Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

02.09.2011

10:08 Uhr

Presseschau

Der Westen ist nicht länger Meister

VonMidia Nuri

Die Internationale Wirtschaftspresse zieht Bilanz aus zehn Jahren elfter September. Die Financial Times Deutschland stimmt den Abgesang auf Wikileaks an. Und die Wirtschaftswoche entdeckt New Yorks rollende Goldgruben.

Die Vorreiterrolle der USA ist in Gefahr. AFP

Die Vorreiterrolle der USA ist in Gefahr.

Historiker würden die Ereignisse dieses Septembermorgens vor zehn Jahren als den zerstörerischsten Terrorakt bis dahin bezeichnen, ist die New York Times überzeugt. „Aber ich vermute, sie werden auch Amerikas letztes Jahrzehnt als eines der schlimmsten Überreaktionen in der Geschichte beurteilen.“ Natürlich sei dies genau, was Terroristen zu provozieren hofften. So gesehen sei der elfte September also auch einer der erfolgreichsten Terrorakte gewesen, der die USA in zwei bislang unbeendete Kriege hineingezogen habe und eine Billion Dollar und mehr gekostet habe sowie Amerikas Macht und Ansehen beschädigt habe. Immerhin: Obwohl Al-Qaida bemerkenswert erfolgreich Muslime zusammengeschweißt habe, würden die meisten Muslime nicht unter dem extremen Wahhabismus, den Al-Qaida predige, leben wollen. Dennoch: Die traurige und kontraproduktive Zunahme antimuslimischer Einstellung in Europa und den USA seit dem 11.9. zeigten, dass Bin Laden nicht ganz erfolglos darin war, einen Keil zwischen die islamische Welt und den Westen zu treiben.

http://www.nytimes.com/2011/09/02/opinion/02iht-edgreenway02.html  

Der Gast-Kommentator des Wall Street Journal, ein britischer Psychiater, spürt den persönlichen Gründen für den Terror nach. Er beschreibt wie fremd er und seine muslimischen Kommilitonen sich zu Studienbeginn in London gefühlt habe. „Wir waren in einem Vakuum, das die Schule der Islamischen Gesellschaft rasch zu füllen anbot.“ Deren Mitglieder seien kameradschaftlich und herzlich gewesen und – ganz entscheidend – hätten großartiges Essen gehabt. Der Ton habe sich jedoch rasch geändert. „Unsere Religionspflichten begannen mit einer Serie geopolitischer Ziele zu verschmelzen, darunter die Etablierung eines weltweiten Islamischen Staates und dem Fall des kapitalistischen / zionistischen Systems“, berichtet der Kommentator, der dann auch schnell ferngeblieben sei und seinen sozialen Kreis auf Nicht-Muslime ausgedehnt habe. Anders als viele seiner Freunde. Der 11. September habe ihn nachdenklich gemacht. Was ihm widerfahren sei, sei genau so auch den Attentätern in Hamburg passiert, als sie Studenten gewesen seien. „Warum bin ich gegangen, während viele andere blieben?“, fragt sich der WSJ-Kommentator. Die Männer, die am meisten gegen die pervertierten Botschaften opponiert hätten, seien Männer gewesen, die von religiösen Eltern erzogen worden waren. „Wer vor der Begegnung mit den extremistischen Rekrutierern nicht dem Islam begegnet sei, schien ihnen mit größerer Wahrscheinlichkeit zu folgen.“ Die wachsende Forschung erkläre mittlerweile, warum. „Anders als manche beharren, legt die Forschung nahe, dass frühe Begegnungen mit moderaten Formen von Religion eine wirksame Impfung gegen die Gefahren extremistischer Rekrutierungsversuche sind“, informiert der Kommentator.

http://online.wsj.com/article/SB10001424053111904583204576544262194704524.html?mod=WSJ_Opinion_LEFTTopOpinion 

Ein Osama Bin Laden, der einen posthumen Blick auf das vergangene Jahrzehnt werfen würde, habe allen Grund, zufrieden zu sein, glaubt der Economist. „Obwohl er nicht das erträumte Kalifat erschaffen hat, habe er eines seiner Hauptziele auf das grausamste erreicht“: Amerika in blutige Kriege in muslimischen Ländern zu ziehen. Außer der Zersplitterung Al-Qaidas habe Amerika dagegen wenig vorzuweisen. Al-Qaida habe nicht nur Beziehungen zwischen Ländern vergiftet, sondern auch Gedanken: in den muslimischen Ländern, aber auch an der Heimatfront. Die anfängliche Solidarität mit Amerika sei weggeknabbert worden. „Amerika zieht weiter“, hält das Blatt fest. Der Trick werde in den nächsten zehn Jahren sein, das Vertrauen der Alliierten (besonders Pakistans) zurückzugewinnen, Gewalt nur noch sparsam anzuwenden und möglichst mit dem Keim muslimischen Gefühls zu gehen, statt dagegen zu reiben. „Aber es kann keine Rückkehr zur Unschuld des 10. September 2001 geben – und, leider, kein Ende der Wachsamkeit.“

http://www.economist.com/node/21528258

 

