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02.02.2012

08:05 Uhr

Presseschau

Die vergebliche Sisyphusarbeit der Börsen

VonMaxim Kireev

Die internationale Wirtschaftspresse fragt nach der gestoppten Fusion von NYSE und Deutscher Börse, ob der ganze Aufwand nötig gewesen sei. Oder waren die Egos zweier Manager größer als der zu erwartende Ertrag?

Der Traum ist aus - die geplante Fusion geplatzt. dpa

Der Traum ist aus - die geplante Fusion geplatzt.

Die britische Financial Times hält das Fusionsverbot der EU für die Deutsche Börse und die NYSE Euronext für falsch. Die Behörden seien davon ausgegangen, dass beide Börsen über 90 Prozent des Derivatehandels auf sich vereinen würden. Dabei hätten sie den weitaus größeren, außerbörslichen Handel mit Derivaten nicht als Konkurrenz betrachtet. Zudem hätten sie den Druck seitens der US-Konkurrenz für die fusionierte Börse ignoriert, genauso wie die Vorteile der geplanten Fusion in Form von Einsparungen von drei Milliarden Dollar. Trotzdem drehe sich die Welt weiter, und ein Einspruch gegen die Entscheidung erscheine wenig aussichtsreich. Der größte Verlierer scheine derweil die NYSE Euronext zu sein, die bis zu 90 Prozent mit direkten Geschäften verdiene und keinen starken Service-Zweig besitze.

„Der Traum ist aus“, kommentiert La Tribune aus Frankreich das Veto der EU-Kommission. Vergebens hätten die Spitzen beider Börsen, Reto Francioni und Duncan Niederauer, versucht, die Definition des Begriffs des „relevanten Marktes“ - in Bezug auf den Derivatehandel und die von der EU befürchtete Dominanz der beiden in diesem Geschäft - in ihrem Sinne zu verändern. Umsonst hätten sie José Manuel Barroso angeboten, vor allen EU-Kommissaren die Vorteile ihrer Fusion zu erläutern. Zwei Motive lägen der Entscheidung der EU-Kommission wohl zugrunde: „Der Wille, möglichen Missbrauch aus der marktbeherrschenden Position des neuen Unternehmens heraus zu verhindern. Und der Anspruch, die Silostruktur der beiden Börsen, die in der gesamten Wertschöpfungskette des Wertpapierhandels mitmischen, aufzubrechen.“

Fragen und Antworten zur Börsenfusion

Wann soll die Entscheidung fallen?

Der Poker um die Fusion von Deutscher Börse und der New Yorker Nyse geht in die entscheidende Runde. Anfang Februar wollen die EU-Kommissare über den neun Milliarden Dollar schweren Zusammenschluss entscheiden, derzeit laufen die vorbereitenden Sitzungen ihrer Mitarbeiter.

Der zuständige Wettbewerbskommissar Joaquin Almunia will die Fusion zum weltgrößten Börsenbetreiber wegen der Marktmacht der beiden Konzerne im Derivate-Geschäft, das über europäische Börsen läuft, verbieten. Theoretisch könnte er von den übrigen Kommissaren überstimmt werden, dies ist allerdings sehr unwahrscheinlich.

Werden die Börsenbetreiber ihren Antrag zurückziehen?

Die Unternehmen könnten den Antrag zurückziehen, um eine formelle Entscheidung der EU-Kommission inklusive Produkt- und Markt-Definitionen zu verhindern. Börse und Nyse müssten sich allerdings auf einen parallelen Rückzug verständigen, sonst müsste einer der Partner vermutlich eine Strafzahlung (Break-Up-Fee) von 250 Millionen Euro bezahlen. Auch die Aktionäre von Nyse und Deutsche Börse könnten gegen das Management klagen, sagte eine Person aus dem Umfeld der Börse. Deshalb sei ein Abrücken von dem Deal sehr unwahrscheinlich.

Zudem haben die Konzerne die Hoffnung auf eine positive Überraschung noch nicht aufgegeben. „Es stimmt, dass die Kommissare die zuständigen Beamten nur sehr selten überstimmen“, sagt ein Insider. „Auf der anderen Seite gibt es aber auch wenige Fälle, wo die Kommission eine so große Übernahme blockiert.“ Deutsche-Börse-Chef Reto Francioni und sein Nyse-Kollege Duncan Niederauer versuchen deshalb, mit einer Lobby-Offensive beim Weltwirtschaftsforum in Davos das Ruder herumzureißen.

Können die Konzerne gegen das Votum Widerspruch einlegen?

Eine Anfechtung vor dem Europäischen Gerichtshof in Luxemburg ist möglich, der letzte erfolgreiche Versuch liegt allerdings schon zehn Jahre zurück. Zudem dauert ein Verfahren in der Regel rund zwei Jahre. In dieser Zeit kann sich in der Börsenbranche viel tun und die Logik der Fusion infrage stellen. Auch die Frist der Konzerne, das Geschäft bis Ende März 2012 abzuschließen, ließe sich nicht einhalten.

