Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

05.01.2004

11:41 Uhr

Kommentare

Zügellose Gier

VonThorsten Riecke

Die gefallenen Starmanager in den USA erscheinen heute als schwarze Schafe einer vergangenen Epoche. Dem Kurzzeitgedächtnis der Börsianer entgeht jedoch, dass die über die US-Wirtschaft hinwegrollende Skandalwelle noch keineswegs abgeebbt ist.

Thorsten Riecke, Handelsblatt-Korrespondent Quelle: Handelsblatt

Thorsten Riecke, Handelsblatt-Korrespondent

Erinnern Sie sich noch an Bernie Ebbers? Der Gründer des amerikanischen Telekomkonzerns Worldcom – heute MCI – dürfte zum Jahreswechsel eher mit Selters denn mit Champagner angestoßen haben. Schließlich wird ihm in diesem Jahr der Prozess in einem der größten Betrugsverfahren der US-Geschichte gemacht. Ähnlich geht es Martha Stewart: Die ehemalige Chefin des gleichnamigen Einrichtungshauses und Königin des amerikanischen Spießbürgertums muss wegen Insiderhandels vor Gericht. Noch einmal vor den Kadi muss auch der Investmentbanker Frank Quattrone. Ihm wird die Vernichtung von Belastungsmaterial über Mauscheleien bei Neuemissionen vorgeworfen.

Die gefallenen Starmanager erscheinen heute als schwarze Schafe einer vergangenen Epoche. Die Mehrzahl der Investoren hat diese Skandalära offenbar abgehakt und blickt nach vorn. Immerhin weist der Börsenindex Dow Jones wieder weit über 10 000 Punkte auf – Tendenz steigend. Wen interessieren da noch die alten Kamellen?

Dem Kurzzeitgedächtnis der Börsianer entgeht jedoch, dass die über die US-Wirtschaft hinwegrollende Skandalwelle noch keineswegs abgeebbt ist. Der Blick zurück auf die vergangenen drei Jahre zeigt vielmehr, dass Corporate America seit 2001 nicht aus dem Sumpf von Betrug, Mauscheleien und Tricks herausgefunden hat.

Angefangen hat es mit den Bilanzfälschern von Enron, Worldcom und Co. Danach kamen die Schönredner der Wall Street mit ihren frisierten Aktienanalysen. Ende letzten Jahres waren es dann die Fondsmanager und Handelsspezialisten der New Yorker Börse, die Anleger mit ihren unsauberen Tricks gleich reihenweise über den Tisch zogen. Als Abzocker des Jahres wird Dick Grasso in die Wirtschaftsgeschichte eingehen. Der ehemalige Chef der New York Stock Exchange ließ sich seinen Abschied mit satten 140 Millionen Dollar vergolden.

Die Methoden der Skandalbrüder haben sich zwar gewandelt, ihr Motiv ist während der vergangenen drei Jahre aber das gleiche geblieben. „Ansteckende Gier“ nannte US-Notenbankchef Alan Greenspan dies treffend. Gier ist so alt wie die Menschheit, und ihre zerstörerische Kraft für die Märkte ist weithin bekannt. Verblüffend ist nur, dass die Behörden in den USA sie bislang nicht zügeln können. Gilt Amerikas Securities and Exchange Commission (SEC) nicht als die strengste Börsenaufsicht der Welt? Sind die amerikanischen Bilanzregeln (Gaap) nicht die härtesten auf dem Globus? Hat der Kongress in Washington mit dem Sarbanes-Oxley-Gesetz die Wirtschaft nicht noch stärker an die Kandare genommen?

Laut John Coffee, Experte für Unternehmensrecht an der New Yorker Columbia-Universität, leidet die amerikanische Wirtschaft nach wie vor an einem „Gatekeeper“-Problem. Jene Torwächter, die die zügellose Gier im Zaum halten sollen, haben versagt. „Bei Enron waren es die Wirtschaftsprüfer und Anwälte, an der Wall Street die Analysten, und bei den Aktienfonds sind es die Fondsmanager“, meint Coffee. Grund für dieses systematische Versagen sei die Änderung bei den Manager-Gehältern in den 90er-Jahren. Die Einführung von millionenschweren Aktienoptionen habe zu einem Verfall der guten Sitten geführt. Manager hätten ihre Kontrolleure entweder unter massiven Druck gesetzt oder einfach bestochen.

Das erklärt jedoch noch nicht, warum die Börsenaufsicht SEC als wichtigste Kontrollinstanz keinen der großen Finanzskandale der letz-ten drei Jahre verhindern konnte. Aufschluss darüber gibt ein 270 Seiten starker Zustandsbericht, den SEC-Mitarbeiter zusammen mit der Unternehmensberatung McKinsey erstellt haben. Das Urteil ist vernichtend: Die Börsenaufsicht sei eine ineffiziente, bürokratische Behörde, die ihren Aufgaben nicht gewachsen sei, zitiert das Wall Street Journal aus dem bislang unveröffentlichten Dokument. SEC-Chef William Donaldson räumt denn auch ein, dass die Kommission „zu lange auf Probleme nur reagiert hat, anstatt sie zu antizipieren“.

Droht im jetzt begonnenen Jahr also eine weitere Skandalwelle? Nicht unbedingt. Die SEC wird mehr Geld und Personal erhalten, um ihrer Aufgabe besser gerecht werden zu können. Die Unternehmen haben die Zahl unabhängiger Direktoren in ihren Führungsgremien (Boards) drastisch erhöht und stehen unter scharfer Beobachtung der institutionellen Investoren. Das hilft, bietet jedoch keine absolute Sicherheit vor kriminellen Machenschaften – getrieben von einer zügellosen Gier. „Erst kommt der Boom, dann der Crash, und dann kommen neue Gesetze“, beschreibt Charles Elson, Professor für Unternehmensführung an der Universität in Delaware, den immer wiederkehrenden Skandal-Zyklus. Sollte 2004 ein Boomjahr werden, ist also Vorsicht geboten. Die über die US-Wirtschaft hinwegrollende Skandalwelle ist noch keineswegs abgeebbt.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×