Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

27.04.2011

07:37 Uhr

Presseschau

Draghi ist Sieger im politischen Kuhhandel

VonVon Daniel Lenz und Kerstin Herrn

Die internationale Wirtschaftspresse kommentiert die Vorentscheidung im Kandidatenrennen um die EZB-Spitze. Angela Merkel könne sich dem italienischen Notenbankchef nun nicht mehr verweigern, meinen die Kommentatoren.

Mario Draghi, neuer Top-Kandidat für den Posten des EZB-Chefs. Quelle: Reuters

Mario Draghi, neuer Top-Kandidat für den Posten des EZB-Chefs.

Nach Italiens Regierungschef Berlusconi hat sich nun auch Frankreichs Präsident Sarkozy für Mario Draghi als Nachfolger für EZB-Präsident Jean-Claude Trichet stark gemacht. Die britische Financial Times entgegnet dem Vorbehalt, die EZB werde mit Draghi an der Spitze und Portugals Vitor Constâncio als Vizepräsidenten "zu südländisch". Die sei insofern "Nonsense", als Draghi über vielfältige internationale Erfahrungen und einen tiefen "Einblick ins Schuldenmachen" verfüge. "Die Eurozone sollte vielmehr eine nicht-nördliche Perspektive bei den Top-EZB-Jobs begrüßen." Gleichwohl müssten die Eurozonen-Chefs bedenken, dass sie, indem sie die Wahl der neuen EZB-Spitze politisch hielten, sich später nicht beschweren dürften, falls die Zentralbank ab und zu ihre politischen Muskeln spiele lasse.

SZ: Mehr als eine Vorentscheidung

Aus Sicht der Süddeutschen Zeitung ist das Votum von Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy für den italienischen Notenbankchef Mario Draghi als neuen EZB-Präsidenten mehr als eine Vorentscheidung. Zwar würden die Staats- und Regierungschefs der 17 Euro-Länder offiziell erst Ende Juni über die Top-Personalie entscheiden, doch die Würfel seien gefallen, da die deutsche Regierung keinen eigenen Kandidaten habe. Die Münchner porträtieren Draghi als "geldpolitischen Pragmatiker", der öffentlich klare Aussagen zur Zinspolitik vermeide und stattdessen lieber allgemein über Wirtschaftspolitik oder die Stabilität des Bankensystems rede. Während der Italiener fachlich über genügend Erfahrungen verfüge, sei eben diese Vergangenheit Draghis einziges Manko - Draghi war zwischen 2002 und 2005 bei der umstrittenen US-Bank Goldman Sachs für das Europa-Geschäft zuständig.

Nach dem Rückzug von Bundesbankpräsident Axel Weber und dem öffentlichen Bekenntnis von Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy zu Draghi könne sich Angela Merkel dem Italiener nicht mehr wirklich verweigern, meint die Financial Times Deutschland . Doch die Kanzlerin solle sich ihre Zustimmung abkaufen lassen. Mögliche Forderungen der Kanzlerin: Der Deutsche Jürgen Stark solle eine stärker herausgehobene Rolle im EZB-Direktorium bekommen; der im März verabschiedete Euro-Plus-Pakt zur Abstimmung nationaler Politik müsse verbindlicher werden als bisher von den EU-Staats- und Regierungschefs vereinbart; Nachbesserungen an den Euro-Rettungsschirmen, mit denen sie auch die unzufriedenen Fraktionen von Union und FDP gewinnen könne.

NZZ ist skeptisch

Die Neue Zürcher Zeitung geht nicht davon aus, dass der nächste EZB-Chef mit Sicherheit Draghi heißen werde. Die Wahl des Notenbankpräsidenten sei vor allem ein politischer Kuhhandel und darum kaum voraussehbar - wie bei der Wahl von Wim Duisenberg zum ersten EZB-Präsidenten könnte die Entscheidung in allerletzter Minute in einer eigens dafür einberufenen Nachtsitzung gefällt werden. Sollte Merkel aber gegen den italienischen Kandidaten Vorbehalte haben - aus Regierungskreisen sei immer wieder Skepsis gegenüber einem Notenbankchef aus einem stark verschuldeten Staat zu vernehmen -, müsse sie jetzt auf Konfrontation mit Frankreich gehen, um einen anderen Anwärter als Draghi zu portieren, kommentiert die Neue Zürcher Zeitung.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

derostenistrot

27.04.2011, 09:24 Uhr

in der bekannten witzigen Beschreibung eines früheren franz. Präsidenten von "Himmel und Hölle" ist im "Himmel" der Banker ein Schweizer und der Lover ein Italiener, in der Hölle aber verhält es sich wohl umgekehrt: Der Banker ist ein Italiener und der Lover ...

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×