Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.09.2014

06:31 Uhr

ZDF-Sendung „Precht“

Gemeinsam gegen Google

VonChristian Bartels

Im ZDF sprachen Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart und Philosoph Richard David Precht über Google, die Karnevalisierung von Daten und das Kommunistische Manifest. Am Ende waren sich beide ziemlich einig – leider.

ZDF-Moderator Richard David Precht (links) im Gespräch mit Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart. ZDF/Svea Pietschmann

ZDF-Moderator Richard David Precht (links) im Gespräch mit Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart.

BerlinFür Handelsblatt Online eine Talksendung zu besprechen, deren einziger Gast der „Handelsblatt“-Herausgeber Gabor Steingart ist – das ist nicht unheikel. Schließlich schreibe ich keine Gefälligkeitstexte, könnte aber auch kaum den Chef des Auftraggebers kritisieren. Andererseits, ich arbeite nicht in der Redaktion, habe mit Steingart überhaupt nichts zu tun, und wenn ich Talkshows bespreche, rezensiere ich ohnehin nicht die Ansichten der Gäste, außer wenn sie arg aus dem Rahmen fallen. Dass jeder, der im Fernsehen sitzt, Positionen seiner Partei, seines Arbeitgebers oder Interessenverbandes vertritt, versteht sich. Aufmerksamkeit verdient, wenn jemand es nicht tut. Es geht darum, ob die Sendungen Gäste sinnvoll ins Gespräch bringen, ihr im Titel formuliertes Ziel erreichen und das Einschalten sich gelohnt hat.

„Wer kontrolliert die digitalen Supermächte?“ heißt Prechts aktueller Sendungs-Titel. Steingart hat unter anderem in der von Frank Schirrmacher initiierten Digitaldebatte der „FAZ“ einen Text über das „neofeudalistische Google-Monopol“ geschrieben, an dem die klassischen Verlage aber auch selbst schuld seien. Darum dürfte es gehen, vielleicht um das Leistungsschutzrechtrecht für Verlage – ein nicht nur meiner Meinung nach diffuses, vor allem gegen Google gerichtetes Gesetz, zu dem deutsche Verlage die vorige Bundesregierung überredet hatten. Darüber ließe sich lange streiten, auch wenn es wegen seiner Schwammigkeit noch gar nicht angewendet wird.

Also, Richard David Precht und Steingart sitzen unter vielen grellen Scheinwerfern vor schwarzem Hintergrund an einem kleinen Tisch. Es sieht aus wie eine unangenehme Verhörsituation. Prechts langes Haar und sehr offenes Hemd verdecken erst mal, dass er (Jahrgang 1964) und sein Gesprächspartner (1962) fast gleich alt sind. „Wir sind ja beide aus der Nicht-Internet-Zeit“, sagt Steingart. Zur direkt „jungen Generation“, die wenig Wert auf Datenschutz lege, erwidert Precht, gehörten sie nicht mehr.

„Wir wissen, wo du bist. Wir wissen, wo du warst. Wir können mehr oder weniger wissen, was du gerade denkst" – mit diesem vier Jahre alten, vielfach diskutierten Zitat des Google-Chefs Eric Schmidt startet Precht. Steingart warnt schon nach drei Minuten vor „typisch deutscher kulturpessimistischer Panikstimmung“. Sein hübsches Beispiel: die Verfügbarkeit des „Kommunistisches Manifests“. Früher, „in Pforzheim, Aschaffenburg oder Flensburg“, sei es schwierig zu besorgen gewesen. Heutzutage hat man es in einer Minute downgeloadet.

Die Überraschung der Sendung: Genau so eine Panikstimmung schürt schließlich Precht, Steingart tritt ihr mit Hinweis auf den „selbstbefreienden Aspekt des Internets“ zunehmend entgegen. Während Precht nicht anspricht, welche Rolle sein Gast als Vertreter eines Presseverlags inne hat, weist Steingart darauf hin, dass Google eine „Abzweigung der Werbeindustrie“ sei, in der die Verlagsgruppe Handelsblatt ebenfalls tätig ist, etwa als Eigentümer des Vermarkters iq media. „Dafür wollen wir auch ein bisschen was wissen über die Nutzer“, sagt er, bloß nicht so viel, wie Google wissen wolle.

Ob der Geschäftsführungsvorsitzende einer Verlagsgruppe der richtige ist, davor gewarnt zu werden, was jeder Jugendliche längst hunderte Male gehört hat – dass potenzielle Arbeitgeber dank des Internets Profile über ihn erstellen, womöglich auch direkt bei Google bestellen könnten –, ist zumindest zweifelhaft. Aber der Fernsehphilosoph legt in langen Sätzen unbeirrbar seine Meinung dar, doziert über Isaiah Berlin und das Freiheitskonzept der alten Griechen, und betont seine eigenen Schlüsselbegriffe scharf: „Mega-Server“, „Mündigkeit“, „Matrix“ lauten sie, letzteres vielleicht auch, weil die Bedeutung im Deutschen relativ diffus ist.

