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13.04.2011

08:47 Uhr

Presseschau

"Die Zeit der Verharmlosung ist vorbei"

VonDaniel Lenz

Die Medien sind nach der Hochstufung des Atomunfalls in der Reaktoranlage von Fukushima uneins, ob die Vorfälle vergleichbar mit Tschernobyl seien. Auch das japanische Krisenmanagement wird heftig diskutiert.

Höchste Gefahrenstufe: Die Situation in Fukushima ist weiterhin angespannt. Quelle: Reuters

Höchste Gefahrenstufe: Die Situation in Fukushima ist weiterhin angespannt.

Nachdem die japanische Regierung den Atomunfall in der Reaktoranlage von Fukushima auf dieselbe Gefahrenstufe wie das Unglück in Tschernobyl gestellt hat, schreibt der Independent, dass beide Vorfälle nicht zu vergleichen seien. Zwar habe das Kraftwerk ist Fukushima Radioaktivität in die Umwelt abgegeben, doch die Menge liege bei einem Zehntel der Freisetzung in Tschernobyl vor 25 Jahren. Auch die Zahl der evakuierten Menschen liege mit 70.000 weit unter der in Russland seinerzeit (350.00). Fazit: Tschernobyl sei eine alptraumhafte „Big Bang“-Explosion gewesen, bei der der Reaktorkern zerstört wurde, gebe es in Fukushima eine teilweise Kernschmelze, während die Reaktor-Gefäße weitgehend intakt seien.

FTD: Miserable Informationspolitik

Jetzt herrsche endlich Klarheit über die Dimension des Unglücks, kommentiert die Financial Times Deutschland. Doch Kehrseite der Hochstufung sei, dass somit die miserable Informationspolitik der japanischen Regierung deutlich geworden sei. „Dass der Schritt so spät erfolgt, erschüttert den Rest Vertrauen in die Verantwortlichen in der Regierung und beim AKW-Betreiber Tepco.“ Statt ihrer „Salamitaktik“ müsse die Regierung in Tokio ihre Informationen sofort und in vollem Umfang veröffentlichen und danach handeln, fordert die FTD.

Die britische Financial Times vergleicht das Krisenmanagement in Japan und Russland. Anders als in Fukushima sei die Bevölkerung rund um Tschernobyl erst 48 Stunden nach der Explosion evakuiert worden, Jod-Tabletten seien seinerzeit nicht verteilt worden. Die Schlagzeilen, dass Fukushima so schlimm sei wie Tschernobyl, werde bei denjenigen, die in der globalen Nuklear-Industrie arbeiten, einen Schauder erzeugen. Sie könnten nur hoffen, dass die japanischen Teams, die am Reaktor arbeiten, den Notfall schnell unter Kontrolle bringen, anschließend könnten die Behörden die Gefahrenstufe zumindest auf sechs herabstufen.

Daily Times: Kein grundsätzliches Umdenken

Fukushima werde in die Geschichte eingehen als weitere Tragödie in Japan, die weltweit zu technologischen und Sicherheits-Neubewertungen geführt habe, analysiert die Daily Times aus Pakistan. Gleichwohl werde der Vorfall nicht zu einem grundsätzlichen Umdenken führen und die „nukleare Uhr“ zurückdrehen – obwohl die Fukushima-Tragödie eindeutig primär auf Fehlfunktionen im Reaktor und nicht auf die Naturgewalten zurückzuführen sei.

„Beschönigt und geschwiegen“, titelt die Frankfurter Rundschau mit Blick auf das Krisenmanagement in Japan. Doch jetzt sei die Zeit der Verharmlosung des Super-GAU vorbei – was bei Harrisburg und Tschernobyl noch funktioniert habe, klappe nicht mehr. „Eine Technologie, die die Verwüstung ganzer Regionen als mögliche Begleiterscheinung hat, ist nicht verantwortbar, ihr Risiko kein ,Restrisiko’. Japan lernt diese grausame Lektion stellvertretend für die anderen Länder, die sich von der Kernspaltung abhängig gemacht haben.“ Die Regierung könne nur dann ihr Gesicht wahren, falls sie einen Post-Fukushima-Wiederaufbauplan mit forciertem Umstieg auf erneuerbare Energien auflege.
Wall Street Journal: Woher kommen die Milliarden?

Das Wall Street Journal untersucht die Auswirkungen der Fukushima-Katastrophe in Deutschland, wo derzeit der schnellste Wandel in der Energiepolitik weltweit zu beobachten sei. Zwar sei Angela Merkes Eile angesichts der Wahlverluste und großen Anti-Atom-Demonstrationen verständlich. Andererseits habe die Kanzlerin bislang nicht gezeigt, wo sie die Milliarden findet, die ein Atom-Ausstieg kosten. Hinzu komme, dass die „Nicht-in-meinem-Hinterhof-Gruppen“ den Befürwortern einer Umstellung auf erneuerbare Energien Kopfschmerzen bereiten dürften, da zu diesem Zweck Stromleitungen vom windigen Norden in den Süden benötigt würden.

