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06.01.2012

07:59 Uhr

Presseschau

Die selbstverschuldete Schwäche der Euro-Zone

VonMidia Nuri

Die Wirtschaftspresse sorgt sich weiter um Griechenlands und Europas Zukunft – und verströmt nur bedingt Optimismus. Außerdem: Amerika stänkert gegen Frankreich und warum der Ruhestand überschätzt wird. Die Presseschau.

Die teilweise Staatspleite von Griechenland ist ausgemachte Sache, findet das Wall Street Journal. dpa

Die teilweise Staatspleite von Griechenland ist ausgemachte Sache, findet das Wall Street Journal.

Vor der Krise, genossen alle Eurozonen-Regierungen den Nutzen kollektiver Vertrauenswürdigkeit, Kooperation und Solidarität in Form bevorzugter Finanzkonditionen, die das Wohlergehen Europas widerspiegelten, stellt der Gastkommentator der britischen Financial Times fest, der Direktor der Zentralbank Zyperns. Doch das Investorenvertrauen sei in den vergangenen zwei Jahren heftig erschüttert worden. Zugegeben: Sparmaßnahmen wie in Griechenland, der Verlust der Wettbewerbsfähigkeit oder auch aktuelle Haushaltsungleichgewichte – all dies habe zur Erosion des Vertrauens beigetragen, hebt der Gastkommentator hervor. Aber die Ansteckung so vieler Eurozonenmitglieder deute auf ein grundlegenderes Problem: das unvollendete Design der Eurozone. Die auf dem Deauville-Gipfel beschlossene Haftungsbeteiligung privater Gläubiger aufzuheben, könne Zuversicht zurückbringen, weil es Kosten senke. Doch für was private Gläubiger nicht hafteten, müsse der griechische Staat aufbringen. Der Schlüssel zu mehr Zuversicht ist: Vertrauen.

Wie griechische Politiker früher ihren Staat abzockten

Kostenloser Dienstwagen

Ein auf Steuerzahlerkosten geleaster Dienstwagen für jeden der 300 Abgeordneten.

Kein Porto

Befreiung vom Briefporto

Acht kostenlose Telefonanschlüsse

Bis zu acht kostenlose Festnetzanschlüsse für jeden Abgeordneten

Handy-Guthaben

200 Euro im Monat für Handy-Telefonate

Kostenlose Hotel-Unterkunft

Kostenlose Unterkunft in einem Athener Hotel für Abgeordnete aus der Provinz

Freifahrscheine

Freifahrscheine für Busse, Bahnen und Fährschiffe

104 Flugtickets

104 kostenlose Flugtickets im Jahr für Abgeordnete,  deren Wahlkreis weiter als 200 Kilometer von Athen entfernt ist

Sitzungspauschale

150 Euro für jede Teilnahme an einer Ausschusssitzung. Die Unterschrift in der Anwesenheitslistereicht, die tatsächliche Teilnahme wird nicht kontrolliert

Für das Wall Street Journal ist eine zumindest teilweise Staatspleite Griechenlands ausgemachte Sache. Die Aussage von Griechenlands Premierminister Lucas Papademos am Mittwoch gegenüber Gewerkschaftern, wirke unglaubwürdig, ein 50-Prozent-Schuldenschnitt auf griechische Anleihen werde innerhalb der kommenden zwei Wochen besiegelt werden. „Es könnte bereits unmöglich sein, die Pleite zu vermeiden“, glaubt das Blatt. Natürlich könne eine Einigung auch ohne Wackelkandidaten unter den Gläubigern wie etwa Hedgefonds erzielt werden. Doch auch wenn ein Deal zustande käme, werde der möglicherweise nicht reichen, um einen zumindest teilweisen Ausfall zu verhindern. „Darauf vorbereitet zu sein, wäre nicht das schlechteste, was Griechenland passieren könnte“, hält das WSJ fest. „Unvorbereitet zu sein, oder jedem vorher zu erzählen, dass ein Ausfall dem Ende der Welt gleichkomme, wird es nur schlimmer machen.“

