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24.05.2011

07:45 Uhr

Presseschau

Ein Gleichgewicht des Schreckens

VonMaxim Kireev

Die internationale Wirtschaftspresse kritisiert die Rolle der Europäischen Zentralbank im Kampf gegen die Schuldenkrise. Der Economist blickt mit Sorge nach Italien und Paul Krugman entlarvt Europas größten Irrtum.

Eine griechische Ein-Euro-Münze. Quelle: dpa

Eine griechische Ein-Euro-Münze.

DüsseldorfEine Eskalation der Eurokrise ist wahrscheinlicher denn je, befürchtet die Financial Times, die sich durch das Verhalten Griechenlands und der Europäischen Zentralbank an den Kalten Krieg erinnert fühlt. Beide Länder ahmten die Taktik des „Gleichgewichts des Schreckens“ der damaligen Supermächte nach, eine auch als „MAD“ bekannte Strategie. So habe Griechenland Unterstützung von der EU verlangt, schließlich würde ein Staatsbankrott in Athen andere europäische Staaten mit in den Abgrund reißen. In Europa reife dagegen die Idee von einem begrenzten Ausfall mittels einer freiwilligen Verlängerung der Fälligkeiten griechischer Anleihen. Die EZB wolle davon jedoch nichts hören, schließlich könnten griechische Anleihen danach nicht mehr als Sicherheiten für Kredite gelten, was zum Zusammenbruch des Bankensystems in dem Land führen würde. „Griechenland hat noch eine weitere MAD-Rakete direkt auf den EZB-Turm in Frankfurt gerichtet“, schreibt das Blatt. Die Zentralbank sei mit Sicherheit der größte Besitzer von Athens Anleihen. Sollte die EZB nicht klein beigeben, würde ein griechischer Bankrott ihr Kapital zerstören.

Die Eurozone sieht sich wachsenden politischen Risiken gegenüber, analysiert das Wall Street Journal. Die schwere Niederlage der spanischen Regierungspartei bei Regionalwahlen und die negativen Ratingaussichten für Italien und Belgien hätten dem Euro zugesetzt. Die Wahl in Spanien zeige, dass die Amtsinhaber angesichts der Sparprogramme keine Gnade von den Wählern zu erwarten hätten. Einige Investoren fürchteten nun, das Reformprogramm des Premiers Jose Zapatero sei gefährdet. Angst vor Regierungsblockaden in Italien und Belgien sei auch der Grund für die schlechten Ratingaussichten. Auch die italiensiche  Regierungspartei habe bei einer Verschuldung von 119 Prozent des BIP in den Regionalwahlen verloren und Belgien lebe bereits seit elf Monaten ohne Regierung. „Um das Vertrauen der Rating-Agenturen und Investoren zu erhalten, braucht es nicht nur politischen Mut seitens der Politiker, sondern auch politisches Verständnis seitens der Wähler.“

Die EZB sei Griechenlands größter Feind, findet die kanadische Zeitung The Globe and Mail. Schließlich stemme sich die Zentralbank gegen das Unvermeidliche: eine Umschuldung Griechenlands. Für den Chef der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, sei eine Umschuldung jedoch ein ähnliches Tabu wie das Fluchen in der Kirche. Mit dem vehementen Widerstand gegen den Staatsbankrott verfolge die EZB Eigeninteressen, schließlich halte die Bank massiv Schuldscheine europäischer Randstaaten. Mit ihrem Widerstand mache die Bank das Leben für Griechenland jedoch nur noch schwerer. Stattdessen betone die EZB stets die negativen Auswirkungen der drohenden Ausfälle auf das Bankensystem in Griechenland und auf andere Krisenstaaten wie Portugal und Irland. „Sie spielt dadurch eine zerstörerische Rolle“, zitiert das Blatt einen Experten.

Italien braucht Wachstum

Das Wirtschaftsmagazin Economist analysiert die Gründe für eine Herabstufung der Ratingaussichten Italiens durch Standard & Poors. Italiens Schuldenproblem sei zwar nicht mit dem anderer Krisenstaaten vergleichbar wäre und überdies besitze das Land einen Größenvorteil, schließlich sei der Markt für italienische Anleihen nach den USA und Japan der drittgrößte der Welt. „Was Italien jedoch hat, ist ein Wachstumsproblem“, meint das Magazin. Das Land sei durch eine schreckliche Dekade gegangen mit einem Pro-Kopf-Wachstum nahe Null. Um seine Schulden, die sich 2009 auf 128 Prozent des BIP beliefen, zu bezahlen, müsse das Land wachsen. Es sei jedoch unklar, wie das Land dies erreichen wolle, angesichts der hohen Ausgaben für den Schuldendienst. „Eine Möglichkeit wäre ein liberales Reformprogramm“, schlägt das Blatt vor. Dies werde jedoch nicht passieren, denn die meisten Italiener seien mit der Lage recht zufrieden. 

Europa glaubt blind ans Sparen

Der Star-Ökonom Paul Krugman kritisiert in der New York Times den blinden Glauben der Europäer an die Wirksamkeit von Sparprogrammen als Allheilmittel für wirtschaftliche Probleme. Diesem Irrtum liege die Idee zu Grunde, dass ein fiskalischer Sparkurs Jobs schaffe, weil dadurch die Zuversicht im privaten Sektor steigen würde. Die europäischen Krisenstaaten rutschten wegen der Sparprogramme, die ihnen seitens des EZB im Tausch gegen Finanzhilfen auferlegt worden seien, jedoch noch tiefer in die Krise. Mittlerweile sei klar, dass Griechenland, Portugal und Irland ihre Schulden nie ganz zurückzahlen können. Realistisch gesehen müsse sich Europa auf einen Schuldenabbau vorbereiten, der eine Kombination aus Hilfen reicherer Mitglieder und Verlusten für private Investoren darstelle. „Realitätssinn scheint jedoch rar zu sein“, so Krugman. Während sich Deutschland sträube gegen alles, was auch nur an Hilfe für die Nachbarn erinnert, verhalte sich die EZB, als wolle sie eine Finanzkrise provozieren. Einerseits erhöhe die Zentralbank die Zinsen trotz der schlechten Wirtschaftslage in vielen Mitgliedsstaaten und warne andererseits vor jeglichen Schuldabschreibungen. Sie drohe sogar dem griechischen Bankensystem, in einem solchen Fall den Geldhahn zuzudrehen. Dies würde Griechenland aus der Eurozone zwingen und andere Staaten wie Dominosteine zu Fall bringen.

Kommentare (1)

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nanoflo

24.05.2011, 12:22 Uhr

Warum "muss" den "angeblichen Experten "nach immer ein Dominoeffekt auftreten!!!???Ich denke nicht daß die Banken es zulassen würden auf "Ihr" Kapital zu verzichten.Wenn der Finanzsektor merkt er wird belangt werden Spekulationen auf ein normales Maß zurückgefahren und die Staaten können aufatmen.

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