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08.02.2012

07:59 Uhr

Presseschau

Bergbau-Hochzeit ohne Festmusik

VonDaniel Lenz

Die geplante Allianz des Rohstoffhändlers Glencore mit dem Bergbaukonzern Xstrata trifft in der Wirtschaftspresse auf Skepsis. Zwar folge der Schulterschluss einer industriellen Logik, doch die Risiken seien immens.

Ein Minenarbeiter im Umkleideraum. ap

Ein Minenarbeiter im Umkleideraum.

Der Rohstoffhändler Glencore schließt sich mit dem viertgrößten Bergbaukonzern Xstrata zu einem neuen Rohstoffriesen zusammen. Glencore ist schon heute mit 34 Prozent der wichtigste Aktionär von Xstrata und will die restlichen 66 Prozent über Aktien im Wert von 41 Milliarden Dollar kaufen.

Die Allianz folge zwar einer „industriellen Logik“, weil das neue Unternehmen die gesamte Wertschöpfungskette abdecke, kommentiert die Börsen-Zeitung. Doch dies bringe insofern Probleme mit sich, als Wettbewerber auf der Produzentenseite wie BHP Billiton, Rio Tinto, Vale und Anglo American künftig einen Bogen um Glencore machen und ihre Rohstoffe stattdessen bei Rivalen von Glencore absetzen könnten. Folge: Ohne ein entsprechendes Angebot an Rohstoffen von Glencore fehlten Xstrata wertvolle Informationen über die Wettbewerbslage.

Die Neue Zürcher Zeitung erinnert an die Liste der gescheiterten Bergbau-Übernahmen in den vergangenen fünf Jahren, darunter die geplatzte Allianz von BHP Billiton und Rio Tinto. Auch der Zusammenschluss von Glencore mit Xstrata könnte an den Wettbewerbshütern scheitern. Daneben drohten die Xstrata-Aktionäre, die Transaktion zu stoppen, da ihr Unternehmensteil das höhere Wachstumspotenzial aufweise. Fazit der NZZ: „Die Verbindung der beiden Bergbaukonzerne scheint im Himmel arrangiert worden zu sein; doch schon bald könnte diese Idylle auf den harten Boden der Realität fallen.“

Die größten Rohstoffkonzerne der Welt

Xstrata+Glencore

Mit einem Umsatz von 110,3 Milliarden Euro ist Glencore schon heute einer der größten Rohstoffkonzerne der Welt. Durch die Fusion mit dem zweitgrößten Schweizer Rohstoffkonzern Xstrata erreicht der neue Konzern einen Börsenwert von rund 80 Milliarden Dollar. Damit entsteht ein neuer Rohstoffriese.

Rio Tinto

Der multinationale Konzern gehört nicht nur zu den weltweit führenden Unternehmen beim Abbau von Kohle, Diamanten und Kupfer - auch in der Aluminiumproduktion ist der Konzern Weltmarktführer. Der Börsenwert wird auf 93,7 Milliarden Dollar geschätzt.

Vale

Der brasilianische Rohstoffriese kontrolliert 35 Prozent des Eisenerz-Marktes, vor allem mit Exporten aus dem Heimatland. Der Börsenwert wird auf 105,9 Milliarden Euro taxiert. Neben dem Rohstoffgeschäft gehört das Unternehmen zu den führenden Logistikkonzernen Brasiliens.

BHP Billiton

Der australische-britische Rohstoffriese ist ein begehrtes Übernahmeziel der Konkurrenz. Rio Tinto und Chinalco waren an einer Übernahme interessiert, doch das Geschäft platzte. Mit einem Börsenwert von 153,9 Milliarden Euro ist BHP Billiton heute der wertvollste Rohstoffkonzern der Welt.

China Shenhua

Der chinesische Rohstoffkonzern ist der zweitgrößte Kohleproduzent der Welt. Durch Übernahmen im Energiesektor ist der Börsenwert des größten asiatischen Rohstoffunternehmens auf 65,5 Milliarden Dollar angewachsen.

Anglo American

Gold, Diamanten, Platin - der britisch-südafrikanische Rohstoffkonzern hat sich vor allem auf edle Rohstoffe spezialisiert. Aber auch Kohle, Eisen und weitere Industriemetalle gehören zum Portfolio des Konzerns. Der Börsenwert beträgt rund 45 Milliarden Euro.

Das Wall Street Journal entwirft die Perspektive, dass Xstrata die im Oktober 2009 geplatzte Übernahme von Anglo American erneut in Angriff nimmt. Verglichen mit BHP und Rio sei Anglo American zu klein; andererseits zeige die Marktkapitalisierung des Unternehmens in Höhe von rund 59 Milliarden Dollar, dass Anglo American durchaus in Reichweite von Xstrata/Glencore liege. Grundsätzlich habe Glencore-Xstrata eine große Lücke: Eisenerz. Um auf diesem Sektor mit Rio, BHP und Vale mithalten zu können, sei ebenfalls eine Übernahme notwendig.

