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16.11.2011

08:16 Uhr

Presseschau

Deutschland als letzter Euro-Anker

VonDaniel Lenz

Italien, Frankreich, Belgien - die Investoren weiten ihre Anleihe-Attacken auf Kern-Europa aus. Die internationalen Wirtschaftsmedien sind besorgt: Wann zückt die Europäische Zentralbank ihre „geldpolitische Bazooka“?

In der Euro-Zone scheint zurzeit allein Deutschland die Märkte noch überzeugen zu können. dpa

In der Euro-Zone scheint zurzeit allein Deutschland die Märkte noch überzeugen zu können.

KölnDie Euro-Krise verlagert sich immer stärker von der Peripherie zu den Kernländern: Auf dem Markt für Staatsanleihen geraten auch Frankreich, Belgien und Österreich unter Druck, die um den Verlust ihrer Top-Bonitätsnote „AAA“ fürchten müssen; erstmals stehen auch Papiere aus den mit dem Triple-A bewerteten Niederlanden auf der Verkaufsliste der Investoren.

Die Einteilung der Eurozonen-Staaten in die drei Gruppen Kernländer, Wackelkandidaten und Bail-out-Staaten sei seit den gestrigen enormen Spread-Ausweitungen passé, kommentiert die Börsen-Zeitung. Hintergrund sei die wachsende Angst vor weiteren Ansteckungen auch der vormals sicher geglaubten Länder. Vor diesem Hintergrund wüchsen auch die Zweifel, ob der Rettungsfonds EFSF die notwendige Unterstützung zu leisten vermöge. „Er selbst traf ja schon auf eine zurückhaltende Investorennachfrage bei seinen eigenen Anleihen, und das als Triple-A-Emittent mit Rückendeckung aller Eurozonen-Staaten.“


„Sollte der Trend anhalten, wird der Kern nur noch aus Deutschland bestehen“, prognostiziert das Wall Street Journal. In den Augen des US-Kommentators ist aktuell besonders Besorgnis erregend, dass selbst Triple-A-Staaten wie die Niederlanden, Finnland und Österreich nicht immun gegen eine Ansteckung seien. Dass die Sorge mit Blick auf das Alpenland wachse, sei möglicherweise damit zu erklären, dass Österreich historische Verbindungen zu Ungarn habe, wo die Zinsen für Anleihen mit dreimonatiger Laufzeit über 6,7 Prozent gestiegen seien. Finnland und die Niederlanden in den Fokus zu nehmen, sei nach Einschätzung der Royal Bank of Scotland möglicherweise aber ein Zeichen dafür, dass die Krise „auf einem neuen, gefährlicheren Level“ eskaliere.

Die Financial Times Deutschland lenkt die Diskussion auf die alles entscheidende Frage, ob die Europäische Zentralbank am Ende zur „geldpolitischen Bazooka“ greifen werde, um unbegrenzt Staatsanleihen zu kaufen und den „verheerend verselbstständigten“ Zinsanstieg zu stoppen. Trotz der wachsenden Zahl der Befürworter solcher Maßnahmen wehre sich Bundesbank-Chef Jens Weidmann weiterhin gegen die ausgeweitete Staatsfinanzierung per Notenbank. Doch der Streit zwischen Befürwortern und Gegnern der „EZB-Bazooka“ wäre fatal, warnt die FTD, falls dieser eskalierte „und damit das letzte potenzielle Mittel im Kampf gegen die Euro-Krise an Glaubwürdigkeit verliert.“

Die Business Times aus Singapur wundert sich, dass die Eurozonen-Länder bislang nicht stärker Gold als Lösung für die Krise in Betracht gezogen hätten. Es sei doch mehr als offensichtlich, dass goldgedeckte Anleihen dem Euroraum eine Atempause und Zeit verschaffen würden. Darüber hinaus erlaubten sie gebeutelten Ländern wie Griechenland, Spanien oder Irland, die „restriktive Eurozone mit ihrer deprimierenden Sparpolitik“ bei Bedarf zu verlassen. Ende Oktober habe die Goldreserve der verschiedenen Notenbanken in Europa bei 347 Millionen Unzen gelegen, was einem Wert von 607 Milliarden US-Dollar entspreche; allein Italien besitze 78,8 Millionen Unzen. Nicht nur ließen sich ängstliche Investoren beruhigen, falls die Staatsanleihen durch Gold abgeschirmt würden.

Länder wie die USA, Deutschland, China oder Russland könnten außerdem einen Teil ihrer Goldreserven zur Verfügung stellen, um eine „Krisen-Institution“ einzurichten: einen Fonds, der goldgedeckte Anleihen als Zwischenfinanzierung an Staaten ausgebe, denen die Gefahr eines Zahlungsausfalls drohe.

Kommentare (11)

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alfredeinstein

16.11.2011, 08:31 Uhr

Anleihe-Attacken?
Ich möchte als Anleger mein Geld, das in Anleihen von potentiellen Pleitestaaten investiert ist, sichern.
Ein völlig legitiemes und nachvollziehbares Vorgehen.
Versicherungen, Fonds, Banken, der kleine Anleger etc. können bzw. dürfen nichts anders tun.
Warum wird ein völlig logischer Prozess dann vom HB als Anleihen-Attacke bezeichnet?
Wenn das Vertrauen erst mal weg ist ...

lepke

16.11.2011, 08:57 Uhr

Weil es die Sache genau trifft. Die Junkies (Anleiheverkäufer) probieren von ihrem Dealer (EZB) mehr Rauschmittel(Geld) zu bekommen. Da dieser sich weigert, werden nun härtere Bandagen angelegt. Man probiert die Eurozone in Richtung GB und USA zu treiben, die die "Geldbazooka" (Quelle Artikel) ja shcon ausgepackt haben.

Mich wundert das ein dt. Presseorgan die Sache erstmals beim Namen nennt.

Account gelöscht!

16.11.2011, 09:00 Uhr

Für diejenigen, die immer noch nicht kapieren, wie der Hase läuft...

"Sorry Deutschland. Die Geschichte hat sich wieder einmal gegen euch verschworen. Ihr müsst zwei Billionen Euro rüberschieben, eure Zentralbank korrumpieren und 5% Inflation akzeptieren, oder ihr werdet für die Götterdämmerung verantwortlich gemacht. Das ist nicht fair, aber das ist, was Währungsunion immer bedeutet hat. Haben sie euch das nicht gesagt?"
(Ambrose Evans Pritchard, der Kolumnist des Daily Telegraph, 27.09.11)

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