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18.10.2011

07:28 Uhr

Presseschau

„Das Land braucht Banker und Spekulanten“

VonMaxim Kireev

Die internationale Wirtschaftspresse kritisiert die Politiker für ihre wohlwollende Haltung gegenüber der Occupy-Wallstreet-Bewegung. In Australien steht Europas Ego-Krise zur Debatte.

Ein Protestler der "Occupy Wallstreet" Bewegung in den USA. Reuters

Ein Protestler der "Occupy Wallstreet" Bewegung in den USA.

Barack Obamas Unterstützung für die „Occupy Wallstreet“-Bewegung sei ein kardinaler Fehler und könnte ihn die Wiederwahl 2012 kosten, meint das Wall Street Journal. Die Bewegung stehe für Werte, die gefährlich weit von den Werten der breiten Massen Amerikas entfernt seien. Dabei beruft sich das Blatt auf eine Umfrage unter etwa 200 Demonstranten in New York, die ihre linksradikalen Ansichten belege. Mehr als die Hälfte der Befragten sei bereits in einer anderen Bewegung aktiv gewesen, und nur etwa 15 Prozent sei arbeitslos; fast ein Drittel der Demonstranten würde ihre Agenda auch mit Gewalt durchsetzen.

Was Anti-Banken-Demonstranten wollen

USA

In New York und anderen Metropolen kritisierten Demonstranten den Einfluss der Finanzlobby auf die Politik in Washington und die soziale Ungerechtigkeit in den USA. In Sprechchören forderten sie höhere Steuern für Konzerne und für Reiche. Das Sozialsystem der Vereinigten Staaten sollte zugunsten ärmerer Schichten umgebaut werden. „Wir sind die 99 Prozent“, hieß es auf Plakaten in Anspielung auf das reichste ein Prozent der Bevölkerung.

Deutschland

In Frankfurt am Main, Berlin und knapp 50 weiteren Orten forderten Globalisierungsgegner unter anderem eine europäische Vermögensabgabe und eine Finanztransaktionssteuer. „Ihr verzockt unsere Zukunft“ und „Schranken für die Banken“ hieß es auf Transparenten.

Italien

In Rom und Mailand kam zu den Slogans „Gegen die Regierung der Banken und Finanzen“ auch die Kritik am umstrittenen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi. Zahlreiche Autonome griffen unter der Parole „Wessen Straße? Unsere Straße“ Polizisten an, steckten Autos in Brand und warfen Schaufensterscheiben ein.

Spanien

In Madrid und anderen Städten protestierten die „Indignados“ (die Empörten) außer gegen hohe Abfindungen für Banker auch gegen die Chancenlosigkeit auf dem Arbeitsmarkt trotz guter Ausbildung. Bei einem europäischen Negativrekord von 45 Prozent Jugendarbeitslosigkeit wird Spaniens Wirtschafts- und Sozialpolitik seit Monaten von „Empörten“ angeprangert. Auch bei den aktuellen Protesten wurde lautstark nach Jobs für Jugendliche gerufen.

Was die Demonstranten verbinde, seien ihre linken Ansichten, etwa der Glaube an eine radikale Umverteilung des Wohlstandes. Die Occupy-Bewegung bestehe zum großen Teil aus engagierten Aktivisten, die vom kapitalistischen System enttäuscht seien. Unter der amerikanischen Bevölkerung bezeichneten sich dagegen 77 Prozent als konservativ oder gemäßigt.

Die Süddeutsche Zeitung findet, dass die Proteste ernst genommen werden müssten. Mit den Bankern und Spekulanten, die nun das Feindbild seien, müsse man kein Mitleid haben, schließlich hätten sie lange genug auf der Sonnenseite des Lebens gestanden. Banker und Spekulanten seien allerdings nicht Kern des Übels, schließlich brauche das Land sie und zwar in guter Verfassung. Die Kritik an Banken sei zwar zulässig, die aktuelle Krise sei jedoch zu einem großen Teil politisch gemacht.

Die Nachteile des Trennbankensystems

Das jetzige System ist sinnvoll

SPD-Chef Gabriel will Banken dazu zwingen, ihr Investment- und Privatkundengeschäft aufzuspalten. Es gibt aber viele Gründe, die dagegensprechen.

Einzelne Institute würden nicht überleben

Eine Universalbank in ihre Einzelteile zu zerlegen ist so, als würde man siamesische Zwillinge trennen: Zu sehr sind die einzelnen Geschäftsbereiche der Kreditinstitute in den vergangenen Jahren zusammengewachsen. Zu schwer würde es die Sparten treffen, risse man sie jetzt auseinander. Eine Operation ohne Garantie für den Chirurgen, dass die Patienten allein auch überlebensfähig wären.

