Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

13.12.2011

07:52 Uhr

Presseschau

David Cameron – plump oder zynisch?

VonMaxim Kireev

Die internationale Wirtschaftspresse rätselt weiter über die Motive von David Cameron: Hat sich der britische Premier beim EU-Gipfel verzockt? Oder gezielt auf das Lob der Euroskeptiker gesetzt? Die Presseschau.

Cameron verteidigt britisches Nein

Video: Cameron verteidigt britisches Nein

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Camerons Koalition befinde sich momentan in einer Lose-Lose-Situation, schreibt die britische Financial Times. Sollte die Eurozone die Gemeinschaftswährung nicht retten können, werde Großbritannien von dem folgenden Tsunami miterfasst. Wenn der Euro jedoch durch die Fiskalunion gerettet werde, dann werde Großbritannien auch bei Entscheidungen auf Gebieten, die für das Land von zentraler Bedeutung seien, kaum eine Rolle spielen. Auch wenn die öffentliche Meinung die Euroskeptiker unterstütze, sei es fraglich, ob Cameron Applaus dafür bekomme, dass er die Sonderregelungen für Londoner Finanzindustrie auf Kosten der übrigen Wirtschaft durchzusetzen versuche. Das Problem könnte noch weitreichende Folgen für das Königreich haben, denn der englische Nationalismus befeuere den schottischen. Je weiter sich London von Europa entferne, desto einfacher könne die europafreundliche Scottish National Party auf ein Auseinanderdriften der nationalen Interessen von England und Schottland verweisen

Laut Süddeutsche Zeitung habe sich der britische Premier mit seinem Veto beim EU-Gipfel womöglich „schlicht und einfach verzockt“. Denn er habe in der britischen Koalitionsregierung einen Sturm ausgelöst, dessen Folgen noch nicht absehbar seien. Der Konflikt zwischen den europafreundlichen Liberaldemokraten und den Euroskeptikern unter den Tories rühre an der Substanz der Koalition. Angesichts der bevorstehenden Rezession auf der Insel müsste Cameron in den Augen der Münchner nach mehr Unabhängigkeit von den Finanzmärkten streben und die britische Industrie stärken. 

David Cameron hätte den Verhandlungstisch nie verlassen dürfen, schreibt der britische Guardian. Nun müsse er dazu gezwungen werden, wieder dahin zurückzukehren. Was er am Freitag getan habe, sei dumm gewesen und nicht heldenhaft, wie es seine Partei am Wochenende gefeiert habe. Nun sei Cameron nervös, angesichts der Kräfte, die er entfesselt habe. Dabei gehe es nicht nur um die Koalitionsfrage mit den Liberaldemokraten. Auch einige seiner eigenen Parteigenossen seien durchaus europafreundlich gestimmt. Die Tories riskierten zudem den Eindruck zu erwecken, sich mehr mit Europa zu befassen, als mit den wichtigen Fragen der Innenpolitik, was bei den Wählern schlecht ankomme. Auch wenn es momentan noch zu früh sei, die langfristigen Folgen der Ereignisse in Brüssel abzuschätzen, sehe es momentan nach Schlichtung denn nach weiterer Eskalation aus.

Es sei unklar, was der britische Premier David Cameron am Morgen des 9. Dezember gedacht habe, als er nach Vetorechten bei der Finanzregulierung der EU verlangt habe, blickt der Wirtschaftsdienst Reuters zurück. Habe er etwas verlangt, wovon er wusste, dass es für den Rest Europas inakzeptabel sei, um sich anschließend von den Euroskeptikern seiner Partei als Held feiern zu lassen? Oder habe er einfach seine Verhandlungsposition überschätzt, in der Annahme, dass die Länder der Eurozone verzweifelt genug seien, um auf seine Forderungen einzugehen? Im ersten Fall hätte er in zynischer Weise seine eigenen Interessen über die des Landes gestellt. Wenn das Letzter stimme, dann sei er außerordentlich plump aufgetreten. Denn Cameron habe nichts dafür unternommen, Verbündete für seine Position zu gewinnen.

Die Financial Times Deutschland fordert die Briten auf, sich endlich zu entscheiden, ob sie in der EU bleiben wollen. Seit der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft 1957 bestünden die Briten auf ihrer Sonderrolle und kokettierten ständig mit dem Austritt. Doch dies könne nicht ewig so weitergehen. Gehe es allein nach den Bürgern, dann habe der britische Premier alles richtig gemacht. Dass er Großbritanniens Anspruch auf eine Führungsrolle in der Union damit aufgegeben habe, könne jedoch vor allem der Wirtschaft nicht gefallen, für die die Beschlüsse der EU inklusive Finanzmarktregulierung weiterhin gültig seien. Fazit: „Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, die Vorteile der EU-Mitgliedschaft für Großbritannien ernsthaft zu diskutieren, für sie zu werben - und sich endlich zu entscheiden.“ 

Kommentare (20)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

BerlinerBuerger

13.12.2011, 08:21 Uhr

Ach?Und dieses Unverständnis wollt ihr jetzt an den doofen deutschen Leser weitergeben?
Nein danke!

wadenzwicker

13.12.2011, 08:34 Uhr

Der hat sich ganz einfach verzockt. Der hat gedacht, das könnt' so weitergehen wie bisher. Ausnahmen über Ausnahmen und Extrawürste für die Briten. Hat diesmal halt nicht funktioniert. Dumm gelaufen.

pro-D

13.12.2011, 08:34 Uhr

Er hat sich nicht verzockt, er hat eigentlich nur das aufgeführt, was die britische Diva mit ihrem Piratenherz gewollt hat.

Wieder einmal hat es sich gezeigt, dass Briten beratungsresisten sind und so wird die Zeitgeschichte sie hinter sich lassen. die britische Wirtschaftsindustrie stirbt lansam vor sich hin und selbst die (aus dem Geschlecht der Hannoveraner kommende - ) Quenn fährt inzwischen einen Volkswagen. (Bentley ist eine VW-Tochter).

Was den Briten geblieben ist, ist die CITY und die wird auch ausgehungert, wenn die ehrlichen Europäer ihre Finanzbelange in die eigene Hand nehmen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×