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24.10.2011

07:42 Uhr

Presseschau

Europäisches Kasperletheater

VonPeggy Pfaff

Die Wirtschaftspresse rekapituliert ein düsteres und chaotisches EU-Gipfelwochenende. Die Ergebnisse seien enttäuschend, der Umgang miteinander auf einem Tiefpunkt - und die ganze Krise langsam fade. Die Presseschau.

Kanzlerin Merkel als Marionette bei der Demonstration der „Occupy Frankfurt“-Marionette. dapd

Kanzlerin Merkel als Marionette bei der Demonstration der „Occupy Frankfurt“-Marionette.

Düsseldorf„Europa versucht, seine Krise mit Babyschritten zu lösen“, fasst das österreichische Wirtschaftsblatt seine Enttäuschung über die Ergebnisse des Brüsseler Gipfels in Worte. Europas Polit-Elite traue sich nicht zu, auf einem einzelnen Gipfel eine Lösung für die aktuelle Krise zu präsentieren. Das Problem: Bei ihren Hochrechnungen zum Finanzbedarf gingen sie stets von falschen Annahmen aus: „Statt kaltem Kalkül regiert das süße Prinzip Hoffnung.“ Mit faktisch 250 Milliarden Euro habe man den europäischen Rettungsschirm ausstatten (EFSF) wollen, inzwischen spreche man von Billionen. Zum Kapitalisierungsbedarf der Banken würden nun rund 100 Milliarden Euro genannt, der IWF gehe aber von 200 Milliarden aus, einzelne Think Tanks von doppelt so viel. „Revidiert man im Wochentakt Finanzierungsbedürfnisse nach oben, manifestiert sich der Eindruck, dass sich die Lage kontinuierlich verschlimmert.“ Lege man aber die Karten auf den Tisch, gebe es nur einmal einen Aufschrei - und Klarheit, die wichtig wäre, um eine Lösung zu finden. „Ob sich diese Einsicht bis Mittwoch durchsetzt, ist leider fraglich.“

Wie die höhere Kapitalquote den Crash verhindern soll

Was ist die Kernkapitalquote?

Die Kernkapitalquote beschreibt das Verhältnis vom Kapital einer Bank zu ihren risikobehafteten Geschäften, also zu den vergebenen Krediten und den getätigten Geldanlagen. Das Kernkapital kann Verluste abfangen, die es durch Kreditausfälle und Kursabstürze gibt.

Warum ist die Erhöhung nötig?

Die Lage Griechenlands ist inzwischen so dramatisch, dass dem Land ein Teil seiner Schulden erlassen werden muss. Anvisiert wird ein Schuldenschnitt von mindestens 50 Prozent. Athens private Gläubiger müssten damit auf die Hälfte ihrer verliehenen Gelder verzichten und entsprechende Ausfälle verbuchen.

Woher soll das frische Geld für die Stärkung der Banken kommen?

Die Banken sollen sich selbst um die Erhöhung der Quote kümmern. Sie können dazu einen Teil ihrer Gewinne zur Aufstockung des Kapitalpuffers verwenden. Reicht dies nicht, müssten sie versuchen, am Markt Geldgeber zu finden. Möglich ist eine Kapitalerhöhung, bei der neue Aktien ausgegeben werden. Wenn einzelne Banken das Geld nicht zusammenbekommen, müsste wohl der Staat einspringen.

Was könnte die höhere Kapitalquote für Bankkunden bedeuten?

Eine höhere Kernkapitalquote senkt das Risiko von Pleiten, damit ist das Geld der Bankkunden sicherer. Unklar ist, ob Institute neuen Kapitalbedarf auch über höhere Gebühren einspielen würden. Geschmälert werden voraussichtlich die Dividenden von Bank-Aktionären, wenn die Institute mehr von ihren Gewinnen einbehalten. Die Auswirkungen auf Kunden und Aktionäre hängen immer auch davon ab, wie hoch die bisherige Kernkapitalquote bei der jeweiligen Bank und damit ihr zusätzlicher Finanzbedarf ist.