Perfekte Verbindung

Das Investment-Banking, das Politiker wie SPD-Chef Sigmar Gabriel in diesen Tagen am liebsten verbieten würden, ist mehr als nur der Eigenhandel und mehr als nur das riskante Geschäft mit Anleihen, Aktien oder Derivaten, das viele Kritiker meinen, wenn sie fordern, die Banken zu zerschlagen. Investment-Banking ist vor allem Beratung und Kapitalmarktexpertise. Dieses Geschäft lässt sich perfekt mit dem klassischen Kundengeschäft verbinden. Und das haben viele Universalbanken in den vergangenen Jahren auch sehr erfolgreich getan, gerade beim sogenannten M&A-Geschäft, dem Geschäft mit Fusionen und Übernahmen.

Universalbank auch für Kunden von Vorteil

In der Regel ist es ein großer Vorteil für die Bank, aber auch den Kunden, wenn das beratende Institut kein reines Investmenthaus, sondern eine Universalbank ist. Eine Bank, die nicht nur berät, sondern auch über ein eigenes Kreditbuch verfügt, also im Zweifel bei der Finanzierung einer milliardenschweren Übernahme einspringen beziehungsweise Kredite verlängern oder erhöhen kann. Kunden schätzen diesen Rundum-Service, zumal das M&A-Geschäft in den vergangenen Jahren immer internationaler und deshalb für alle Beteiligten komplexer geworden ist.

Verluste ausgleichen

Universalbanken können zudem Verluste zwischen einzelnen Sparten ausgleichen und ihre Risiken stärker streuen, also besser kontrollieren. Zumindest theoretisch. „Das Universalbankensystem hat sich bei uns als sehr stabil erwiesen“, sagt Hans-Peter Burghof von der Universität Hohenheim. Erst als die Geldhäuser hochkomplexe und undurchsichtige Finanzprodukte sowie Bonussysteme wie in den USA eingeführt hätten, sei es zur Krise gekommen.

Historisch gewachsen

Bankenfachmann Burghof hält „herzlich wenig“ von Gabriels Vorschlägen: „Wir haben in Europa ganz andere Erfahrungen und einen ganz anderen historischen Hintergrund mit unserem Bankensystem als die Amerikaner“, sagt der Wissenschaftler.

Trennbankensystem hätte die Lehman-Pleite nicht verhindert

Die US-Investmentbank Lehman Brothers, deren Zusammenbruch im September 2008 die Finanzkrise dramatisch verschärfte, war ja nichts anderes als eine Trennbank: eine reine Investmentbank ohne Spareinlagen und Firmenkredite. Und wahrscheinlich führte gerade diese Tatsache zu der Entscheidung der US-Regierung unter Präsident George W. Bush, die Bank nicht zu retten, sondern pleitegehen zu lassen.

Andere Situation bei US-Banken

Für die US-Banken wäre die Einführung eines Trennbankensystems immerhin die Rückkehr zu einer von 1933 bis 1999 geübten Praxis. Für europäische Universalbanken hingegen liefe die Zerschlagung in Geschäftsbanken und Investmentbanken auf ein mehr als riskantes Abenteuer hinaus. Denn viele europäische Banken haben gar kein eigenständig lebensfähiges Investment- oder Privatkundengeschäft.

Welle von Übernahmen

Die Folge einer Aufspaltung, so Finanzexperten, wäre eine Welle von Fusionen und Übernahmen. Die Banken, die von der Finanzkrise am stärksten betroffen waren, waren übrigens gerade keine Universalbanken: HRE, IKB, WestLB oder BayernLB. Und schließlich: Ein Trennbankensystem hätte auch nicht die Immobilienblasen in Spanien, Portugal und Irland verhindert. Diese waren vielmehr, wie in den USA, die Folge billigen Zentralbankgeldes.

Universalbanken sind weniger krisenanfällig

Wenn die Krisenjahre etwas bewiesen haben, dann ist es die Überlegenheit des sogenannten Universalbanken-Modells. Wenn man die Bereiche stärker als bisher voneinander abgrenzen will, braucht man eine Bank nicht gleich zu zerschlagen.

Idealbeispiel Deutsche Bank

Bestes Beispiel dafür ist die Deutsche Bank. Sie kam bisher ohne Staatshilfe durch die Krise, weil sie trotz eines dominanten Investment-Bankings schon vor der Übernahme der Postbank in Europa auf zehn Millionen Privatkunden als Gegengewicht bauen konnte. Mit dem Zukauf der Bonner Filialbank und dem Erwerb des privaten Bankhauses Sal. Oppenheim wird zukünftig ein noch stärker ausbalanciertes Geschäftsmodell entstehen.

