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14.10.2011

07:40 Uhr

Presseschau

Die Schmach der Banken

VonBarbara Bierach

Die internationale Wirtschaftspresse analysiert die Wut der europäischen Bankiers gegen mögliche Zwangshilfen. Einige haben auch Verständnis: Denn neues Kapital zu besorgen dürfte für die Banken schwierig werden.

Die Banken fürchten höhere Eigenkapitalpflichten. Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann wehrt sich mit Händen und Füßen dagegen. Reuters

Die Banken fürchten höhere Eigenkapitalpflichten. Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann wehrt sich mit Händen und Füßen dagegen.

North SydneyDas Wall Street Journal beobachtet die deutschen Banken beim Sturm gegen die EU, die in einem Blitz-Stresstest ermitteln wolle, ob die Finanzinstitute mindestens eine harte Kernkapitalquote von neun Prozent erreichen, falls sie den Wert griechischer Anleihen in ihren Büchern weiter abschreiben. Wer das nicht schaffe, werde zwangskapitalisiert. „Die Bankiers finden, dass dies genau die Finanzkrise heraufbeschwören könnte, die Europas Staatschefs gerade vermeiden wollen,“ schreibt das Blatt.

In einem Brief an Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hätten fünf Großbanken unter der Führung von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann auf die Risiken hingewiesen: Es gehe nicht an, durch eine künstliche Verschärfung des Eigenkapitalbegriffs eine vermeintliche Schwäche der europäischen Kreditwirtschaft zu fingieren. Nach den vorgeschlagenen Regeln werde die Deutsche Bank nun vermutlich neun Milliarden an Kapital brauchen. Deswegen habe die Agentur Fitch Ratings den Ausblick für das Frankfurter Institut auch schon auf „negativ“ gesetzt. Dabei sei die Deutsche noch eine der wenigen Banken, die immer noch Kapital von Privatinvestoren aufnehmen könne, aber das werde „ein teurer und den Kurs verwässernder Prozess“.

Der im nächsten Jahr scheidende Deutsche-Bank-Chef sehe kaum Chancen, kurzfristig Kapital von privater Seite aufzutreiben, schreibt Reuters. Daher laufe alles auf weitere Staatshilfen hinaus, was die Schuldensituation der Länder verschärfe. Europaweit fehlten rund 220 Milliarden Euro „und zwar bei gut zwei Dritteln der rund 90 wichtigsten Geldhäuser“.

Ackermann, „der mit Bonus- und Dividendenauflagen verbundene Staatshilfen für sein eigenes Haus kategorisch ablehnt“, sehe in der Kapitalausstattung der Banken aber nicht das eigentliche Problem. Es gehe eher darum, dass Staatsanleihen wegen der aktuellen Debatte über eine Pleite Griechenlands nicht mehr als risikofrei zählen könnten. Die Experten seien sich einig, dass sie dadurch für viele Investoren an Attraktivität verloren hätten.

Wie die Krise die europäischen Banken trifft

Die Geschichte wiederholt sich

Schon einmal mussten die Europäer ihre Banken 2008 retten. Nun steht die nächste Runde an. Finanzexperten begrüßen die Pläne der Europäer, die Kapitalpolster ihrer Institute zu stärken. Doch der Bedarf ist nicht überall gleich hoch: Die Krise trifft die Banken der Krisenländer unterschiedlich hart.

Portugal

Die Ratingagentur Moody’s hat die Kreditwürdigkeit von neun Banken gerade erst herabgestuft. Moody’s begründet das mit den Folgen, die eine portugiesische Staatspleite für die Banken haben könnte. Die bisherige Finanzkrise haben die Banken gut gemeistert und trotz der schwierigen Situation bislang keine staatlichen Kapitalspritzen benötigt. Stabilisiert hat die Banken, dass sie einen großen Teil ihres Finanzbedarfs durch Kundeneinlagen decken können. Die Einlagen sind laut der Ratingagentur Fitch bislang stabil geblieben.

Spanien

Eigentlich ist die Sanierung und Rekapitalisierung der Banken gerade abgeschlossen. Das gilt insbesondere für die Sparkassen, die zu viele Kredite an Bauträger vergeben hatten und die nach dem Platzen der Immobilienblase auf ihren unverkauften Wohnsiedlungen und unbezahlbaren Kreditschulden sitzen geblieben waren. Griechenland-Anleihen sind für die Banken zwar kein Thema, doch sie besitzen viele spanische Anleihen – und sind so durch die Ausweitung der Schuldenkrise bedroht.

Griechenland

Die Banken haben zwar die Finanzkrise 2008 gut überstanden, doch seit der Schuldenkrise hängen sie dennoch am Fliegenfänger. Würde es in Griechenland einen Schuldenschnitt geben, hätte das Land kein Geld für die Rettung seiner Banken. Zudem wird es für die Banken schwerer, EZB-Kredite zu erhalten. Dazu bräuchten sie neue Staatsanleihen, doch Griechenland finanziert sich nur noch über die EU und nicht mehr über Anleihen.