Auf der anderen Seite könnten beide Unternehmen mit dem Gang vor Gericht Klarheit für künftige Übernahmen schaffen - etwa über die Definition des Derivate-Marktes. Deutsche Börse und Nyse argumentieren, bei der Prüfung müsse auch der außerbörsliche Derivate-Handel einbezogen werden, der derzeit rund vier Fünftel des Marktes ausmacht. Die EU-Kommission sieht das anders. Umstritten ist zudem, ob bei der Prüfung nur der europäische oder auch der globale Derivate-Markt betrachtet werden sollte.

Was würde die Börse nach einem Veto aus Brüssel machen?

Deutsche-Börse-Chef Francioni hat jüngst angedeutet, dass er sich nach weiteren Konsolidierungsmöglichkeiten umsehen würde, falls die EU-Kommission den Zusammenschluss mit der Nyse blockiert. Bei einem Platzen der Fusion sei es wahrscheinlich, dass sich der Frankfurter Börsenbetreiber mittelfristig in Asien und anderen aufstrebenden Ländern nach Partnern umsehe, sagte ein Insider. „Derzeit hat allerdings niemand einen solchen Plan B in der Schublade.“

Banker und Experten sehen für die Deutsche Börse kaum gleichwertige Fusions- oder Übernahmekandidaten. „Wenn die Fusion mit der Nyse platzt, herrscht in der Branche erst mal Stillstand“, sagt ein Investmentbanker. „Kleinere Zukäufe wie die Börse in Spanien oder Betreiber in Osteuropa sind sicherlich eine Option, aber einen großen Wurf wie mit der Nyse wird es dann auf absehbare Zeit nicht geben“, sagt Equinet-Analyst Philipp Häßler. Übernahmen von schnell wachsenden Betreibern in Asien oder Südamerika kann die Börse aus seiner Sicht kaum stemmen. „Einen Kauf der brasilianischen Bovespa könnte sich die Deutsche Börse beispielsweise eher nicht leisten.“

Was würde eine Blockade für die Branche bedeuten?

Das Anfang 2010 ausgerufene Branchen-Motto „Big is beautiful“ wäre Makulatur, falls der Zusammenschluss von Deutscher Börse und Nyse nicht zustande kommt. Es wäre nach dem Scheitern der Fusionen von ASX und der Börse Singapur sowie der London Stock Exchange und der kanadischen TMX der dritte abgeblasene Deal innerhalb eines Jahres.

„Sollte die Fusion von Deutscher Börse und Nyse platzen, würde dies darauf hindeuten, dass es ganz große Deals und eine grundlegende Konsolidierung der Branche vorerst nicht geben wird“, sagt Häßler. Auch für andere Branchen könnte die Entscheidung der EU-Kommission Signalwirkung haben. „Grundsätzlich zeichnet sich ab, dass die Wettbewerbshüter immer weniger Skrupel haben, große Deals zu blockieren“, beobachtet Analyst Martin Peter von der LBBW. Die größte 2011 angekündigte Transaktion, der Verkauf von T-Mobile USA an AT&T , war am Widerstand der US-Aufseher gescheitert.

Die Süddeutsche Zeitung glaubt angesichts der gelassenen Reaktionen seitens der beiden Unternehmen nach der geplatzten Fusion, dass diese gar nicht so wichtig und nötig gewesen sei, wie es die Chefs der beiden Börsenplätze stets behauptet hätten. Noch vor einem Jahr hätten beide erklärt, das Überleben der Deutschen Börse und der NYSE Euronext hänge von der Fusion ab. Nun fragt sich die Zeitung, ob der ganze Aufwand im Vorfeld des Deals es wirklich wert gewesen sei. „Waren die Egos zweier Manager wieder mal größer als der zu erwartende Ertrag?“, verweist das Blatt auf die gescheiterte Firmenfusion zwischen Daimler und Chrysler.

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Die 27 EU-Kommissare verbieten die Fusion der beiden Börsen.

Die Börsen-Zeitung vergleicht den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Börse, Reto Francioni, mit dem griechischen Mythoshelden Sisyphos, dessen Felsblock immer kurz vor dem Gipfel des Berges entglitt und der die Arbeit neu beginnen musste. Die Liste der Pleiten für die Deutsche Börse sei mittlerweile ziemlich lang. Der Finanzplatz habe bereits zwei Mal erfolglos versucht, die Börse in London an Land zu ziehen. 2004 seien eine Fusion mit der Schweizer Börse sowie Gespräche mit der Borsa Italiana gescheitert. Hinzu kämen noch acht gescheiterte Deals mit anderen globalen Börsen. „Welch eine Vergeudung von finanziellen und personellen Ressourcen!“, kommentiert das Blatt. Ein ganzes Jahr seien wichtige Teile des Managements durch die Fusionsgespräche blockiert gewesen. Die Folge dürfte sein, dass große Fusionsprojekte, wenn schon nicht ein für alle mal, so doch zumindest für einen längeren Zeitraum für die Unternehmensleitung tabu sein werden, weil sie nach dem erneuten Scheitern kaum zu rechtfertigen seien.

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