Modell für „interne Trennung“

Der Wirtschaftswissenschaftler John Vickers hat für die britische Regierung ein Modell entworfen, bei dem die Geldhäuser intern das Privatkundengeschäft und Investment-Banking strikt voneinander abschotten können. Dieses „Ringfencing“ soll dafür sorgen, dass für das Finanzsystem wichtige Funktionen wie der Zahlungsverkehr oder die Sicherheit von Sparkonten nicht leiden, wenn Risikogeschäfte schiefgehen. Deutsche-Bank-Risikovorstand Hugo Bänziger kann sich so ein Modell grundsätzlich vorstellen. Es komme aber auf die konkrete Ausgestaltung an, sagt er.

Banken sind nur so gut oder schlecht wie das Management

Die Gleichung „Investment-Banking ist böse, Kreditbanken sind gut“ hat mit der Realität nichts zu tun. Die Jahre seit der Lehman-Pleite haben nämlich gezeigt, dass es vor allem auf die Risikomanager in den einzelnen Instituten ankommt, damit eine Bank nicht in Schieflage gerät oder vom Staat gerettet werden muss.

Klumpenrisiken sind das Problem

Häuser wie die Düsseldorfer WestLB oder der Mittelstandsfinanzierer IKB wurden vor allem deshalb zu Sanierungsfällen, weil das Management zu stark in den toxischen Subprime-Papieren am US-Immobilienmarkt engagiert war. So handelte man sich in einem eng begrenzten Feld am Kapitalmarkt nicht beherrschbare Klumpenrisiken ein. Diese Konzentration von Risiken ist auch heute wieder aktuell.

Risiken streuen

Banken mit gutem Risikomanagement haben ihre Anlagen über viele Staaten und Asset-Klassen gestreut, sie können Abschreibungen – etwa auf griechische Bonds – besser verdauen als andere Institute. Ein schlechtes Risikomanagement kann alle Geschäftsmodelle treffen. Die lokale Sparkasse Köln-Bonn etwa patzte bei der Vergabe großer Kredite für Renommierprojekte, bei der weltweit agierenden UBS verhagelten Spekulationen eines einzelnen Händlers die Bilanz.

Im Notfall entscheidet sowieso der Soffin

„Keine Bank darf so groß sein, dass sie die Regierung erpressen kann“, sagte Kanzlerin Angela Merkel vor zwei Jahren. Milliardenverluste wie bei der Immobilienbank HRE, die nur mit Hilfe des Staates gerettet werden konnte, sollen nie mehr vorkommen.

Auf die Größe kommt es nicht an

Inzwischen allerdings kommt es bei Rettungsaktionen weder auf die Größe des Instituts noch darauf an, ob es sich um eine Investmentbank oder eine Universalbank handelt. Das zeigt ein Blick in das seit Anfang 2011 geltende Bankenrestrukturierungsgesetz.

Es gibt eine Gesetzes-Regelung

Danach sollen Kapitalhilfen zwar angeschlagenen Instituten wieder auf die Beine helfen. Dabei trennt der Rettungsfonds Soffin in Kooperation mit der Finanzaufsicht Bafin aber zwischen erhaltenswerten, systemrelevanten Bereichen wie dem Kreditgeschäft und nicht systemrelevanten Bereichen wie dem Investment-Banking. Diese können nach dem Gesetz abgespalten und abgewickelt werden.

Geringes Risiko für den Staat

Für den Staat bleibt das Risiko damit schon jetzt möglichst klein. Der Soffin selbst ist auf Nothilfe vorbereitet. Es wurden drei Brückenbanken gegründet, eine ist mit dem nötigen Kapital ausgestattet, um sofort starten zu können. Insgesamt könnten 100 Milliarden Euro Liquiditätsgarantien und 20 Milliarden Euro mobilisiert werden, um Banken zu rekapitalisieren.

Banken wären dem Kapitalmarkt ausgeliefert

Der Kapitalmarkt ist ein wankelmütiger Patron, wie die Finanzkrise gezeigt hat. Banken, die sich allein dort finanzieren, finden nur wenige Kreditgeber und geraten schnell in Liquiditätsnöte – wie jüngst die belgisch-französische Dexia, die ihre langfristigen Darlehen vor allem über kurzfristige Kapitalmarktkredite finanziert hatte.

Schwierige Kreditversorgung

Die Risiken sind auch Profiinvestoren wie Versicherungen, Fonds oder Banken bewusst. Banken, deren einzige Finanzquelle der Kapitalmarkt ist, bekommen deshalb zu eher ungünstigen Konditionen Kredite. Die Kapitalmärkte folgen der Logik: Wer hat (Privatkundeneinlagen), dem wird gegeben (Kapitalmarktkredite). Solche Refinanzierungsthemen sind ein Grund dafür, dass es für Finanzinvestoren derzeit so schwer ist, Banken zu kaufen, die vom Kapitalmarkt abhängig sind.

