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31.05.2011

07:15 Uhr

Presseschau

Deutschlands nukleare Panik

VonMaxim Kireev

Die internationale Presse kritisiert den deutschen Atomausstieg und wirft Angela Merkel grobe Fehler und Heuchelei vor. Der Ausstieg sorge nicht nur für steigende Preise, sondern auch für höhere Emissionen.

AKW-frei bedeute noch lang nicht atomstromfrei, moniert die Presse. Quelle: dpa

AKW-frei bedeute noch lang nicht atomstromfrei, moniert die Presse.

Das Wirtschaftsblatt sieht den deutschen Atomausstieg skeptisch und wirft der Bundesregierung Heuchelei vor. AKW-frei bedeute demnach nicht atomstromfrei, schließlich werde Atomstrom lediglich außerhalb der eigenen Grenzen produziert. Außerdem fehle schlicht die Zeit, um ökologische Alternative für die nukleare Energie zu schaffen. Als Alternativen würden demnach nicht Windräder, Solar- und Gezeitenkraftwerke dienen, sondern Erdgas, etwa in seiner Sonderform als Schiefergas, das in „gewaltigen Mengen“ vorkomme. Seine Förderung sei bis vor kurzem von nicht wirtschaftlich gewesen, doch die USA hätten für die nötigen Innovationen gesorgt, in ihrem Bestreben, sich von schwer zugänglichen Energiequellen unabhängig zu machen. Die Förderung von Schiefergas werde auch in Europa forciert werden müssen. „Die Energiewende ist da. Leider ist es eine schmutzige“, resümiert das Blatt. 

Auch die Financial Post aus Kanada betrachtet den Atomausstieg als nicht förderlich, um den globalen CO2-Ausstoß im Rahmen zu halten. Und das, obwohl die Emissionen im vergangenen Jahr bereits fünf Prozent über dem letzten Rekordjahr 2008 gelegen hätten. Umweltschützer und die Windkraft-Lobby hofften zwar auf einen neuen Schub für erneuerbare Energien, diese Hoffnungen stünden jedoch auf wackeligen Füßen. Das Überangebot an billigem Erdgas, insbesondere dem Schiefergas dürfte die erneuerbaren Energien aus dem Markt drücken. Einige Ökonomen gingen sogar mittelfristig von fallenden Energiepreisen aus. Vorausgesetzt man lasse die Märkte funktionieren. „Dann könnte die Wirtschaft erneut die Politik und grüne Ideologien ausstechen“, ist das Blatt überzeugt. 

Unter der Überschrift „Deutschlands nukleare Panik“ wirft das Wall Street Journal Bundeskanzlerin Merkel einen groben politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Fehler vor. Der Atomausstieg werde nicht nur zu höheren Preise durch mehr Subventionen für die erneuerbaren Energien führen. Er sorge auch für mehr Abhängigkeit von Russland, das zwar über riesige Gasvorkommen verfüge, jedoch nicht gerade als zuverlässiger Lieferant gelten könne. Die Aussichten das  Solar- und Windstrom die Lücke füllen können, seien ziemlich ungewiss. Außerdem müssten für den Windstrom neue Überlandleitungen gebaut werden, da der Verbrauch im Süden deutlich höher sei, als im Norden, wo die meisten Windräder stünden. „Ironischerweise ist die Physikerin Merkel eine der wenigen Politikerinnen, die glaubhaft erklären könnten, dass alle Energiequellen Risiken und Kosten haben, während moderne Kernkraftwerke deutlich sicherer sind als Fukushima“, schreibt das Blatt.

Die Financial Times blickt auf die internationale Atombranche und stellt fest, dass Deutschlands Atomausstieg als Reaktion auf die Katastrophe in Japan eher eine Ausnahme darstellt. Mittlerweile sei klar, dass das Wachstum der Branche zwar verlangsamt, jedoch nicht gestoppt werde. Nur wenige Staaten wie etwa die Schweiz oder Italien seien von ihren AKW-Plänen abgerückt. Die meisten führenden Atomländer wie Großbritannien, Frankreich, China oder Süd-Korea hielten nach wie vor an ihren Bauplänen fest. Die meisten Bauprojekte würden zwar neuen Sicherheitsstandards unterworfen, doch dies verzögere lediglich die Bauzeit. Neben China, wo fast die Hälfte der neuen Nuklearkapazitäten in Bau seien, plane auch Indien neue Kraftwerke. In den USA hätten nur vier neue Reaktoren gute Aussichten, gebaut zu werden. Dies liege jedoch mehr daran, dass Schiefergas die nukleare Energie nicht mehr so lukrativ erscheinen lasse. 

