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30.05.2017

06:00 Uhr

Morning Briefing

Weltmächte brauchen Nordkorea

VonGabor Steingart

China und die USA predigen Frieden, aber streben nach geopolitischer Dominanz. Angela Merkel geht auf Abstand zu Donald Trump und Frank Castorf räumt seinen Posten als Intendant der Berliner Volksbühne.

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

Reuters

Nordkoreanischer Raketenstart in südkoreanischem TV

erneut hat das Regime in Nordkorea Raketen gezündet und vor der Küste Japans ins Wasser geschickt. Wieder sind alle empört, doch die beiden entscheidenden weltpolitischen Spieler denken nicht daran, die Spielregeln zu ändern.

Reuters

Kim Jong Un

China braucht Nordkorea als Pufferstaat, will partout keine gemeinsame Staatsgrenze mit einem wiedervereinten und dann mutmaßlich kapitalistischen Korea. Amerika braucht den Bösewicht Nordkorea, um 28.000 stationierte Soldaten und eigene Raketensysteme in Südkorea rechtfertigen zu können. Fazit: Die beiden Weltmächte predigen Frieden - und streben nach geopolitischer Dominanz.

AP

Angela Merkel

Angela Merkel geht auf Abstand zu Donald Trump - und die politische Klasse in den USA hat es sorgfältig registriert. „Merkel schlägt ein neues Kapitel der US-europäischen Beziehungen auf“, kommentiert die „Washington Post“. „Europas einflussreichste Anführerin schaut bereits über Trump hinaus“, schreibt die „New York Times“. Die deutsche Wirtschaft und eine Mehrheit der Bevölkerung stehen hinter ihrer Kanzlerin. Merkel zeigt derzeit das Wertvollste, was ein Politiker zeigen kann: Haltung.

Gestern hätte John F. Kennedy seinen 100. Geburtstag gefeiert. Man muss nur ihn und Donald Trump vergleichen, um zu erkennen, was uns die Stunde geschlagen hat.

Konrad Adenauer mit John F. Kennedy; Angela Merkel mit Donald Trump.

Deutsch-amerikanisches Verhältnis

Konrad Adenauer mit John F. Kennedy; Angela Merkel mit Donald Trump.

Kennedy war zugleich Amerikaner und - wie er den Menschen vorm Schöneberger Rathaus zurief - Berliner, womit er seine transatlantische Persönlichkeit zum Ausdruck brachte. Kennedy baute keine Brücken, er war selbst eine. Trump dagegen ist ein Sprengmeister der Verhältnisse. Der Nächste ist ihm ein Fremder, weshalb ihm die besondere Beziehung zwischen Deutschen und Amerikanern gar nicht besonders scheint. Kennedy dachte ins Offene. Trumps Denken findet auf der Parzelle des eigenen Ichs statt, die er nur spärlich mit den Ideen anderer bewässert. Oder, um es mit Kennedy zu sagen: „Too often we enjoy the comfort of opinion without the discomfort of thought.“

In wenigen Wochen muss Frank Castorf, 65, seinen Posten als Intendant der Berliner Volksbühne räumen. Nicht staatliche Zensur oder kapitalistische Profitgier zwingen den Theaterrebell zur Aufgabe, sondern die Regularien der Rente am Staatstheater. Im neuen „Cicero“ setzt ihm Ernst Elitz zu Recht ein Denkmal. Der ehemalige DDR-Grenzsoldat und gelernte Facharbeiter der Reichsbahn habe die Volksbühne „zum Wallfahrtsort für Theatersüchtige“ gemacht; eine Spielstätte „im ständigen Ausnahmezustand“ sei entstanden. „Zu einer Kunst, die nicht stört, fällt mir nichts ein“, zitiert Elitz einen Castorf-Weggefährten. Auf dieses Motto sollte sich auch der Qualitätsjournalismus verständigen. Möge Castorfs Feuer in uns weiter glühen.

Ich wünsche Ihnen einen kämpferischen Start in den neuen Tag. Es grüßt Sie auf das herzlichste, Ihr

Gabor Steingart
Herausgeber

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