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07.01.2009

09:04 Uhr

Internationale Presseschau vom 7.1.2008

Merckle: Opfer der Heuschrecken-Hetze

VonDaniel Lenz

Die internationale Wirtschaftspresse kommentiert den Freitod des deutschen Unternehmers Adolf Merckle. Les Echos aus Frankreich gibt der deutschen Kanzlerin in einem offenen Brief Entwarnung vor Frank-Walter Steinmeier. Die Wiener Zeitung geißelt den Kurs der EU im Energie-Konflikt mit Russland. Fundstück: Der mit den Türken fliegt.

Der börsentägliche Blick in die internationale Wirtschaftspresse.

Der börsentägliche Blick in die internationale Wirtschaftspresse.

Die New York Times sieht Parallelen zwischen dem Selbstmord von Adolf Merckle und den Freitoden des COO der Investmentgesellschaft Olivant Ltd, Kirk Stephenson, im September (ebenfalls vor einen Zug gesprungen) und des französischen Geschäftsmanns Rene-Thierry Magon de la Villehuchet, der über 1,4 Milliarden Dollar im Schneeballsystem von Bernard L. Madoff verloren hatte. „Während die Wirtschaftskrise weltweit wütet (...), waren die Reichen bisher nicht immun gegenüber den Verlusten und der Instabilität“, erklärt das Blatt. Und zitiert Alan L. Berman, den Direktor der American Association of Suicidology: „Wenn die Reichen große Verluste einfahren, sind sie möglicherweise nicht so geübt darin oder nicht entsprechend sozialisiert, damit umzugehen, weil sie ja bisher so erfolgreich waren. Sie mussten bislang nicht auf einem niedrigen Level funktionieren.“

„So wie Merckle das Symbol für den arbeitsamen Geist der Deutschen war, könnte sein Tod die Art und Weise symbolisieren, wie Deutschland mit der Finanzkrise umgeht“, kommentiert das US-Magazin Time und sucht nach Schuldigen für den Freitod des Unternehmens. Jahrelang hätten deutsche Medien und Politiker gegen US- und britische Private-Equity-Firmen gewettert, die der Gesellschaft als „destruktive Heuschrecken“ Schaden zufügten. „Nachdem das Börsen-Spiel von Merckle gescheitert ist, wurde er aus Sicht von Kommentatoren und Politikern, die nach einem Sündenbock für die Finanz-Situation suchten, zur heimischen Heuschrecke.“

Die Südwest Presse erinnert daran, dass Merckle zwar eisenhart in den Verhandlungen mit Geschäftspartnern gewesen sei und vermutlich zu schnell und mit zu hohem Risiko expandiert sei. Andererseits habe der in der Öffentlichkeit bescheiden auftretende Firmenchef für seine Mitarbeiter jedoch höchste soziale Standards gesetzt. „Als Mäzen und Persönlichkeit hat er seine unternehmerische Verantwortung für die Gesellschaft immer wieder wahrgenommen.“ Nun sei es ganz offensichtlich die Ohnmacht, nicht mehr handeln zu können, gewesen, die ihn gebrochen habe.

Aus Sicht der Welt wird der älteste Sohn Ludwig Merckle ein ein schweres Erbe antreten. „Die Fußstapfen des Vaters, da sind sich Weggefährten sicher, werden sehr groß für Ludwig sein. Er muss einen Mann ersetzen, der in vier Jahrzehnten die Firmengruppe aus dem Boden gestampft hatte.“ Merckle sei ein Macher gewesen, der harte Entscheidungen nicht gescheut habe. So sei sein jüngerer Sohn Philipp im März 2008 wegen Erfolglosigkeit entmachtet worden – ein Wendepunkt. „Nach dem Fauxpas an der Ratiopharm-Spitze ordnete Adolf Merckle sein Imperium neu und ging den Weg, den viele erfolgreiche Familienkonzerne gehen: Er verbannte die Familienmitglieder aus dem Unternehmen.“ Der Tod von Merckle lasse nun vieles wieder offen erscheinen. Zu befürchten sei, dass die Banken das Ableben von Adolf Merckle nutzten, um das Rettungspaket wieder aufzuschnüren. Dann bliebe für Ludwig Merckle und den zweiten starken Mann, den Heidelbergcement-Chef Bernd Scheifele, nur noch die undankbare Rolle der Abwickler.

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