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02.03.2012

08:04 Uhr

Presseschau

Ackermanns verschmähtes Abschiedsgeschenk

VonDaniel Lenz

Der Vergleich der Deutschen Bank mit den Erben des Medienunternehmers Leo Kirch ist gescheitert. Die Wirtschaftsmedien sind uneinig, ob dies eine Niederlage für den Noch-Bankenchef Josef Ackermann ist. Die Presseschau.

Hätte sich mit den Kirch-Erben gerne noch vor seinem Abgang geeinigt: Josef Ackermann Reuters, Sascha Rheker

Hätte sich mit den Kirch-Erben gerne noch vor seinem Abgang geeinigt: Josef Ackermann

WiesbadenDer Vergleich der Deutschen Bank mit den Erben des verstorbenen Medienunternehmers Leo Kirch ist gescheitert. Josef Ackermann wird damit sein erklärtes Ziel nicht erreichen, vor der Übergabe an seine designierten Nachfolger Anshu Jain und Jürgen Fitschen reinen Tisch zu machen.

Aus Sicht der Süddeutschen Zeitung ist die Tatsache tragisch, dass seine beiden Nachfolger auf Ackermanns „Abschiedsgeschenk“ lieber verzichten. „Und dass Josef Ackermann auf den letzten Metern seiner Karriere wie jemand dasteht, dem nichts mehr glückt. Das ist ungerecht - aber manche in der Bank werden es als verdiente Rache begreifen.“

Die Fehde Kirch gegen Breuer im Überblick

Februar 2002

Der damalige Bankchef Rolf Breuer tritt die Lawine los. Er gibt ein Interview, in dem er sich auch zur Kreditwürdigkeit Kirchs äußert: „Was man alles lesen und hören kann, ist ja, dass der Finanzsektor nicht bereit ist, auf unveränderter Basis noch weitere Fremd- oder sogar Eigenmittel zur Verfügung zu stellen.“

April 2002

Insolvenz der Kirch-Gruppe - sofort beginnt der Streit über die Ursache des Zusammenbruchs. Aus Leo Kirchs Sicht haben ihm die Banken nach dem Breuer-Interview den Geldhahn zugedreht. Nach Lesart der Deutschen Bank hat
Breuer sich nur auf Bekanntes berufen. Die Insolvenz sei auf zu hohe Schulden und unternehmerische Fehlentscheidungen zurückzuführen.

2003

Die ersten Runden vor Gericht laufen gut für Kirch. Das Oberlandesgericht München spricht ihm einen Anspruch auf Schadenersatz zu.

Ende 2005, Anfang 2006

Breuer hat nach Einschätzung des Bundesgerichtshofes (BGH) mit seinen Aussagen das Bankgeheimnis und seine Dienstpflichten verletzt. Damit habe Kirch grundsätzlich Schadenersatzansprüche. Diese erstrecken sich laut BGH aber nur auf einen Teil des Kirch-Konzerns und müssen in neuen Verfahren durchgesetzt werden. Dabei muss genau belegt werden, welcher Schaden wo entstanden ist.

Februar 2011

Das Landgericht München weist eine Klage Kirchs gegen die Deutsche Bank ab. In diesem Fall ging es um Schadenersatzforderungen von 1,3 Milliarden Euro.

März 2011

Kirch erscheint persönlich vor dem Oberlandesgericht München, im Rollstuhl sitzend und gezeichnet von jahrelanger schwerer Krankheit. Er kann zwar nicht mehr sehen und kaum noch sprechen, versucht aber, Breuer die Schuld an seiner Insolvenz nachzuweisen. Eine Stunde kämpft er für seine Forderungen, dann erklärt ihn sein Arzt für vernehmungsunfähig. Es ist sein letzter öffentlicher Auftritt.

Juli 2011

Leo Kirch stirbt im Alter von 84 Jahren. Er hat aber alles in die Wege geleitet, damit seine Erben die Forderungen gegen die Deutsche Bank weiterverfolgen können.

November 2011

Die Deutsche Bank stoppt den zähen Prozess am Oberlandesgericht durch einen Befangenheitsantrag gegen den Richter Guido Kotschy. Damit ruht vorerst der zivilrechtliche Teil des Rechtsstreits, in dem schon zahlreiche prominente Zeugen ausgesagt haben, ohne wirklich Klarheit zu schaffen.

Dezember 2011

Der erste strafrechtliche Strang wird gegen eine Geldauflage von 350.000 Euro für Breuer eingestellt. Damit geht aber kein Schuldeingeständnis einher, Breuer ist weiterhin nicht vorbestraft. In dem Verfahren war es um Betrugsvorwürfe gegangen - der Banker soll im Fall Kirch vor Gericht gelogen haben. Aus ähnlichen Gründen wird noch gegen weitere Top-Manager des Hauses wie Josef Ackermann und Clemens Börsig ermittelt.

Februar 2012

Juristen der Deutschen Bank und der Kirch-Erben verständigen sich Verhandlungskreisen zufolge auf einen Vergleich. Gemäß der Grundsatzvereinbarung soll Deutschlands größtes Geldhaus gut 800 Millionen Euro auf den Tisch legen, um den Streit beizulegen.

März 2012

Der Vorstand der Deutschen Bank lehnt den ausgehandelten Vergleichsvorschlag ab. Grund ist Insidern zufolge vor allem die Angst, das ein solch teurer Vergleich den Klagen von Aktionären nicht standhalten könnte. Zudem muss die Bank im zentralen Verfahren vor dem Oberlandesgericht München einen Rückschlag einstecken. Der Befangenheitsantrag des Instituts gegen den zuständigen Richter Kotschy wird Insidern zufolge abgelehnt, das Verfahren kann somit weitergehen.

Der Wunsch, ein möglichst besenreines Haus zu übergeben, dürfe nicht hinreichend sein, „sich mit einem hohen dreistelligen Millionenbetrag vor allem auf Kosten ihrer Aktionäre aus einem lästigen Verfahren herauszukaufen und die Kläger generös abzufinden“, freut sich die Börsen-Zeitung über das Scheitern des Vergleichs. An einer höchstrichterlichen Klärung dieses beispiellosen Falles bestehe überdies ein öffentliches Interesse.

Die Essener WAZ widmet sich den Gewinnern des Hin und Hers: den Anwälten, die in den letzten zehn Jahren an den Streitereien schon Millionen verdient hätten und jetzt noch mehr Geld scheffelten.

Die Welt wundert sich darüber, dass die Bank so anfällig sei für Rechtsstreitigkeiten. Diesen Vorwurf müsse sich neben Ackermann auch der künftige Co-Chef Anshu Jain gefallen lassen: Einige justiziable Fehltritte hätten sich in seinem Bereich ereignet. „Die Reputation einer Bank ist wichtiger als der allerletzte Prozentpunkt Eigenkapitalrendite“, schlussfolgert das Berliner Blatt.

Kommentare (2)

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02.03.2012, 15:23 Uhr

Es könnte auch sein, dass Josef Ackermann über die Problematik eines Vergleiches schon vorher von seiner Rechtsabteilung informiert war. Nun ist der Vergleichsvorschlag erwartungsgemäß gescheitert und die Gerichte müssen entscheiden. Ein Richtwert könnten dabei die 800 Mio. aus dem Vergleichsvorschlag sein.

pbosch

02.03.2012, 19:23 Uhr

Es ist natürlich verständlich, dass sich der Vorstand eher eine wie auch immer geartetes höchstrichterliches Urteil wünscht (also zahlen müssen) als einen Rattenschwanz von Prozessen der Aktionäre als Kosten über die 800 Mio hinaus.

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