Trennung macht Produkte teurer

Denn die Märkte halten sowohl die Investoren als auch die Banken für riskant und leihen ihnen ungern Geld. So scheiterte gerade der geplante Kauf der BHF-Bank durch einen Finanzinvestor. Eine Trennung zwischen einlagenfinanzierten Banken und reinen Kapitalmarktbanken würde wohl dazu führen, dass Letztere ihre Produkte teurer anbieten müssten, weil sie sich selbst nur teuer refinanzieren können.

Entgegen der großen Medienresonanz sei die Occupy-Bewegung jedoch klein, ihr Protest greife zu kurz, und ihre Feindbilder seien falsch benannt. Die Politiker wüssten dies, trauten sich jedoch nicht, diese Wahrheit auszusprechen. „Bedenkt man die Geschwindigkeit, mit der die Machtpolitikerin Angela Merkel nach Fukushima ihre früheren Positionen zur Kernkraft verraten hat, um im Mainstream zu schwimmen, muss man jetzt womöglich mit der Verstaatlichung aller Banken rechnen“, ironisiert die Zeitung.

Die russische Zeitung Vedomosti ist einerseits froh, dass die Protestbewegungen noch keine Nachahmer in Russland gefunden habe, fragt sich aber gleichzeitig, warum dies so sei. Bei den Demonstranten in New York und anderen Städten handele es sich meist um junge Menschen mit einem hohen Wohlstandsniveau, welches jedoch in Zukunft sinken könnte. Genau dagegen richte sich der Protest. Die russischen Altersgenossen der Demonstranten seien in aller Regel bereits voll im Leben und arbeiteten hart, um sich den Wohlstand zu sichern. Auf den Staat hoffe schon lange keiner mehr, und erst recht würde niemand auf die Idee kommen, vom Staat zu fordern, die Superreichen zur Räson zu bringen, da alle davon ausgingen, dass Beide unter einer Decke steckten. Die junge Generation der Amerikaner könne auf ein „goldenes Jahrhundert“ der Mittelklasse zurückschauen. Eine solche Tradition habe es in Russland nie gegeben.

Kommentare (11)

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Schweizergarde

18.10.2011, 08:42 Uhr

Die Occupy Bewegung wurde doch nur ins Leben gerufen um die erwachenden Schlafschafe in eine bestimmte Richtung zu führen. Den Protest den wir hier in Deutschland benötigen, müsste wesentlich aggresiver ausfallen.. Die Politik hat nicht den Hauch eines richtigen Ansatz für die anstehenden Probleme. Denen sollten wir gehörigen Respekt, gepaart mit ein bischen Angst vor den Wählern vermitteln.

Jesse

18.10.2011, 08:51 Uhr

"Die Süddeutsche Zeitung findet, dass die Proteste ernst genommen werden müssten. Mit den Bankern und Spekulanten, die nun das Feindbild seien, müsse man kein Mitleid haben, schließlich hätten sie lange genug auf der Sonnenseite des Lebens gestanden"

Entschuldigung, aber in was für einem Land leben wir...ich arbeite in einer Bank. Empfinde mich aber als eine ganz normale Person. Wie jeder andere auch. Was hier gemacht wird ist Einkategorisierung von unzähligen Individuen, jeder anders als der andere und deren Bewertung nach Berufsständen.
-Ein Banker ist böse und gierig, strebt nur nach Gewinn, schadet dem Volk. -
Das kenne ich doch irgentwoher. Ich man könnte das Wort "Banker" durch "Jude" ersetzen und diese abscheuliche Parole würde optimal ins 3. Reich passen.
Gerade wir Deutschen sollten mit Argwohn und Misstrauen auf solch schändliche Parolen reagieren. Ich schäme mich für die Süddeutsche Zeitung!

Account gelöscht!

18.10.2011, 09:02 Uhr

@ Schweizergarde

ja es´geht primär nicht um die Banken, es muß um die Schere zwischen Arm und Reich gehen. Es zeigt sich, daß das gegenwärtige System am Ende ist. Es ist an einem Punkt angelangt, an dem es nicht weitergeht. Die Konzentration des Reichtums auf wenige zerstört die Gesellschaft.

Die Kritik der Finanzpresse an der Unterstützung der Bewegung in den USA zeigt aber, daß der Weg schon richtig ist, er muß nur tiegründiger und aggressiver begangen werden.

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