In der Handelszeitung verweist Matthias Müller, Analyst für Rohstofftitel bei der Credit Suisse, auf weitere Probleme der Allianz. So sei Glencore in risikoreicheren Gegenden tätig wie im Kongo, in Sambia oder Kasachstan. Hinzu komme, dass Glencore stärker verschuldet sei und so auch der neue Konzern mehr Schulden trage als Xstrata alleine. Mit Blick in die Zukunft rechnet Müller damit, dass der Konzern kleinere Minenunternehmen zukauft, um sich in Rohstoffbereichen wie Kohle und Eisenerz weiter zu stärken.

Die Geschichte von Glencore

Gründung

Marc Rich wurde 1934 als Marcell David Reich in Antwerpen geboren. 1974 gründete Rich im schweizerischen Zug seine Firma „Rich & Co.“, aus der später der Rohstoffriese Glencore hervorgeht. Das Rohstoffunternehmen konzentriert sich zunächst auf den Handel mit Eisen, Nicht-Eisen-Metallen und Erdöl.

Anklage in den USA

Im Jahr 1983 wurde Marc Rich in den USA wegen Steuerhinterziehung, Falschaussage und Handel mit dem Iran angeklagt. Zu einem Prozess kam es allerdings nicht, weil Rich bereits vor der Anklageerhebung auf seine amerikanische Staatsbürgerschaft verzichtete und sich in Spanien einbürgern ließ.

Umstrittene Öllieferungen an Südafrika

Indem Rich - trotz eines internationalen Embargos - das südafrikanische Apartheid-Regime zwischen 1979 und 1993 mit mehr als 400 Milliarden Barrel Öl belieferte, hielt er es an der Macht. Der Profit für Richs Firmen wird auf zwei Milliarden Dollar geschätzt.

Ausscheiden des Firmengründers

Mit der Zeit war Rich als Firmenchef untragbar geworden. Er stand unter anderem jahrelang auf der Liste der „Most Wanted“ des FBI. 1993 verkaufte Rich den Großteil der Firma an seine Manager und wurde damit indirekt aus dem Unternehmen gedrängt.

Umbenennung

1994 wurde die Firma vom neuen Management umbenannt. Seit dem firmiert der Rohstoffhändler unter dem Namen Glencore (Global Energy Commodity and Resources).

Neue Geschäftsfelder

Bereits 1982 war das Unternehmen in die Agrarwirtschaft eingestiegen. Nach und nach wurden die Geschäftsfelder durch Akquisitionen in Produktion, Verarbeitung und Handel mit Aluminium, Aluminiomoxid, Bauxit, Eisenlegierungen, Nickel, Zink, Kupfer, Blei, Kohle, Öl und Agrarprodukten ausgeweitet.

Besitzverhältnisse 1993 - 2011

Seit dem Ausscheiden von Marc Rich befand sich das Unternehmen im Besitz des Managements. Die zwölf Personen der obersten Führungsetage waren zugleich die größten Anteilseigner.

Börsengang

Im Mai 2011 fand der IPO von Glencore statt. Der Börsengang in London und Hongkong brachte dem Unternehmen bis zu zwölf Milliarden Dollar ein. Damit war der IPO der größte Börsengang des Jahres 2011 sowie der größte Börsengang der London Stock Exchange aller Zeiten.

Beteiligungen

Glencore hält unter anderem Anteile an dem australischen Bergbaukonzern Minara Resources (Nickel) und Century Aluminium aus den USA. Auch an Xstrata hielt Glencore jahrelang 34,5 Prozent. Seit 2007 ist Glencore auch mit dem russischen Aluminium-Konzern Rusal verwoben.


Auch die britische Financial Times meldet Bedenken an. Die angestrebte vertikale Integration sei bei Wettbewerbern ein Auslaufmodel – in den vergangenen zwei Jahrzehnten hätten sich viele große Minenfirmen von ihren Handels-Abteilungen getrennt; keiner habe Produktion und Handel bisher erfolgreich vereinen können. Einige führende Manager der Branche verwiesen auf eine erfolgreiche Allianz aus einer anderen Branche: von Royal Dutch Petroleum Company mit ihren Ölfeldern auf der einen Seite und Shell auf der Transporte- und Handelsseite. Der Schulterschluss sei allerdings 1907 erfolgt, als die Bodenschätze-Industrie noch jung war. Heute versuchten Glencore und Xstrata, dieses Modell in einem erwachsenen Sektor zu wiederholen, dämpft das Blatt die Hoffnungen.

Das deutsche Schwesterblatt Financial Times Deutschland rät den Aufsichtsbehörden, sich den Schulterschluss genau anzusehen. Der neue Konzern werde bei einzelnen Rohstoffen wie Kraftwerkskohle und Zink auf einen hohen Marktanteil kommen und möglicherweise die Preise nach oben treiben. Außerdem bekämen die neuen Geschwister wie kaum ein zweiter Akteur Bescheid über die Versorgungslage in einzelnen Ländern, da sie Zugang zu privilegierten Informationen erhielten, die sie gegenüber ihren Partnern und Wettbewerbern zu ihrem eigenen Vorteil ausspielen könnten.

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