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01.02.2011

06:37 Uhr

Presseschau

„Das Chaos spielt Mubarak in die Hände“

VonMaxim Kireev

Die internationale Presse begrüßt den Volksaufstand in Ägypten, warnt aber auch vor seinen Folgen. Denn die wichtigste Frage ist bislang ungeklärt: Wer regiert nach Mubarak?

Der börsentägliche Blick in die internationale Wirtschaftspresse.  Quelle: dpa

Der börsentägliche Blick in die internationale Wirtschaftspresse. 

Das Wall Street Journal wertet das Entgegenkommen des ägyptischen Führers Husni Mubarack als geschickten Schachzug. Offenbar setzte er darauf, die Proteste heil zu überstehen und an der Macht festzuhalten. "Eine ziemlich sichere Wette", kommentiert das Blatt. Wenn noch weitere Stadtviertel Kairos von Randalierern geplündert und angezündet würden, könnten die Ägypter ihre Meinung über Mubarak ändern. Viele der Demonstranten gehörten der Muslimbruderschaft an, auch wenn sie darauf bedacht seien, nicht die üblichen islamistischen Parolen zu rufen. Sollten diese Islamisten an die Macht gelangen, drohe ein Regime wie im Iran. Die "demokratischen Aktivisten", bekannt vor allem bei westlichen Journalisten, wären dagegen im Falle einer Revolution zu schwach, um der Bruderschaft zu trotzen. Dies werde auch den Ägyptern von Tag zu Tag klarer ."Das Chaos spielt Mubarak in die Hände", analysiert das WSJ. Heute sei der Tag der Wahrheit, denn zu den Demos würden Millionen erwartet. "Doch wen sollen sie bekämpfen, wenn die Armee sie nicht stoppt, und welche anderen Gebäude wollen sie noch anzünden, ohne sich mit dem Rest Ägyptens weiter zu entfremden?", fragt das Blatt. Es sehe danach aus, als würde Mubarak den Zeitpunkt seines Abschieds selber wählen dürfen.

Optimistischer ist dagegen die Financial Times und schreibt von einer "Rückkehr der Demokratie" . Zwar erinnert sich das Blatt auch an den Sturz des Schah im Iran, der nach Bürgerprotesten das Land verließ, nur um den Weg für ein noch schlimmeres Regime frei zu machen. Es gebe jedoch auch andere Beispiele. So sei etwa in Indonesien, dem größten muslimischen Land, ein 32 Jahre lang herrschendes Regime im Jahr 1998 gestürzt worden. Nun sei das Land eine funktionierende und zunehmend prosperierende Demokratie. "Der Aufstand in Ägypten ist zwar gefährlich, aber auch der hoffnungsvollste Moment für die arabische Welt seit Jahrzehnten", jubelt die Zeitung. Eigentlich müssten die Demonstranten den Westen entzücken. Doch so einfach sei die Welt nicht. In einer Umfrage im vergangenen Jahr hätten lediglich 17 Prozent der Ägypter angegeben, eine gute Meinung von den USA zu haben, während 82 Prozent eine schlechte gehabt hätten. "Ein demokratisches Ägypten dürfte den USA gegenüber also deutlich negativer eingestellt sein".

Die Wirtschaftsagentur Bloomberg markiert die Eckpunkte, die für die weitere Entwicklung in Ägypten ausschlaggebend sein werden. Zunächst müsse das Chaos verhindert werden. Es sei ausschlaggebend, wie sich die Opposition von nun an entwickeln werde. "Der lautstarke Protest muss in eine handlungsorientierte, detaillierte und vorwärts gerichtete Agenda transformiert werden", so Bloomberg. Dies sei wichtig, damit die Anhänger eines Gottesstaates nicht die Oberhand in der bisher säkularen Bewegung gewinnen. Drittens sei die Lage Ägyptens nicht hoffnungslos. Es verfüge über eine stabile wirtschaftliche Basis, große Währungsreserven und geringe Schulden. Anders als in den meisten Entwicklungsländern sei das Militär zudem in der Lage, wirtschaftliche und politische Reformen zu erleichtern - einschließlich freier und fairer Wahlen.

Das österreichische Wirtschaftsblatt zeigt sich dagegen erschüttert, angesichts der Gelassenheit mancher Touristen, die noch immer in "das Land der Pharaonen" strömten. Veranstalter wie TUI berichteten, dass in den Tourismuszentren am Roten Meer am Wochenende ein "ganz normaler Urlauberschichtwechsel" stattgefunden habe. Auch wenn es bei den Demonstrationen schon zahlreiche Tote gegeben habe, viele Touristen lasse dies offenbar kalt. "Ob aus Gelassenheit, Unwissenheit oder einfach aus Abgestumpftheit ist nebensächlich", meint die Zeitung. Fakt sei, dass Veranstalter und Urlauber sich an die Bedrohungsszenarien gewöhnt hätten. "Ein Bombenanschlag da, eine Entführung dort, Aufstände samt gewalttätigen Niederschlagungen woanders - die Entspannung soll darunter bitteschön nicht leiden. Immerhin wurde bereits gebucht und im abgeriegelten Resort kriegt man von dem, was draußen passiert, ohnehin nichts mit.", poltert das Blatt. Der Urlaub im Ghetto werde immer mehr zur akzeptierten Realität. Mit Reisen im ursprünglichen Sinn habe dies nichts mehr zu tun.

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