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06.06.2011

07:12 Uhr

Presseschau

Bürgerkrieg oder Bürgersieg im Jemen?

Die internationale Presse analysiert die Chancen des Jemen nach der Abreise von Machthaber Salih und sieht den Westen und Saudi-Arabien in der Pflicht zu helfen. Außerdem braucht Griechenland Härte, Subaru fährt allen davon, und Groupons Pläne zeigen Schattenseiten. Die Presseschau.

Wenn Machthaber Salih zurückkehren sollte, droht im Jemen ein Bürgerkrieg. Quelle: dapd

Wenn Machthaber Salih zurückkehren sollte, droht im Jemen ein Bürgerkrieg.

„Lasst den Jemen nicht allein“, fordert die Financial Times Deutschland den Westen zu aktivem Handeln auf. Das arabische Land habe erstmals seit Jahrzehnten die Chance auf echte politische Reformen, auf einen Neuanfang. Der Westen dürfe deshalb nicht blind darauf vertrauen, dass sich die Demonstranten, ähnlich wie in Ägypten, Libyen oder Tunesien, durchsetzen. „Schon jetzt ist das gebirgige, verarmte und streng muslimische Land an der Südspitze der Arabischen Halbinsel kaum regierbar. Der Jemen wurde deshalb neben Pakistan zum wichtigsten Rückzugsgebiet der Terrororganisation al-Kaida.“ Gelinge keine „halbwegs geordneter Übergang“, werde der Jemen in ein Chaos stürzen, das den terroristischen Islamisten in die Hände spielen könnte. Der Kooperationsrat der Arabischen Golfstaaten habe bereits einen „annehmbaren Plan“ formuliert, der vorsehe, dass die Macht vorerst an den Vizepräsidenten und dann an eine Einheitsregierung unter Führung der Opposition gehe, bis Neuwahlen möglich sind. „Er ist die beste Chance, die der Jemen hat.“

Auch Spiegel Online sieht im Jemen ein gefährliches „Machtvakuum“. Sollte es dem Land gelungen sein, nach Tunesien und Ägypten als dritter Staat seinen Autokraten abzuschütteln, wäre dies ein Triumph. Aber: Wenn Machthaber Salih zurückkehre, drohe ein Bürgerkrieg, bliebe er dagegen im Exil, wäre die Gefahr weiterer Gewalt nicht gebannt. Aus Sicht des Magazins müssten jetzt vor allem Saudi-Arabien und die USA agieren, denn sie hätten den meisten Einfluss. „Riad hält die Karten in der Hand, könnte womöglich Salih dazu bewegen abzudanken.“ Doch auch wenn Saudi-Arabien Interesse an einer stabilen neuen Herrschaft habe - ob diese demokratisch legitimiert sei, habe für Riad wenig Bedeutung. Die USA seien dagegen wichtig, „weil sie jede politische Lösung absichern helfen können, mit Geld, politischen Zusagen, anderen Hilfen.“ Immerhin sehe Washington die strategische Bedeutung des Jemen, aus dem Blickwinkel der Terrorbekämpfung. „Vorhersagen sind angesichts dieser Vielzahl an Varianten, Interessen und Akteuren nicht möglich. Zwischen Bürgerkrieg und Bürgersieg ist alles möglich.“

„Die Attacke auf Präsident Ali Abdullah Salih hat ein neues Kapitel in der Geschichte des Jemen eingeläutet, das durch die Aufstände in der arabischen Welt erst möglich wurde“, meint die Financial Times.  Dies sei der erste Schritt für einen Übergang zu einem demokratischen Jemen, doch was nun, in naher Zukunft, passiere, hänge vom Gesundheitszustand Salihs ab und von seiner Fähigkeit, den Jemen auch weiterhin durch seine Familie zu regieren und zu manipulieren. Dabei spiele die Fehde zwischen der Salih-Familie und der al-Ahmar-Familie, die vermutlich in die Verletzung Salihs gemündet habe, eine Rolle: „Wahrscheinlich müssen die jungen Demonstranten, die friedlich im Namen eines demokratischen Jemen protestiert haben, solange warten, bis sich die beiden Familien in ihrem Machtkampf gegeneinander ausgespielt haben.“ In jedem Fall sei nicht kurzfristig mit einem geordneten Übergang zu rechnen, Insidern zufolge werde dies mehrere Jahre dauern.

Der Guardian aus London wähnt Saudi-Arabien in einer Schlüsselrolle, denn das Land habe den Jemen immer schwach halten wollen und in der jüngsten Zeit als unterstützender Nachbarstaat versagt. Immer wieder habe Saudi-Arabien intervenieren müssen, bei Terroralarm, sezessionistischen Bewegungen, Stammeskriegen und ökonomischen Zusammenbrüchen, es habe viel Geld in den Jemen gepumpt, aber damit keine Ziele verbunden, und nicht den eigenen Arbeitsmarkt für Jemeniten geöffnet. „Auf Salih hat Riad bislang auch wenig Druck ausgeübt, obwohl man dort unzufrieden war mit seiner Führung.“ Dass der Machthaber nun in Saudi-Arabien zur Behandlung sei, eröffne neue Chancen. „Raid wird ihn nicht zurückkehren lassen nach Sanaa. Die Saudis haben genug von ihm, ihre Geduld ist am Ende“, zitiert der Guardian Insider. Das Land könne nun seine Einflussmacht im Jemen nutzen. „Das Ziel mag sein, den Jemen schwach zu halten, aber auch nicht zu schwach.“

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