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08.01.2009

08:32 Uhr

Internationale Presseschau vom 8.1.2008

Diebe und Bankrotteure im Gasstreit

VonDaniel Lenz

Die internationale Wirtschaftspresse sucht im Gasstreit nach Gewinnern und Verlierern. Das Wall Street Journal wirft der Großen Koalition Opportunimus vor. Der Business Spectator sieht Alcoa & Co. in Kapitalnöten. Die Economic Times appelliert an die indische Regierung, im Satyam-Skandal hart durchzugreifen. Fundstück: Geil auf Rezession.

Der börsentägliche Blick in die internationale Wirtschaftspresse.

Der börsentägliche Blick in die internationale Wirtschaftspresse.

Russland werde gestärkt aus dem Gasstreit mit der Ukraine hervorgehen, meint die russische Tageszeitung Prawda. Die Ukraine sei de facto bankrott und könne ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen. "Nun haben sich die ukrainischen Machthaber als Diebe entpuppt, die europäisches Gas gestohlen haben, das Gazprom nach Europa leiten wollte", positioniert sich das Blatt. Damit versperre sich das Land jegliche Aussicht auf eine EU-Mitgliedschaft. Anders als bei früheren Gaskonflikten demonstriere Moskau politische Reife und lasse nicht zu, dass im Westen die Schuld erneut auf Russland geschoben werden könne. "Gazprom wird den Streit auf juristischem Wege lösen, vor einem schwedischen Gericht, dessen Rechtssprechung die Lieferverträge zwischen Moskau und Kiew unterliegen. Die Ukraine dagegen hat nicht einmal Hilfsangebote der EU im Konflikt mit Russland bekommen, was zeigt, wie wenig Europa wirklich auf die Ukraine hält", meint das Blatt.

Auch das spanische Wirtschaftsblatt La Gaceta de los Negocios analysiert ausführlich den Konflikt zwischen Russland, der Ukraine und Europa um die Gaslieferungen. Die Ukraine zögere den Konflikt in die Länge, um die EU zum Handeln zu zwingen, vermutet die Gaceta. Spanien betreffe der Disput im Gegensatz zu Osteuropa kaum: 65 Prozent der Gaslieferungen Spaniens stammten aus Algerien, dessen staatlicher Energieversorger Sonatrach die Preise zu Ungunsten Spaniens ebenfalls einseitig erhöht habe. Der dadurch entstandene Konflikt müsse ebenfalls in einem internationalen Schlichtungsverfahren entschieden werden, allerdings habe Sonatrach - im Gegensatz zu Gazprom - bislang die Gaslieferungen nicht eingeschränkt.

Über das harte Durchgreifen in der Gaskrise zeigt sich der Corriere aus Italien verwundert. Nicht einmal in Zeiten des kalten Krieges sei es zu einer so drastischen Kürzung der Gaslieferungen gekommen, selbst zum Ende der UdSSR nicht. Nach Berechnungen des italienischen Versorgers ENI reichten die Gasvorräte in Italien noch bis Ende Februar - doch in einem besonders kalten Winter steige der Verbrauch bedrohlich. Eine Lösung des Konflikts sei der South Stream, eine neue Pipeline südlich der Ukraine, die in einem Joint-Venture-Projekt zwischen ENI und Gazprom geplant sei. Eine weitere perspektivische Lösung sei die bessere Ausnutzung vorhandener und Erschließung neuer nationaler Gasvorkommen. Zwar habe Italien die größten Vorräte in Europa - noch vor Frankreich, Deutschland und Holland -, doch Anreize zum Bau neuer Anlagen fehlten.

Die Zeit deutet den Gasstreit als Signal für mehr Wettbewerb. Auf dem postsowjetischen Gasmarkt habe Gazprom die Konkurrenz schon weitgehend abschaffen können. Andererseits fördere das Unternehmen selbst gar nicht genug Gas, um sämtliche Kundenwünsche befriedigen zu können - weshalb die Ukraine zuletzt mit Erdgas beliefert worden sei, das Gazprom in den ehemaligen Sowjetrepubliken Turkmenistan, Usbekistan und Kasachstan erst einkaufen musste. "Es gehört zu der auf dem Gasmarkt üblichen Unsitte der Intransparenz, dass die genauen Einkaufspreise Geschäftsgeheimnis sind", monieren die Hamburger. Der Westen könne aus dem Gasstreit lernen, dass nur Konkurrenz Marktmacht brechen könne. "Mittels Diversifizierung hätte auch Deutschland durchaus noch Spielraum - etwa durch den Bau eines Terminals für die Anlandung von Flüssiggas aus anderen Regionen."

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