Europas Mammutaufgabe

Die Börsen-Zeitung sieht im Fall Griechenland die europäischen Regierungen vor einer „Mammutaufgabe“. Die Griechen bräuchten eine Lösung, die ihnen Zeit verschaffe. Eine ungeordnete Staatspleite käme nicht in Frage, denn die Auswirkungen würden ein Beben ähnlich wie der Fall von Lehman Brothers provozieren. Hilfen nur auf Kosten der EU spielten dagegen den Euro-Gegnern in die Hände, die sich zu einer politischen Größe zu verfestigen drohten. Ein mögliches Programm könnte laut der Zeitung etwa so aussehen: Teile des Staatseigentum müssten unter europäische Aufsicht gestellt werden, um sicherzustellen, dass sie verkauft, aber nicht hektisch verramscht würden; Griechenland müsse mehr Kredite der Euro-Steuerzahler bekommen, denen jedoch griechische Pfänder gegenüber gestellt werden müssten; außerdem müssten auch Gläubiger griechische Anleihen nachkaufen, falls die Papiere in ihrem Besitz fällig würden.

Der indische Business Standard veröffentlicht einen Kommentar des Harvard-Ökonomen Martin Feldstein, der fest davon überzeugt ist, dass ein griechischer Staatsbankrott unausweichlich sei. Die Europäische Kommission und der Internationale Währungsfonds bestritten das, was Märkte bereits deutlich spürten. Doch selbst nach einem Bankrott müsste das Land sein Handelsdefizit reduzieren, damit die Verschuldung nicht wieder ansteige. Dies könne nur durch steigende Exporte geschehen, was mehr Wettbewerbsfähigkeit verlange. Andere Länder lösten dieses Problem durch eine Abwertung ihrer Währung, was Griechenland verwehrt bleibe. Daher sei es für das Land durchaus sinnvoll, zeitweise die Mitgliedschaft in der Eurozone zu unterbrechen. Dies würde das relative Preisniveau griechischer Güter deutlich reduzieren. Der Vertrag von Maastricht verbiete zwar den Ausritt aus der Eurozone, eine Auszeit erwähne er jedoch nicht, wodurch er sie auch nicht ausschließe.

Kommentare (7)

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Account gelöscht!

31.05.2011, 08:07 Uhr

In den Kommentaren der Presse zu dem deutschen Atomausstieg vermisse ich einen Aspekt, der m.E. wesentlich ist: Die Regierungsentscheidung ist im Kern nicht sachlich-fachlich geprägt, sondern dient dem Stimmen- und Machterhalt der Koalitionsparteien.

Dies ist nun allerdings der eigenartigen deutschen Mentalität geschuldet, die hinsichtlich der Atomkraft geradezu hysterisch reagiert und dabei Risiken und Probleme der Alternativen ignoriert.

Account gelöscht!

31.05.2011, 09:17 Uhr

Die Risiken und Probleme wurde eingehend geprüft
und sind zu bewältigen. Hier herrscht keie Hystereie sondern ausnahmsweise mal Erkenntnis, Einhelligkeit und Entschlossenheit. DE wird Vorreiter sein, andere - nicht nur dieSchweiz - werden folgen.
Endlich mal ein Grund ein wenig "stolz" auf DE zu sein.

Da ist es mir egal, das CDU/CSU/FDP einene Teil ihres Wählerklientel vergrätzt um andere zu halten bzw. dazuzugewinnen.

XRay

31.05.2011, 10:50 Uhr

@missionimpossible

na, dann sorgen Sie mal dafür, daß unsere Netze für
ausländischen Atomstrom gesperrt wird ,
ansonsten bleibt alles Heuchelei.
Die Kernenergie verteufeln, aber den Strom importieren.
Denken Sie mal über Ihre MissionImpossible nach

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