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21.06.2011

07:26 Uhr

Presseschau

Crashtest in Zeitlupe

VonMaxim Kireev

Die internationale Wirtschaftspresse ist unzufrieden mit dem zögerlichen Krisenmanagement in Europa. Die Financial Times spendet dagegen Angela Merkel Applaus für ihre Griechenland-Politik.

Eine griechische Euromünze wird von einer Zange gehalten. Quelle: dpa

Eine griechische Euromünze wird von einer Zange gehalten.

DüsseldorfDas amerikanische Wall Street Journal vergleicht die europäische Finanzkrise mit der Aufnahme eines Crashtests in Zeitlupe. Die einzigen wirklichen Alternativen für Griechenland sei ein geordneter oder ungeordneter Staatsbankrott. Je länger die Entscheidung, einen beträchtlichen Teil der ausstehenden Schulden abzuschreiben, hinausgezögert werde, desto wahrscheinlicher würden griechische Politiker den Willen zu Reformen und Rückzahlungen verlieren. Europäische Politiker sollten sich nicht so viele Gedanken darüber machen, wie Ratingagenturen die Beteiligung privater Gläubiger klassifizieren würden. Schließlich würden sie jede Form von Gläubigerbeteiligung als einen Staatsbankrott definieren müssen.

Die Süddeutsche Zeitung begrüßt einerseits, dass sich auch private Gläubiger an der Rettung Griechenlands beteiligen sollen, fordert die Bundeskanzlerin gleichzeitig aber auf, die ganze Wahrheit auszusprechen. Sollten Banken freiwillig auf Forderungen verzichten, müsste von den 17 Euro-Ländern ein neuer Bankenrettungsschirm aufgelegt werden. Noch mehr Steuergeld müsste für Bürgschaften bereitgestellt werden. „Ein ebenso nötiger wie unpopulärer Schritt, vor dem die Spitzenpolitiker bislang zurückschrecken - die herumdrucksende Angela Merkel ebenso wie der schweigende Nicolas Sarkozy“, kritisiert das Blatt.

Die Börsen-Zeitung sieht dagegen keinen Weg, wie ein nennenswerter Forderungsverzicht durch Privatgläubiger erreicht werden könne, ohne dass die Privatgläubiger dazu gezwungen werden. Der Internationale Währungsfonds verlange unterdessen Antworten, was passieren würde, wenn sich Banken und Fonds nicht ausreichend engagierten. Im Grunde genommen müssten dann Steuerzahler einspringen, wozu aber die Regierungen der stabilen Staaten wie Dänemark, Finnland oder Deutschland nicht bereit seien. Allerdings sieht die Zeitung gerade in der Zuspitzung des Konflikts eine Chance für Europa. Die Demonstranten in Athen und die Reaktionen der Zahlerstaaten zeigten, dass es sich nicht um den üblichen Verhandlungspoker handele, sondern um eine „Kontroverse mit Sprengkraft“. Damit steige die Verantwortung aller Beteiligten.

Das Wirtschaftsmagazin Economist analysiert den Einfluss eines möglichen Staatsbankrotts auf das Wachstum des BIP anhand der Erfahrungen anderer ehemaliger Pleitestaaten. Theoretisch, so das Blatt, müsste der negative Einfluss eines Staatsbankrotts auf die Wirtschaft einen disziplinierenden Effekt auf die Länder haben. Tatsächlich seien die Einbußen im Wachstum nur von kurzer Dauer. So sei es Argentinien, Uruguay, Russland und Indonesien nach ihren jeweiligen Bankrotten recht gut ergangen. Uruguay habe in den fünf Jahren vor der Krise ein durchschnittliches Wachstum von drei Prozent verzeichnet, während nach dem Default die Wachstumsrate auf beinahe acht Prozent jährlich angestiegen sei. Trotzdem warnten Ökonomen vor Schlussfolgerungen, Staatsbankrotte förderten das Wachstum. Vielmehr tendieren Defaults während eine Abschwungs aufzutreten, dem anschließend unabhängig vom Staatsbankrott hohes Wachstum folge.

 

Applaus für Merkels Griechenland-Politik

Auf den ersten Blick sehe Deutschlands Verzicht auf eine Pflichtbeteiligung privater Gläubiger an der Rettung Griechenlands wie eine Niederlage der Bundeskanzlerin Angela Merkel aus, schreibt die britische Financial Times. Dieser Eindruck täusche jedoch, vielmehr befinde sich das Land genau da, wo es habe sein wollen. Merkel habe klug zwischen dem öffentlichen Widerstand gegen die Bailouts einerseits und der Wichtigkeit, alles für den Erhalt des Euros zu tun, laviert. Anders als die USA, in denen Barack Obama die Unternehmen öffentlich dazu mahnte, mehr zu exportieren, sei Deutschland in aller Ruhe der zweitgrößte Exporteur geblieben. Eine Auflösung der Eurozone würde die deutschen Unternehmen ein großes Stück ihrer Wettbewerbsfähigkeit kosten. In privaten Gesprächen forderten deutsche Unternehmen eine pragmatische Herangehensweise an die Lösung der Krise, manche unterstützten sogar direkte Transferzahlungen an Griechenland. „Kein Wunder, angesichts der Vorteile, die ihnen die gemeinsame Währung gebracht hat“, schreibt das Blatt.

Ultimatum für Griechenland

Video: Ultimatum für Griechenland

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