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08.04.2011

07:09 Uhr

Presseschau

Der Marktwolf und die drei kleinen Schweine

VonMidia Nuri

Die Internationale Wirtschaftspresse diskutiert über die Zinserhöhung der EZB, der Economist sehnt das Ende des europäischen Schuldenchaos herbei und Big Apple könnte bald zu Big Onion werden. Die Presseschau.

Ein Bruch der EZB mit ihrer Stabilitätstradition könnte den Euro in Gefahr bringen, warnt die NZZ. Quelle: dpa

Ein Bruch der EZB mit ihrer Stabilitätstradition könnte den Euro in Gefahr bringen, warnt die NZZ.

Numerisch sei es nur ein kleiner Schritt, doch er besitze eine hohe Signalkraft, kommentiert die Wirtschaftswoche die Anhebung des europäischen Leitzinses von 1,0 auf 1,25 Prozent. Das Signal, das EZB-Chef Jean-Claude Trichet setzen wolle, sei klar: „Die EZB ist wieder Wächter der Preisstabilität und Stabilitätsanker der Eurozone.“ Weitere Zinsschritte dürften folgen. Die Zinswende sei ein Schritt in die richtige Richtung. „Doch er bringt die EZB zugleich in ein Dilemma: Gerade die krisengeschüttelten Länder am Süd- und Westrand des Euroraums, die die EZB ja eigentlich stabilisieren will, belastet sie dadurch am stärksten.“

Außerdem verschaffe der europäische Rettungsschirm Schuldensünder-Staaten einstweilen eine Atempause. Doch mittelfristig werde die Zins- und Schuldenlast der Peripherie-Staaten via höhere Leitzinsen wieder steigen, deren konjunkturelle Erholung dämpfen und eine Umschuldung der Staatsschuld wahrscheinlicher machen. „Das Dilemma versuchen die Euro-Wächter aufzulösen, indem sie an der Zinsschraube drehen, gleichzeitig aber den Geldhahn für die Geschäftsbanken offen halten.“ Bis zum tatsächlichen Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik sei es noch ein langer und steiniger Weg, bilanziert das Wirtschaftsmagazin. Trichets Nachfolger werde ein schweres Erbe antreten.

Die Europäische Zentralbank (EZB) habe sich nicht beirren lassen, lobt die Financial Times Deutschland. Das billige Geld habe der europäischen Wirtschaft geholfen, die Krise einigermaßen rasch zu überwinden. Die seit Monaten anhaltende Rohstoff-Rally und der unaufhaltsame Aufwärtstrend sei ein klares Zeichen, dass den Anlegern weltweit das Geld locker sitze. Angesichts der Turbulenzen im Nahen Osten und dem Energiehunger von Schwellenländern wie China sei zwar unwahrscheinlich, dass die EZB dem Anstieg der Ölpreise Einhalt gebieten könne. „Doch das ist kein Argument fürs Nichtstun. Die Zinserhöhung ist deshalb das richtige Signal“, ist das Blatt überzeugt. Bitter sei sie vor allem für die Verbraucher gerade in den Euro-Krisenstaaten Portugal, Irland und Spanien. Doch für die Refinanzierungskosten der verschuldeten Regierungen sei der Leitzins nicht entscheidend. Sollten sich die schlimmsten Befürchtungen bezüglich Japan und den Folgen für die Weltwirtschaft bestätigen, könne die EZB darauf immer noch reagieren und auf weitere Zinserhöhungen verzichten. „Der heutige Schritt aber geht nach allem, was derzeit bekannt ist, in die richtige Richtung.“

Herr Trichet verdiene Anerkennung dafür, seinen Blick fest auf die Inflationsnadel gerichtet zu halten, findet das Wall Street Journal. Die üblichen Verdächtigen erklärten nun, EZB-Präsident Jean-Claude Trichet sei verrückt, den Zinssatz gerade dann um einen viertel Prozentpunkt anzuheben, da so viele Volkswirtschaften der Eurozone bei prekärer fiskalischer Gesundheit seien. „Sie sollten sich besser anderswo beschweren“, rät das WSJ. Portugal brauche Deregulierung und vor allem einen freieren Arbeitsmarkt zu niedrigeren Kosten. „Aber das ist es nicht, was es bekommt, wenn der typische politische Preis für die Rettung das typische IWF-Rezept aus Steuererhöhung und Sparpolitik ist“, ist das Blatt überzeugt. Auch Langzeit-Niedrigzinsen würden ihm dabei nicht helfen. „Portugals Führer könnten sich Anerkennung dafür verdienen, ihren Blick fest auf die Nadel gerichtet zu halten, die auf Wachstum zeigt.“

Skeptisch ist dagegen ein Blogger der Financial Times Deutschland. Die EZB-Entscheidung sei ein bahnbrechender Moment für die Weltwirtschaft, räumt er ein. „Nicht nur ist sie die erste der führenden Zentralbanken, die die Zinsen anhebt“, hält der Blogger fest, „zum ersten Mal seit Jahrzehnten hat Europa einen Zinsanstieg vor ihrem Pendant initiiert, der Fed in Amerika.“ Und sie sei auch richtig: Die Gründe seien offensichtlich. Lob könne die EZB aber nicht erwarten, wenn sie die Wirtschaft zurück in die Rezession stieße. Eine Ironie sieht der FT-Blogger darin, dass die Auswirkung von höheren Kurzfristzinsen in den Kernländern, die die höheren Zinsen bräuchten, viel schwächer ausfalle, als in den peripheren Ländern, die sie nicht bräuchten. Der Grund: dass die Hypothekenzinsen in Ländern wie Deutschland und Frankreich, die die höheren Zinsen am dringendsten bräuchten langfristig gebunden seien, während sie in Ländern wie Spanien und Portugal mit den Kurzfristzinsen schwankten. Mit mehr Liquidität könne die EZB diesen Effekt in gewissem Umfang ausgleichen. „Aber das dürfte nicht reichen“, fürchtet FT. „Einige Länder stehen vor Solvenzkrisen, nicht Liquiditätskrisen, und die Entscheidung von heute wird ihre Probleme verschlimmern.“

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