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22.07.2012

11:18 Uhr

Zertifizierungs-Wahnsinn

Nicht alles, was zertifiziert ist, ist gut

VonDieter Fockenbrock

Wir Deutsche lieben Zertifizierungen. Sie lassen uns glauben, alles sei in bester Ordnung. Jetzt will der Bund auch Piratenbekämpfer zertifizieren. Eine Garantie für deren Qualifikation ist das aber noch lange nicht.

Dieter Fockenbrock

Der Autor

Dieter Fockenbrock ist Chefkorrespondent im Ressort Unternehmen & Märkte.

Die Bundesregierung plant eine Zertifizierung für Sicherheitskräfte, die auf hoher See ihren Dienst gegen die ausufernde Piraterie tun. Seit Jahren kapern Bewaffnete bevorzugt vor der somalischen Küste Frachter, setzen Crew und Schiff fest - und erzwingen meist hohe Lösegelder.

Das Unwesen an sich wird Berlin kaum verhindern können, es sei denn mit massivem militärischem Einsatz. Aber: Zumindest auf Schiffen mit Deutschlandflagge soll es nach Recht und Gesetz zugehen. So wie an Land.

Darauf konnten die Reeder nicht warten. Seit langem schon werden ihre Schiffe attackiert, 50 im Schnitt pro Jahr. Selbsthilfe ist angesagt. Unter den gegebenen Bedingungen ist davon auszugehen, dass sich so manche Abwehrschlacht vor der afrikanischen Küste in einer juristischen Grauzone abspielt. Wer sich gegen schwer bewaffnete Kriminelle wehrt, wird nicht zimperlich sein. Und: Mit wachsendem Welthandelsvolumen ist das ein lukratives Geschäftsfeld. Aus Sicht des Gesetzgebers ist „dringender Handlungsbedarf“ angesagt.

Andererseits: Stellen wir uns einmal die Tüv-zertifizierte Sicherheitsfachkraft vor, beschäftigt bei einem US-Dienstleister, aber mit Waffenschein, ausgestellt vom Bezirksamt Berlin-Mitte und mit Compliance-Training im Ausbildungszentrum Ost des Technischen Überwachungsvereins. Wir stellen uns vor, wie diese Person gegen Piraten antritt, die weder Recht noch Gesetz kennen, geschweige denn ihr eigenes Leben wertschätzen. Und das alles auf hoher See, jenseits der Drei-Meilen-Zone.

Zertifizierungen haben für uns Deutsche etwas Faszinierendes. Sie signalisieren: alles in bester Ordnung. Deswegen sind wir vermutlich auch Weltmeister im Standardisieren, Beglaubigen, Attestieren. Die Wirtschaft sieht sich inzwischen einer wahren Zertifizierungs-Welle ausgesetzt. Beliebte Betätigungsfelder sind all die Gebiete, in denen etwas schiefgehen kann. So auch in der Unternehmensführung. Deshalb überrascht niemanden das vom Institut der Wirtschaftsprüfer entwickelte Zertifikat PS 980 für Compliance-Management-Systeme. Seit dem Bestechungsskandal bei Siemens arbeiten fast alle Unternehmen daran, eine solche Katastrophe bei ihnen selbst zu verhindern. Und wenn doch, kommt die Frage: Nach welchen Kriterien funktioniert euer Compliance-System? Dieser Punkt könnte am Ende gerichtsrelevant sein.

Andererseits: Sind standardisierte Zertifizierungen geeignet, der Wirklichkeit gerecht zu werden? Denken wir nur an die zertifizierten Piratenbekämpfer am Horn von Afrika.

Nun sollten wir diese Berufsgruppe nicht mit Aufsichtsräten gleichsetzen. Trotzdem: Das Problem ist vergleichbar. Allein in den wichtigsten deutschen Aktiengesellschaften sitzen 2 000 Kontrolleure, die keinerlei Qualifizierungsnachweis zu erbringen haben, obwohl sie milliardenschwere Firmen mit Millionen Arbeitsplätzen beaufsichtigen.

Aber wir wären nicht in Deutschland, gäbe es keine Zertifizierung für Aufsichtsräte. Die rege und wichtige Debatte der letzten Jahre um die Qualität der Unternehmenskontrolle hat eine Qualifizierungsindustrie hervorgebracht. Zertifizierung bis hin zum Siegel des „Tüv Rheinland“ für Räte und Beiräte. Genauso heftig wie über Qualifikation wird über Sinn und Unsinn solcher Testate gestritten.

Zertifizierungen können nur eins: belegen, dass der Proband erfolgreich an einer Bildungsmaßnahme teilgenommen, Wissen erworben und in simulierten Tests korrekt gehandelt hat. Ob Sicherheitskräfte oder Aufseher aber das Gefühl für kritische Situationen haben, ob sie besonnen handeln und die richtigen Entscheidungen treffen, vermag kein Tüv-Siegel zu belegen. Darauf aber kommt es an.