„Die anhaltende Euro-Krise wird langsam langweilig“, ätzt der Business Insider. „Die täglichen Gerüchte und die Dementi sind nur noch lauter Lärm, der den Menschen Hoffnung machen soll, doch am Ende gibt es keine Lösung.“ Die Stimmung in Brüssel sei „sehr düster“ gewesen, Belgiens Finanzminister Didier Reynders habe gar den Euro-Gipfel verlassen, um stattdessen ins Kino zu gehen: „Er war der einzige Weise, der realisiert hatte, wie sinnlos dieses Treffen war.“ Die europäischen „Kasper“ hätten bereits vor dem Treffen festgestellt, dass es sie nicht weit bringen wird und einen weiteren Gipfel für kommenden Mittwoch angekündigt. Bundeskanzlerin Angela Merkel glaube, dass dieser den Durchbruch bringe. „Doch wir können nicht sicher sein, vielleicht wird wieder nur viel Lärm produziert, oder angekündigt, dass es noch eines weiteren Gipfels bedarf, oder die Idee der Vereinigten Saaten von Europa wird geboren.“ Deren Umsetzung werde Jahre dauern, doch die Finanzmärkte brauchten Lösungen in Wochen oder gar Tagen.

Zum ersten Mal in der Geschichte der EU sei ein Gipfel unterbrochen worden, weil ein Mitglied erst die Zustimmung seines nationalen Parlaments einholen muss, bevor die EU-Chefs endgültig beschließen können, stellt das französische Magazin Marianne konsterniert fest. „Wer sonst genießt ein solches Privileg außer Deutschland?“

Diese Episode sage viel aus über das Kräfteverhältnis in Europa, denn Bundeskanzlerin Angela Merkel habe damit den Terminplan ihres Parlaments den EU-Partnern aufgezwungen. „Sie setzt ihre Ansichten durch: der Schuldenschnitt Griechenlands müsse erst mit den Banken diskutiert werden, der Vorschlag, dass der EFSF die Europäische Zentralbank (EZB) anrufen kann, ist vom Tisch, und die von ihr immer wieder geforderte strikte Haushaltsdisziplin der Eurozone-Mitglieder sei Voraussetzung für eine Einigung“, kritisiert das Blatt. Damit entwickle sich Europa zurück, in das Zeitalter der Antike: „Im Römischen Reich, das einst die Nationen Europas einigte, wurden alle Entscheidungen vom Senat in Rom getroffen. Doch wie wir wissen, befindet sich Rom nicht mehr in Rom, sondern vielleicht in Berlin.“

Die Chronik der Schuldenkrise

25. März 2010

Beim EU-Gipfel einigen sich die Euro-Länder auf einen Notfallplan für das hoch verschuldete Griechenland. Der Plan sieht freiwillige Hilfen einzelner Euro-Länder und des Internationalen Währungsfonds (IWF) vor. Griechenlands Ministerpräsident Giorgos Papandreou betont: „Griechenland ist entschlossen, mit seinen eigenen Problemen fertig zu werden.“

10. Mai 2010

Um die Schuldenkrise einzudämmen, spannen die Finanzminister und der IWF einen Rettungsschirm (EFSF) für pleitebedrohte Euro-Mitglieder. Insgesamt 750 Milliarden Euro sollen im Notfall fließen. Der damalige Kanzleramtsminister Thomas de Maizière resümiert, jetzt komme „Ruhe in den Karton“.

21. November 2010

Als erstes EU-Land schlüpft Irland unter den EFSF. Europäer und IWF schnüren ein Hilfspaket von 85 Milliarden Euro. EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy hält Sorgen vor einem Überschwappen auf Portugal für unbegründet: „Gerede über eine Ansteckung hat keine wirtschaftliche oder rationelle Grundlage.“

25. März 2011

Der ständige Krisenfonds wird mit über 700 Milliarden Euro ausgestattet. Der Stabilitätspakt wird verschärft, Defizitsündern drohen auch bei einer zu hohen Gesamtverschuldung Sanktionen. Die 17 Euro-Länder wollen sich in der Sozial-, Steuer- und Haushaltspolitik enger abstimmen.