Italien

Die erneute Bonitätsherabstufung des Landes durch eine Ratingagentur trifft die Banken zur Unzeit. Sie sind zunehmend auf Notenbankkredite angewiesen, da auch gute Ergebnisse beim europäischen Stresstest die Nervosität der Investoren nicht zerstreuten. Zu schwer wiegt die Angst vor einer Insolvenz Italiens und den Folgen für dessen Banken. Das ist ungünstig, weil zumindest die Großbank Unicredit noch eine Kapitalerhöhung plant. Das hatte die Notenbank von allen Instituten eingefordert, und bis auf Unicredit sind dem auch alle gefolgt. Kein Wunder, dass der designierte Zentralbankchef Italiens, Fabrizio Saccomanni, nach dem Ratingurteil extra betonte, dass Italiens Banken solide seien und ihre Kapitalausstattung dem europäischen Vergleich standhalte.

Großbritannien

Nach Meinung des britischen Finanzministers George Osborne sind britische Banken „liquide und gut kapitalisiert“. Von Moody’s wurden die Institute dennoch herabgestuft. Die Regierung werde zwar wohl weiterhin wichtige Banken unterstützen, aber unter Umständen das Zusammenbrechen kleinerer Finanzinstitute zulassen, heißt es zur Begründung. Für Aufregung sorgt auch ein Bericht der „Financial Times“, wonach die Royal Bank of Scotland einem Regierungsvertreter zufolge wohl auch noch einmal Staatshilfen bekäme, „wenn es in Europa einen breit angelegten Vorstoß zur Rekapitalisierung von Banken gibt“.


Der australische Business Spectator zeigt Verständnis dafür, dass die europäischen Banken „die Schmach“ einer Zwangskapitalisierung vermeiden wollen. Die europäischen Banker seien stinksauer darüber, dass sie jetzt Kapital aufnehmen sollen, wo ihre Aktien doch ohnehin schon mit einem Discount auf den Buchwert gehandelt würden. Und schlimmer noch: „Viele Banken wissen genau, dass die Investoren nicht bereit sind, sich weitere Aktienpaktete von den Banken zuzulegen.“

Doch die von Bankiers wie Josef Ackermann angedrohte Alternative sei „noch schlimmer“: Ein massiver Verkauf von Anlagevermögen, der den globalen Kreditmarkt unter Druck bringen werde. Das wäre eine schwere Bedrohung für die Wirtschaft, seien die europäischen Banken doch mit die größten Kreditgeber der Welt.

Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Debatte findet die Börsen-Zeitung, dass die Konjunkturprognose der Herbstgutachter „auf wackeligen Füßen steht“. Sie würden zwar keine schwere Rezession wie in 2008/2009 erwarten, doch in ihrer Prognose stecken zuviele „wenns“ für den Geschmack des Blatts. Denn „genau weiß eben niemand, welche neuen Dominoeffekte zu erwarten sind, wenn mit Griechenland ein Mitglied einer Währungsunion fällt“. Seien nur auch nur Teile des Bankensystems betroffen, könne auch dies schon die Finanzierungsbedingungen von Unternehmen berühren. So befänden sich die Institute mit ihren Forderungen nach einem Insolvenzmechanismus für Euro-Länder und große Banken, „den Deutschland im Übrigen längst geschaffen hat“, in guter Gesellschaft.

Kommentare (4)

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kaburkabari

14.10.2011, 08:40 Uhr

Banken? Welch beeindruckendes Dokument für den real-existierenden Verfall von Wirklichkeitswahrnehmung bei unseren Fachleuten von der schreibenden Zunft. Der heutige
Bankensektor ist längst zur Finanzkriminalitätswirtschaft verkommen, weil aus parlamentarischen Volksvertretern längst jene existierenden Klientel- und Lobbygruppeninteressenvertreter geworden sind, die unsere heutigen Besitzstandsfeudalwirtschaften qua Größenwahn, Besitzsucht und Habgier derart aus dem Gleichgewicht bringen, dass wir so etwas wie eine Götterdämmerung a la 1918 bzw 1945 erleben werden.
Krieg kann auch die Form der modernen Finanzspekulationskriminalität annehmen, auch wenn wir es nicht wahrnehmen wollen.

Michael

14.10.2011, 09:29 Uhr

Bald ist es ja geschafft,
bald haben die Politiker Europas ungehindert Zugang zur Notenpresse.
Erst verschulden bis zur Halskrause, den privatwirtschaftlichen Banken das süße Gift leicht verdienten Geldes verabreichen,
diese dann still und heimlich einverleiben und endlich - freier Zugang zur EZB.
Klar, selbst gedrucktes Geld gibt sich noch leichter aus als vom hart Arbeitenden abgepresstes.
Wie die Rechnung aufgeht?
Augen auf!

Blauauge

14.10.2011, 10:56 Uhr

Wir haben mit Hilfe der Medien gelernt, daß die ganze Finanz- und Wirtschaftsmisere ein Komplott der privaten Banken ist
So gut und so schön.Nachdem die nun mit vereinten Kräften und mit Hilfe aller Medien platt gemacht werden, erhebt sich die Frage, wer noch öffentliche Anleihen zukünftig vertreiben und kaufen soll und wer die mittelständische Industrie und den Export finanziert. Vielleicht haben dazu die Medien auch eine Idee?

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