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

22.07.2012, 11:52 Uhr

Schön der Artikel trifft in vielen Aussagen.
Aber, den Zertifizierungswahn haben wir nicht erfunden! Den übernehmen wir aus den USA. Kein gelernter deutscher Bauarbeiter benötigt eine zusätzliche Zertifizierung für Geräte wie Motorsägen, wie kein Klempner eine Zertifizierung benötigt, eine Klobrille zu montieren. Ich denke auch nicht, dass wir in Eurape - speziell in Deutschland - das lieben.

Da aber in den USA fundierte Berufsausbildungen mit Unfallverhütungsvorschriften etc. kaum stattfinden wird die fachliche Eignung durch eine Unmenge an Zertifikaten nachgewiesen. Ein Albtraum, der durch Haftungsangst verunsicherte Rechtsberater der Firmen nach Deutschland geholt wird. Mittlerweile ist diese Unsinn ein geniales Geschäftsmodell. Denn viele glauben inzwischen es wäre ein QS-Merkmal und verlangen es auch in Ausschreibungen.

Das Verlangen von Extra-Zertifikaten neben der ausgewiwsenen Eignung zeigt eigentlich nur, wie gern wir das Denken und Entscheide abgeben - an ein Zertifikat.

Wie kann man dem begegnen? Eigentlich kaum. Der Unsinn wird weiter gehen. Was kann man tun? Profitieren - indem man auch Zertifikate ausstellt, z.B. für das fachlich geprüfte Anrühren von Fertignudelsuppe.

Übrigens, bei Aufsichtsräten ohne kaufmannische Vorbildung (Buchhalter reicht allemal) und ohne nachgewiesene Fähigkeiten in dem Bereich, wie GF-Erfahrung, ist gegen eine Zertifizierung eigentlich nichts einzuwenden - wenn nicht wirklich nötig.

Account gelöscht!

22.07.2012, 11:57 Uhr

Schön, der Artikel trifft in vielen Aussagen.
Aber, den Zertifizierungswahn haben wir nicht erfunden! Den übernehmen wir aus den USA. Kein gelernter deutscher Bauarbeiter benötigt eine zusätzliche Zertifizierung für Geräte wie Motorsägen, wie kein Klempner eine Zertifizierung benötigt, eine Klobrille zu montieren. Ich denke auch nicht, dass wir in Eurape - speziell in Deutschland - das lieben.

Da aber in den USA fundierte Berufsausbildungen mit Unfallverhütungsvorschriften etc. kaum stattfinden wird die fachliche Eignung durch eine Unmenge an Zertifikaten nachgewiesen. Ein Albtraum, der durch Haftungsangst verunsicherte Rechtsberater der Firmen nach Deutschland geholt wird. Mittlerweile ist diese Unsinn ein geniales Geschäftsmodell. Denn viele glauben inzwischen es wäre ein QS-Merkmal und verlangen es auch in Ausschreibungen.

Das Verlangen von Extra-Zertifikaten neben der ausgewiwsenen Eignung zeigt eigentlich nur, wie gern wir das Denken und Entscheide abgeben - an ein Zertifikat.

Wie kann man dem begegnen? Eigentlich kaum. Der Unsinn wird weiter gehen. Was kann man tun? Profitieren - indem man auch Zertifikate ausstellt, z.B. für das fachlich geprüfte Anrühren von Fertignudelsuppe.

Übrigens, bei Aufsichtsräten ohne kaufmannische Vorbildung (Buchhalter reicht allemal) und ohne nachgewiesene Fähigkeiten in dem Bereich, wie GF-Erfahrung, ist gegen eine Zertifizierung eigentlich nichts einzuwenden. Für Aufsichtsräte wäre ein Befähigungsnachweis offensichtlich wirklich sinnvoll.

Hermann.12

23.07.2012, 11:31 Uhr

Endlich wird deer Zertifizierungswahnsinn mal aufs Korn genommen.
Und ob wir das erfunden haben oder nicht, wir treiben es auf jedne Fall auf die spitze. denn auch Handwerksbetreibe werden zertifiziert. manche verlieren gar ihre Zulassung, wenn sie es nicht tun.

Es gibt aber bei der Zertifizierung noch ein gewichtiges Argument, das häufig übersehen wird.
Denn nicht selten verfügen die Zertifizierer eher über weniger Erfahrung und praktische Kenntnisse als die Zertifzierten.
Um beim genannten Beispiel zu bleiben. Es ist eher unwahrscheinlich, dass die Zertifizierungstelle über Erfahrung im Kampf gegen Piraten verfügt.
Oder Erfahrung bei der Unternehmensführung gesammelt hat.
Warum also gibt es trotzdem den Drang sich zertifizieren zu lassen, selbst wen nes noch nicht gesetzlich erzwungen wird?
Weil man damit Verantwortung abwälzen und kollektivieren kann.
Zertifizierung ist ein Schwarzre Peter Spiel, bei dem der Cleverste, nicht der Beste, gewinnt.

H.

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