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28.10.2011

07:22 Uhr

Presseschau

Der Westen soll Diktatoren nicht nachtrauern

Die Internationale Presse sieht keinen Grund zur Sorge über den Wahlsieg der islamistischen Partei in Tunesien. Vedomosti zerpflückt Putins Phantominvestitionen. Fundstück: Apple fühlt sich veräppelt. Die Presseschau.

Gewinner der Tunesien-Wahl: Ennahda-Chef Rachid Ghannouchi mit seiner Tochter. dapd

Gewinner der Tunesien-Wahl: Ennahda-Chef Rachid Ghannouchi mit seiner Tochter.

WiesbadenDer Wahlsieg der Islamisten in Tunesien dürfe kein Grund sein, den Araber wieder zum zurückgebliebenen Tölpel zu erklären, findet die Financial Times Deutschland. Was gern vergessen werde: Die arabischen Länder sind sehr unterschiedlich. Umbrüche und Veränderungen liefen nicht gleich ab. Erst recht sei keine der islamistischen Strömungen wie die andere. In Tunesien sei das Wahlergebnis der Islamisten auch die Revanche der Mehrheit, die seit der Unabhängigkeit des Staates 1956 von einer französischsprachigen, säkularen, nach Europa gewandten Minderheit undemokratisch beherrscht worden sei, „von den Erben des Kolonialismus“. Das Risiko des Radikalismus in den Griff zu bekommen, dafür böte Ennahdha die größte Chance. „Europa sollte sich in diesen historischen Tagen über korrekte Wahlen in Tunesien freuen und der Ennahdha-Partei viel Erfolg wünschen“, findet die FTD.

Auch die Washington Post sieht keinen Grund zur Sorge über den Wahlsieg der Islamisten in Tunesien. In Ägypten habe die muslimische Bruderschaft von Ägypten aus die Ereignisse in Tunesien mit großem Interesse verfolgt, beobachtet das Blatt. Bei den Parlamentswahlen im nächsten Monat werde sie voraussichtlich ein starkes Ergebnis einfahren. Aber die Bruderschaft sei deutlich konservativer als Ennahda, und operiere in einem traditionelleren Land mit einem deutlich tieferen Graben zwischen Muslimen und Christen. Tunesien genieße einige substanzielle Vorteile gegenüber seinem Nachbarn, inklusive einen relativ friedlichen Übergang zur Demokratie. Parteiführer Ghannouchi erklärte, er hoffe, der Westen werde verstehen, dass islamistische Philosophie eine breite Sanne von sichtweisen spiegele – von der Intoleranz Osama bin Ladens zur Offenheit des türkischen Premierministers Recep Tayyip Erdogan. „Es muss nicht zum Clash der Zivilisationen kommen“, zitiert die Washington Post den tunesischen Wahlsieger, „der Westen und der Osten können zum Wohl der Menschheit koexistieren.“

Nach einem langsamen Sommer, habe sich der Arabische Frühling in einen turbulenten Herbst verwandelt, schreibt der britische Economist. Für den Westen, der durch seine Verbindungen zu Arabiens Diktatoren stets guten Schlag im Mittleren Osten gehabt habe, seien die Ereignisse in der Region außer Kontrolle. „Doch der Westen sollte diese Wendung der Ereignisse nicht bedauern“, findet das Wirtschaftsmagazin. „Die Macht, die er kurzfristig verloren habe, sollte langfristig durch Einfluss aufgrund guter Beziehungen zu vernünftigen Regierungen ersetzt werden. Der Aufstieg des politischen Islam sei nicht notwendigerweise Grund zur Besorgnis unter westlichen Demokraten und auch der arabischen Welt. Die Aussichten für westlichen Einfluss in der arabischen Welt seien gut. „Aber in der Zukunft wird er durch Bildung, Investitionen und – falls erwünscht – Rat im Aufbau von Institutionen – gewonnen werden. Das gehe zwar nicht ganz so schnell wie Deals mit unbeliebten und instabilen Diktatoren. Aber am Ende werde er sich als verlässlicher erweisen.

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