8. April 2011

Nach einem Hilferuf aus Lissabon setzt die EU ein Rettungspaket für Portugal in Gang. Höhe: Rund 80 Milliarden Euro. Schäuble sieht die Gefahr einer Ausbreitung der Krise zunächst als gebannt an: „Die Ansteckungsgefahr ist geringer geworden.“

20. Juni 2011

Die EU-Finanzminister beschließen eine Ausweitung des EFSF. Deutschlands Anteil steigt von 123 auf 211 Milliarden Euro. Damit bis zu 440 Milliarden Euro an Krediten gezahlt werden können, müssen die Euro-Länder ihre Garantien auf 780 Milliarden Euro erhöhen. Merkel verteidigt das: „Scheitert der Euro, scheitert Europa.“

23. Juni 2011

Athen beantragt ein zweites Hilfspaket. Es beläuft sich schließlich auf 159 Milliarden Euro. Erstmals beteiligen sich auch private Gläubiger Athens, ihr Anteil beträgt rund 50 Milliarden Euro.

8. August 2011

Die Europäische Zentralbank (EZB) kauft nun auch Staatsanleihen von Italien und Spanien auf, um beide Länder zu stützen.

 

23. - 27. Oktober 2011

Nach einem Doppelgipfel beschließen die Euro-Länder das bislang dickste Paket zur Eindämmung der Krise: Griechenlands Schulden werden um 50 Prozent gekappt. Das im Juli beschlossene 109-Milliarden-Programm wird modifiziert: Nun soll es zusätzliche öffentliche Hilfen von 100 Milliarden Euro geben, sowie Garantien von 30 Milliarden Euro, mit denen der Schuldenschnitt begleitet wird. Die Schlagkraft der EFSF soll auf rund eine Billion Euro erhöht werden. Zudem müssen Europas Banken ihr Kapital um mehr als 100 Milliarden Euro aufstocken. „Ich bin sehr zufrieden mit den Ergebnissen“, bilanziert Merkel. Und Frankreichs Finanzminister François Baroin sagt erleichtert: „Es gab ein Explosionsrisiko. Das Abkommen von heute Nacht ist eine freundschaftliche, globale und glaubwürdige Antwort.“

01. November 2011

Griechenlands-Ministerpräsident Papandreou kündigt völlig überraschend eine Volksabstimmung über das neue Milliarden-Rettungspaket für Griechenland an. Damit stößt er Merkel und Sarkozy vor den Kopf, die den griechischen Staatschef zum Appell zitieren. Am Vorabend des G20-Treffens in Cannes setzen sie sich mit dem Griechen, IWF-Chefin Christine Lagarde und Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker zusammen. „Wir haben Papandreou, ohne ihm einen wirklichen Vorwurf zu machen, darauf hingewiesen, dass sein Benehmen illoyal ist“, wird Juncker am Tag darauf im ZDF-„Morgenmagazin“ sagen. Der unerwartete Vorstoß habe nun zu erheblichen Verstimmungen an den Finanzmärkten und in europäischen Regierungskreisen geführt. Die wichtigste Frage sei, ob Griechenland in der Euro-Zone bleibt oder nicht, so Juncker: „Wir hätten gerne, dass Griechenland Mitglied bleibt, aber nicht zu jedem Preis.“

02. November 2011

Kaum eine Woche im Amt überrascht der neue Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) die Öffentlichkeit: Aus Sorge um die Wirtschaft in der anhaltenden Griechenland-Krise, senkt Mario Draghi den Leitzins von 1,5 auf 1,25 Prozent. Gleichzeitig wird die bereits gebilligte Kreditauszahlung von acht Milliarden Euro an Griechenland auf Eis gelegt.

6. November 2011

Nach einer quälenden Hängepartie einigen sich die beiden großen politischen Lager in Athen auf eine Übergangsregierung. Hauptziel soll die Umsetzung der EU-Beschlüsse vom 27. Oktober sein. Später soll es Neuwahlen geben. Wer die neue Regierung führen soll, darüber wird noch tagelang gestritten. Die Konservativen fordern weiterhin zuerst einen Rücktritt des Sozialisten Papandreou.

