Kragen, nachdem er seit fünf Jahren vergeblich versucht, in den bitterarmen Bundesstaaten Orissa und Jharkhand 20 Mrd. Dollar zu investieren. Indien sei unfähig, große Projekte umzusetzen, wetterte Mittal öffentlich. So scharf äußern sich indische Topunternehmer selten.

Premierminister Manmohan Singh hat darauf wenige Tage später reagiert. Er verstehe die Frustration über den langsamen Fortgang der Dinge, räumte er ein. Singh hat damit freilich nur das Offensichtliche beim Namen genannt: Indiens fortschrittsfeindliche Bürokratie bremst auch zwei Jahrzehnte nach der wirtschaftlichen Öffnung des Landes jede unternehmerische Initiative. In der Doing-Business-Rangliste der Weltbank belegt Indien einen erschütternden 133. Platz. Damit ist es für den Wettbewerb der Schwellenländer um Kapital und die künftigen Spitzenplätze in der Weltliga nicht fit. Sichtbar wird das zum Beispiel bei den ausländischen Direktinvestitionen. Sie sind trotz des Indien-Hypes deutlich geringer als in den anderen Bric-Staaten. Wer viel Geld ausgibt, der schaut nämlich zweimal hin.

Singhs offenes Eingeständnis der Defizite seines Landes ist löblich. Doch ist er auch entschlossen, sie auszuräumen? Seine Rechtfertigung gegenüber Mittals Kritik weckt Zweifel: Indien sei zwar ein langsamer Elefant, doch mit jedem Schritt hinterlasse er einen tiefen Fußabdruck, beschwichtigte der Premier. Am Ende des Tages, so muss man seine Worte wohl interpretieren, wird alles gut. Es könnte aber auch ganz anders kommen: Der Elefant tritt so lange auf der Stelle, bis er mit den Füßen im Boden versinkt.

Beispiele dafür gibt es viele. Ausländische Konzerne von Ikea bis EADS können ihre Investitionspläne nicht umsetzen, weil die Regierung die Restriktionen in vielen Branchen trotz anderslautender Versprechen sogar noch verschärft. Indische Firmen wie Bharti Airtel scheitern bei der Expansion ins Ausland, weil ihre Übernahmepläne mit einem antiquierten Misstrauen des Staates gegen den freien Kapitalverkehr kollidieren. Der Mobilfunksektor verliert den technologischen Anschluss, weil ein Machtkampf der Ministerien seit Jahren die Auktion der UMTS-Lizenzen blockiert.

Hier muss Singh eingreifen. Doch in der Wirtschaftspolitik, dem Schlüssel zur Befreiung Hunderter Millionen Inder aus der Armut, hat seine zweite Amtszeit bisher enttäuscht. Die große Steuerreform kommt nicht voran, ebenso wenig die von zahllosen Expertengremien geforderten Reformen des Finanzsektors, des Arbeitsrechts und des Bildungswesens.

Dabei ist Singhs Handlungsspielraum seit dem Wahltriumph seiner Kongresspartei im Mai größer denn je. Anders als in der vorangehenden Legislaturperiode braucht er die reformfeindlichen Kommunisten als Mehrheitsbeschaffer nicht mehr. Indien mit seinen erfolgshungrigen, unternehmerisch denkenden Menschen hat immenses Potenzial. Das hohe Wachstum im Krisenjahr 2009 hat das eindrucksvoll gezeigt. Aber die Welt wandelt sich zu schnell, als dass Singh selbstgefällig auf die schiere Größe des Elefanten setzen kann. Er muss ihm Beine machen.

Kommentare (1)

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globalvoter.org

26.01.2010, 00:28 Uhr

Es scheint sich immer noch nicht ausreichend herumgesprochen zu haben, obwohl in der Geschichte nachzulesen. Jeder Untergang einer Gesellschaft wird von der Dekadenz, getragen von der bürokratie, eingeleitet. Das Mittelmaß dieser Herrscher der Paragraphen ist der Anfang vom Ende. Dieser Zyklus scheint sich unbeirrbar durchzusetzen. Nicht nur indien ist befallen von diesem Virus. brasilien genauso wie Volksheim! Keiner, allerdings hat den Mut über diesen Mißstand und sich seines Ursprungs zu verlauten. Das kostet nämlich Stimmen! Und da wären wir beim Thema! Die "Quantitative Demokratie": One man, one vote, ist der Auslöser der Dekadenz, weil die Masse der Unterdurchschnitt-lichkeit, die Mehrheit dominiert! Auch in indien! Die Mittelmäßigkeit ist durchaus keine Krankheit, jeder ist auch ein bestandteil von ihr, aber langfristig zieht sie in der akumulierten, zwangsläufig immer unterdurchschnittlicheren Entscheidungmasse, die Gesellschaft nach unten! Die Abwärtsspirale, die wir erleben, auch in den bRiC Staaten, den USA, etc., ist der Triumph derzeitiger bürokratischer Macht. Die Neue Demokratur! Wenn wir unsere Demokratie nicht innovieren, werden uns die "big brother bürokraten" schon das fürchten lehren! So geht es nicht nur indien. in brasilien, z.b., heißt es: "Das Land wächst Nachts, wenn die bürokraten schlafen!"

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