In diese Kerbe schlägt auch der Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF), Olivier Blanchard, im IWF-Blog. „Wir wissen seit langem um sich selbst erfüllende Bank-Runs, sich selbst erfüllende Attacken gegen feste Wechselkurse sind der Stoff von Textbüchern, und wir haben früh in der Krise gelernt, dass Großfinanzierungen den selben Effekt haben können und Runs neben Banken auch Nicht-Banken treffen können“, doziert der IWF-Blogger, denn auch Wahrnehmung forme Realität. Beispiel Italien: Über den Sommer sei nicht viel passiert, aber als Italien erst einmal als Risiko wahrgenommen worden sei, ging diese Wahrnehmung auch nicht mehr weg. Aber auf diese komme es an. „Wenn die Investoren von „echtem Geld“ erst einmal den Markt verlassen haben, kommen sie nicht über Nacht wieder. So lasse sich erklären, warum das Jahr so viel schlechter geendet, als angefangen habe. „Alle Hoffnung verloren? Nein, aber die Erholung wieder auf die Schiene zu bringen, werde schwieriger als ein Jahr zuvor.“ Es brauche realistische Konsolidierungspläne, ausreichend Liquidität, Pläne, die nicht nur angekündigt, sondern auch umgesetzt würden und viel effektivere Zusammenarbeit. „Ich bin optimistisch, dass das passieren wird“, hält der prominente Ökonom fest. „Die Alternative ist zu unattraktiv.“

Planspiel: Euro-Zone ohne Griechenland

Welche Folgen hätte ein Austritt Griechenlands aus dem Euro?

Die konkreten ökonomischen Folgen eines Euro-Austritts Griechenlands sind kaum vorhersehbar, da es eine vergleichbare Situation bisher noch nicht gegeben hat. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen sowohl für Griechenland als auch für die anderen Länder des Währungsraums verheerend wären. Experten befürchten schwere Konsequenzen für den europäischen Bankensektor - dem Hauptkreditgeber Griechenlands. Und da keine entwickelte Volkswirtschaft ohne gesunde Banken auskommen kann, würden auch Verbraucher und Unternehmen stark getroffen werden.

Welche Folgen würden sich für Griechenland ergeben?

Für Griechenland würde ein Euro-Austritt vermutlich den wirtschaftlichen Zusammenbruch bedeuten. Ohne Euro müssten die Hellenen wieder ihre alte Währung Drachme einführen, die vermutlich drastisch abwerten würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugute kommen.

Was würde sich am Schuldenstand Athens ändern?

Die in Euro aufgenommenen Altschulden würden infolge der Abwertung der neuen eigenen Währung drastisch steigen. „Selbst ein starker Schuldenschnitt würde Griechenlands Probleme dann nicht lösen, da das Land über Jahre hinweg vom Kapitalmarkt abgeschnitten wäre“, unterstreicht ein HSBC-Experte. Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher schon.

Ist ein Austritt Griechenlands im Interesse anderer Euro-Länder?

Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht. An den Finanzmärkten würden nach einem Euro-Austritt Griechenlands wohl schnell andere finanzschwache Länder unter starken Druck geraten, möglicherweise auch wirtschaftsstarke Länder. Denn letztlich könnte sich kein Investor mehr darauf verlassen, dass nicht auch andere Länder - möglicherweise in Verbindung mit einem Schuldenschnitt - aus dem Euroraum ausscheren. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden vermutlich drastisch steigen, und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraums ins Wanken geraten.

Auch Ungarn sei am Ende, hält die Financial Times Deutschland fest. Das Land befinde sich ökonomisch am Abgrund und politisch „in einer extremen Randlage, in wichtigen Bestandteilen schon nicht mehr Europa zugehörig.“ Ungarn stehe vor der Pleite. Der Forint sei auf neuem Rekordtief und fast zehn Prozent Zinsen für einjährige Anleihen halte kein Land lange durch. Obendrein sei Ungarn auch noch gezwungen, Finanzhilfen zurückzuzahlen, ohne zu wissen, wie. Die Regierung habe sich das selbst zuzuschreiben, urteilt die FTD. „Wer wie Orban die Notenbank zu seiner Marionette macht und im Schilde führt, die fälligen Kredite durch Plünderung der Devisenreserven zu bedienen, hat auf allen Finanzplätzen der Welt seine Glaubwürdigkeit verspielt.“ Auch radikal wirkende Sanktionen durch EU und IWF seien „angesichts der begrenzten politischen Sanktionsmechanismen pragmatisch und wirkungsvoll“. Premierminister Orban sei nicht so irre, Ungarn in den Ruin zu treiben, nur um Europa mitzureißen.

Welche Folgen hätte eine griechische Staatspleite für Europa?