8. November 2011

Nun steht auch Silvio Berlusconi vor dem Aus. Bei der Abstimmung über den Rechenschaftsbericht 2010 verfehlt er im italienischen Parlament die absolute Mehrheit. Am Abend kündigt er seinen Rücktritt an. Zuvor sollen aber noch die Brüssel zugesagten Reformen beschlossen werden.

9. November 2011

Griechenlands Regierungschef Giorgos Papandreou kündigt in Athen seinen Rücktritt an. Im italienischen Parlament drücken die Fraktionschefs derweil aufs Tempo und einigen sich darauf, dass die Reformen innerhalb weniger Tage durchs Parlament gehen sollen. Staatspräsident Giorgio Napolitano ernennt den ehemaligen EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti überraschend zum Senator auf Lebenszeit - das wird in Rom als Signal gedeutet, dass Monti Nachfolger von Berlusconi werden könnte.

10. November 2011

Die Akteure in Athen einigen sich auf einen neuen Ministerpräsidenten: Der frühere EZB-Vizepräsident Lucas Papademos (parteilos) soll eine Übergangsregierung bis zu Neuwahlen führen und im Parlament die von den internationalen Geldgebern verlangten Reformen durchsetzen. In Italien scheint Silvio Berlusconi mit Mario Monti als neuem Regierungschef einverstanden zu sein.

09. Dezember 2011

Nahezu alle Mitgliedstaaten einigen sich beim EU-Gipfel in Brüssel nach zähen Verhandlungen auf eine Fiskalunion. Großbritannien steht im Abseits. Eine Spaltung der EU wird abgewendet.

12. Januar 2012

In Athen beginnt eine wichtige Verhandlungsrunde über einen Schuldenschnitt der privaten Investoren für Griechenland.

13. Januar 2012

Standard & Poor's senkt die Bonität Frankreichs um eine Stufe auf AA. Acht weitere Euro-Länder sind ebenfalls betroffen.

14. März 2012

Die Eurogruppe gibt ein zweites Griechenland-Paket frei. Der IWF beteiligt sich daran mit 28 Milliarden Euro.

30. März 2012

Die Eurogruppe einigt sich auf eine Stärkung ihrer Rettungsschirme auf maximal 800 Milliarden Euro. Die spanische Regierung beschließt das größte Sparpaket seit Wiedereinführung der Demokratie im Jahr 1977 in Höhe von 27 Milliarden Euro.

09. Juni 2012

Spaniens Regierung kündigt an, zur Sanierung der maroden Banken ein Rettungspaket "light" zu beantragen. Die Eurogruppe sagt Madrid bis zu 100 Milliarden Euro zu.

17. Juni 2012

Bei der Neuwahl in Athen siegen die reformwilligen Konservativen. Europa atmet auf, das Schreckensszenario eines griechischen Euro-Austritts scheint zumindest vorerst gebannt.

25. Juni 2012

Nach langem Zögern flüchten Spanien und auch Zypern unter den Euro-Rettungsschirm. Der Finanzierungsbedarf beider Länder zur Rekapitalisierung ihres Bankensektors ist noch unklar.

Kommentare (10)

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Bazooka

24.10.2011, 07:58 Uhr

Tja die Massenmedien halt! Nur die wenigsten Medien schaffen es, die Fakten auf den Tisch zu legen und sich mit der Realität auseinander zu setzen. Beim Großteil der Presse ist entweder die Dummheit oder die Ignoranz noch zu groß, um die Realität zu erkennen.

Catweezle

24.10.2011, 08:26 Uhr

"Die auf dem Gipfel beschlossene Kapitalaufstockung für europäische Banken kommt Nobelpreisträger Paul Krugman wie ein „Verschieben von Liegestühlen auf der Titanic“ vor"
Dann können die Finanzmathematiker wenigstens in der Sonne liegen, bei der Berechnung des Untergangszeitpunktes.

Account gelöscht!

24.10.2011, 08:50 Uhr

Der Krugman nervt!! Hat der in Amerika nicht genug zu tun? Ist die Druckerpresse etwa kaputt? Scheint so, als warte man sehnsüchtig auf das Geld aus Europa!

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