Doch hat Google wirklich „ganz konkrete Vorstellungen, wie Menschen in zehn, 20 oder 50 Jahren leben sollen“, geäußert? Gehören zu diesem künftigen „kompletten Wohlfühlbevormundungssystem“ gar „intelligente Tapeten“, die mit einem sprechen und ihre Empfehlungen auch noch, ausgerechnet, „ausdrucken“, wie Precht behauptet? Möchte Google in medizinischen Geräte von Siemens und General Electric Daten von Menschen in der Umgebung abrufbar machen, die medizinische Begriffe gegoogelt haben, wie Steingart sagt? Auch wenn Fernsehen kein Hypertext ist, in den sich Links einfügen lassen (wobei mit Einblendungen zu arbeiten für nicht live ausgestrahlte Sendungen möglich wäre): Belegstellen zu nennen, wäre schön gewesen.

Kommentare (5)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Freund Hein

08.09.2014, 07:44 Uhr

Lieber Herr Steingart!

Sie haben offenbar Gedächtnisstörungen. "Früher", also zu Zeiten Ihrer Jugend Ende der 70er, konnte man das KM in jeder Buchhandlung als Reclam-Heftchen für kleines Geld erwerben. Viele hatten es auf Lager oder man bestellte es innerhalb eines Tages unter einem Namen wie Fritz Mayer. Wer in Flensburg darauf wert legte, dass auch PoPo, VS und MAD im Bild waren, kaufte den Bestandsartikel im politischen Buchladen Tigerberg. Ich habe da aber ganz andere Sachen gekauft. Das KM befand sich in meinem Bestand, weil ich es für den Unterricht an einem kommunalisierten "staatlichen naturwissenschaftlichen Knabengymnasium" in NRW in derselben Buchhandlung gekauft habe, in der ich auch immer meine Schulbücher erwarb. So war das früher.

Nicht dunkler war es, sondern anders! Im Gegentum, um mal einen Spruch der Zeit zu recyceln: Das Internet vergisst wie von Sinnen. Nur wenige Seiten posten Inhalte, die älter als z.B. 5 Jahre sind. Von Nachrichten aus dem letzten Jahrtausend ganz zu schweigen.

Heutzutage bekommt aufgrund der Übermenge unwesentlichen Datenmülls, der einen bei jeder Gelegenheit überschwemmt (wenn das Suchergebnis nicht leer ist), eher schlechter an Informationen. Lesen Sie doch noch mal Jamiris Schwanzvergleich bezüglich Internetsuchergebnisse mit Wiglaf Droste (das ist als Comic online).
Und vergleichen Sie es dann mit den Zahlen der aktuellen ergebnisse einer gerade durchgeführten Suche.

Douglas Adams nannte es im "Anhalter" glaube ich "Verstecken durch offenes Präsentieren" oder ähnlich. Da kommen Sie mit Ihren Bildungslücken vielleicht weiter...

Sergio Puntila

08.09.2014, 07:50 Uhr

Gemeinsam gegen Google

...und Google ist auch nur Teil des Problems und nicht das Problem ansich.
Man kann sich noch so vieler anderer Suchmaschinen bedienen wollen: beim FB-Account wars das dann mit der Datendisziplin - dabei alimentiert der FB-User den Laden ebenso wie der Google User den anderen Laden alimentiert - und zieht allerdings auch selbst einen Nutzen: den der Accountnutzung.

Der Useraccount ist ohnehin ein Vertrag auf Gegenseitigkeit: Der User liefert seine persönlichen Daten kostenfrei und darf dafür den angebotenen Content (bislang noch weitgehend) kostenfrei nutzen.

Soweit so gut.

Und dann geht es ja auch noch weiter...
Und dann ist auch die Sendezeit um.

Interessant war die Sendung, nur wegen Steingart gesehen btw, allemal.

Precht ist und bleibt ein Dünnbrettbohrer^^

Sergio Puntila

08.09.2014, 08:04 Uhr

Fürs Puntila QM nachgebessert:

Prescht argumentierte in der Sendung jedenfalls dünnbrettig.

Es wäre unfair: ihm das für alle Zeiten weiter attestieren zu wollen.

Aber schade war es schon, ein solches Thema dermaßen an der Oberfläche plätschern zu sehen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×