Banken

Mangels Käufer müssten weltweit Banken ihre Hellas-Anleihen in den Bilanzen abschreiben: an erster Stelle griechische und andere europäische Banken. Auch viele andere Institutionen wie Versicherungen oder Pensionsfonds haben die Papiere in ihren Büchern. Zudem wird ein Dominoeffekt ausgelöst: Wer für seine Anleihen eine Kreditausfallversicherung am Markt abgeschlossen hat, muss nun ausbezahlt werden. Weitere Abschreibungen sind die Folge. Griechische Anleihen sind auch in strukturierten Wertpapieren enthalten, die ebenfalls an Wert verlören.

Ansteckungsgefahr

Höchstwahrscheinlich würden auch die Refinanzierungskosten der anderen Euro-Schwächlinge Portugal und Irland sofort in die Höhe schießen. An den Kapitalmärkten würde spekuliert, dass Portugal als nächstes seinen Schuldendienst einstellen muss. Bereits jetzt wird an den Märkten die Wahrscheinlichkeit einer Pleite binnen der kommenden 24 Monate als sehr hoch eingeschätzt. Wackelt Portugal, rückt auch Spanien erneut ins Visier der Spekulanten. Denn spanische Banken sitzen nach Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) auf portugiesischen Schulden in Höhe von 80 Milliarden Euro. Ein Ausfall würde das ohnehin angeschlagene Banksystem hart treffen und damit den spanischen Staat, der seine Geldinstitute stabilisieren müsste.

Reißt die Krise Spanien mit in den Abgrund, wäre der GAU voraussichtlich da: Das Land hat die viertgrößte Volkswirtschaft in Europa. Der Euro-Rettungsschirms EFSF wäre überfordert. In der Folge würden auch Deutschland und Frankreich angesteckt: Französische Banken halten der BIZ zufolge spanische Anleihen im Umfang von etwa 140 Milliarden Euro - doppelt so viel wie griechische. Deutsche Institute sind mit 180 Milliarden dabei, sechs Mal soviel wie sie in Griechenland investiert haben.

Sicherheiten

Bei einer Staatspleite könnten griechische Banken griechische Staatsanleihen nicht mehr bei der Europäischen Zentralbank (EZB) als Sicherheiten für ihre kurzfristige Refinanzierung hinterlegen. Das griechische Bankensystem wäre in Windeseile pleite, wenn keine kurzfristige Lösung gefunden wird. Ein „bank run“ wäre kaum noch zu vermeiden: Vor den Filialen würden sich Schlangen bilden, jeder würde versuchen, schnell noch Geld abzuholen. Die
griechische Regierung müsste Auszahlungs-Limits erlassen, um den endgültigen Kollaps der Banken und einen Zusammenbruch des Bargeldverkehrs zu stoppen.

Die Bevölkerung würde auch an anderer Stelle hart getroffen: Der Staat könnte die Gehälter für Staatsdiener nicht mehr zahlen und Rechnungen etwa für Bauprojekte nicht mehr begleichen. Die Folge wäre ein sprunghafter Anstieg der Arbeitslosigkeit. Würde sich die EZB entschließen, die Pleiteanleihen doch zu nehmen, würde sie damit voraussichtlich Verluste einfahren. Muss infolgedessen die EZB rekapitalisiert werden, träfe das die anderen Euro-Länder, an erster Stelle das größte: Deutschland.

Kommentare (4)

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Machiavelli

06.01.2012, 08:40 Uhr

Deutsche Weltkonzerne, weil stark im Nichteuroausland engagiert, haben ein unpatriotisches Interesse daran dass der Euro stark bleibt. Sie können dadurch billig im Nichteuroausland produzieren und den Euroraum damit überfluten. Dies mit riesigen Gewinne aber zum Nachteil der schwächeren Eurowirtschaften.
Wir erleben, über den permanenten deutscher Leistungsbilanzüberschuss, eine Kapitalflucht vom Euroraum ins Nichteuroausland.#Erst wenn die Verträge so geändert werden dass die Gewinne wieder im Euroraum investiert werden wird vermutlich Ruhe und Vertrauen zurück kommen.

MIRO

06.01.2012, 15:40 Uhr

Schön gesagt,aber können Schweine fliegen ?

MIRO

06.01.2012, 15:40 Uhr

Schön gesagt,aber können Schweine fliegen ?

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