Kommentare (4)

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Manu

13.04.2011, 09:13 Uhr

Und über den HAARP angriff auf Japan wird natürlich nichts geschrieben.
Auch nichts über den Angriff mit STUXNET auf die Steuerung der Atommeiler.....
Und vermutlich ist das Mega Erdbeben im Mai am New Madrid Fault auch "natürlichen" Ursprungs.....

Kritiker

13.04.2011, 16:28 Uhr

Die Frage, woher die Milliarden für den Ausstieg kommen ist völlig unsinnig! Kommentar Teil 1/3
Vor dem Hintergrund, dass die Frage nicht geklärt ist, wie eine Endlagerung für Atommüll erfolgt, kann auch keine Berechnung erstellt werden, welche Kosten für die Endlagerung anfallen. Ergo: Diese Kosten sind in allen Diskussionen um die kostendämpfende Wirkung der Atomenergie NIE ENTHALTEN! Und hätte dies doch jemand mit eingerechnet - mit welchem Betrag stünden diese Kosten in den Büchern von RWE, Vattenfall, EON und Co.?
Da also die Endlagerungskosten nicht bekannt sind, aber schon heute gesichert ist, dass diese in jedem Falle Milliarden verschlingen werden – sofern dies nicht sogar ein Fass ohne Boden ist, gibt es schon alleine aufgrund des finanziellen Aspektes gar kein Argument, an der Atomkraft weiter festzuhalten. Und man vergesse nicht dabei, dass auch alle AKWs rückgebaut werden müssen und je länger man Atomkraft nutzt und je mehr AKWs gebaut werden, umso größer wird das nicht bezifferbare Problem der Endlagerung.
Ferner sollte nicht verschwiegen werden, dass die heute genutzten Zwischenlager z.T. in katastrophalem Zustand sind, d.h. dass Atommüllfässer, die in Salzstöcken eingelagert sind - oder besser: einfach nur rein gekippt wurden! - inzwischen durchgerostet sind, und dass niemand diesen Müll aus den Zwischenlagern rausholen kann! Also sind de facto Zwischenlager unsere Endlager!? Ist das den Standortbetreibern eigentlich klar?
Und was es kosten würde, den Müll doch rauszuholen, wenn es unumgänglich wäre (z.B. wegen geologischen Erfordernissen, einbrechende r Salzstöcke etc.)? Kostet es ein Menschenleben weil jemand in diese Höllen muss – müssen sich den Strahlen viele Menschen aussetzen?

Fortsetzung

Kritiker

13.04.2011, 16:30 Uhr

Fortsetzung: Die Frage, woher die Milliarden für den Ausstieg kommen ist völlig unsinnig! Kommentar Teil 2/3

Wer geht denn freiwillig da rein und holt den Kram da raus und setzt sich einem sehr wahrscheinlichen Krebsbefall und Defekt seiner Gene aus? Selbst auch nur ein Menschenleben, das im Übrigen die Energiekonzerne anscheinend bei der Risikobewertung ja auch billigend in Kauf nehmen - ist nicht bezahlbar! Auch wenn Versicherungen ein Schmerzensgeld oder Schadenersatz zahlen - vielleicht sogar in Millionenhöhe. Einen Menschen kann man nicht wieder durch eine Geldleistung lebendig machen, sei sie auch noch so hoch. So macht auch kein Geld der Welt einen Menschen wieder gesund, der den Rest seines absehbaren Lebens an Krebs leidet. Und das betrifft ja nicht nur den erkrankten Menschen, sondern seine Familie, Freunde und Angehörigen deren Leben dies zerstören wird. Hallo Konzernlenker: Nachdenken!
Wie wäre es denn damit: Man verlangt von den Konzernlenkern und befürwortenden Politikern, dass diese die Drecksarbeit, als den Atommüll, den Ihre Kraftwerke produzieren, auch selbst - also persönlich - aus einem Reaktor oder aus einem maroden Zwischenlager holen? Oder wenn diese wie in Fukushima den defekten Reaktor eigenhändig reparieren müssten, das Verseuchte Wasser abpumpen müssten etc. Wetten, dass all jene, die sich die Taschen mit Geld aus der "sauberen Energie" vollstopfen, nie in ein verseuchtes KKW gehen würden, dass wie in Japan evtl. auch explodieren könnte, während des Versuchs etwas zu reparieren? Wetten, dass sie, wenn es brenzlig für sie würde, einfach weg wären? Stattdessen halten wie in Japan z.B. Feuerwehrleute ihren Kopf hin – freiwillig etwa???

Fortsetzung

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