Fast alles habe sich seit den Terroranschlägen auf New York und Washington vor zehn Jahren verändert, stellt die britische Financial Times fest. Hält aber fest: „Merkwürdig ist, wie wenig die Veränderungen dem 11. September geschuldet sind.“ Osama bin Laden habe ein Jahrzehnt die Schlagzeilen besetzt, aber die Zukunft sei in Peking, Delhi, Rio und anderswo geschrieben worden.“ Die Reaktionen auf die Anschläge seien von der Annahme geprägt gewesen, dass die USA ihre Vorherrschaft verteidigen würden, die sie im Kalten Krieg errungen habe, dass die Sicherheit des Westens von einem generationendauernden Krieg gegen islamistische Djihadisten verteidigt werde. „Herrn Bushs Regierung hat bald eine dritte addiert: der Mittlere Osten werde nach dem Bild westlicher liberaler Demokratien neugeformt.“ Der sei tatsächlich reif für Demokratie gewesen, aber unbekümmert vom Blick US-Neokonservativer und Al-Qaida gleichermaßen. Die Welt sei vom Kopf auf die Füße gestellt worden. Doch die Weltordnung gehöre nicht länger dem Westen, schreibt die FT. Der andere große Wandel, der vom Finanzcrash 2008 ausging, habe „uns eine Welt gezeigt hat, in der der Westen nicht länger Meister der Globalisierung“ sei. „Zurückgeblieben sind wir mit einer Welt inmitten und dazwischen.“ Al-Qaida sei immer noch nicht besiegt. „Aber für all den Horror, den er seit dem 11. September verursacht hat, hat Bin Laden gar nicht viel verändert.“

http://www.ft.com/cms/s/0/b6c10c8e-d332-11e0-9ba8-00144feab49a.html#ixzz1WjetqIHw  

 

Wikileaks ist tot

Zu Beginn von Wikileaks habe eine großartige Idee gestanden, kommentiert die Financial Times Deutschland. Eine Revolution der Öffentlichkeit und Bereicherung für den Journalismus: Informanten sollten Geheimdokumente freilegen können, ohne sich dabei zu gefährden. „Die Kontrolle der Mächtigen über Insiderwissen sollte gebrochen, der Zugang zu Informationen transparent und demokratisch werden. Es klang dem Internetzeitalter angemessen. Es klang nach einer schönen neuen Welt“, schwärmt das Blatt. Doch an der eigenen Zusage, die Quellen geheimzuhalten, sei Wikileaks nun gescheitert. „Die Kreuzzügler gegen die Mächtigen waren ihrer eigenen Verantwortung und ihrer eigenen Macht nicht gewachsen“, stimmt das Blatt den Abgesang an. Nebensächlich, wer wann wo den entscheidenden Fehler gemacht habe. „Wikileaks ist gescheitert. Eine großartige Idee ist tot.“

http://www.ftd.de/it-medien/medien-internet/:fatale-datenpannen-wikileaks-ist-tot/60098777.html

 

Obermanns falsche Karte

Die Telekom gebe sich überrascht, dass das US-Justizministerium die Fusion von T-Mobile USA und AT&T blockiere, kommentiert die Onlineredaktion des manager magazin. „Doch kam das Veto des US-Ministeriums wirklich derart unerwartet? Wohl kaum.“ Längst sei absehbar gewesen, dass der Verkauf des US-Geschäfts kein Selbstläufer sein würde, trotz der Schönwetterparolen von Telekom-Chef René Obermann noch Anfang August. Bei dem Versuch, sein dringendstes Problem, den schleppenden US-Markt loszuwerden, habe Obermann von allen möglichen Optionen ausgerechnet auf die riskanteste Karte gesetzt, ist das Blatt überzeugt. Noch sei der Zusammenschluss nicht gestoppt, doch sein Gelingen werde immer unwahrscheinlicher. An einem Abschied aus dem US-Geschäft werde er kaum vorbeikommen. Obermann werde wohl nicht als der geschickte und gewiefte Stratege in die Telekom-Annalen eingehen, dem das Kunststück gelungen ist, für ein schleppendes Geschäft wie das der T-Mobile USA sagenhafte 39 Milliarden Dollar zu kassieren, lästert das Magazin. „Statt dessen wird er wohl als der Telekom-Chef in Erinnerung bleiben, der alles auf die falsche Karte gesetzt hat.“

http://www.manager-magazin.de/unternehmen/it/0,2828,783785,00.html

 

Fundstück: Rollende Goldgrube

Fragen Sie sich auch, in was Sie den ganzen Cash investieren sollen, den Sie da sicherheitshalber aus Aktien, griechischen, irischen oder portugiesischen Staatsanleihen und sonstigen Anlagen abgezogen haben? Machen Sie es doch wie Helmut, der Clown aus Jim Jarmuschs Film „Night on Earth“: Steigen Sie ins New Yorker Taxigewerbe ein. Eine Taxilizenz in New York sei die weltbeste Anlage, schreibt die WirtschaftsWoche. Und den spannenden Job gibt es als Dreingabe.

http://www.wiwo.de/unternehmen-maerkte/new-yorker-taxi-lizenzen-sind-die-weltbeste-geldanlage-479538/ 

 

Für Handelsblatt.com zusammengestellt von ecolot.de. 

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Krautsalat

02.09.2011, 11:10 Uhr

Die Formulierung "die USA in zwei bislang unbeendete Kriege hineingezogen" ist angesichts eines unter hahnebüchenen vorgeschobenen Gründen mutwillig vom Zaun gebrochen Krieges als grob fahrlässige wenn nicht gar vorsätzliche Geschichtsfälschung anzusehen. Auch wenn diese Menschen einem anderen Kulturkreis angehören sind wir es dem katastrophalem Blutzoll in der Irakischen Bevölkerung schuldig, hier tacheles zu reden.

Pendler

02.09.2011, 11:23 Uhr

Man sieht doch an der Reaktion auf 09/11, wie verweichlicht die westliche Gesellschaft geworden ist.

Ok, Mr Bush hat das intiiert, um seine Kriegsmaschine losschicken zu können. Schließlich hatte er seinen wählern ja versprochen, dass er Krieg amchen wird und alle Waffenproduzenten rieben sich die Hände.

Das komtm oft in der geschichte vor, dass ein krieg vom Zaun gerissen wird. Eigentlich ist es wohl immer so, dass man nur um einen

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×