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28.01.2011

06:59 Uhr

Presseschau

Fluch der Schulden

VonMidia Nuri

Die Internationale Wirtschaftspresse macht sich Gedanken über Inflation und Schulden. La Tribune hält Deutschlands Erfolg für ein bloßes Hirngespinst. Das Wall Street Journal fragt sich: Was macht China da? Fundstück: Puppe seines Lebens.

Der börsentägliche Blick in die internationale Wirtschaftspresse.

Der börsentägliche Blick in die internationale Wirtschaftspresse.

Die Börsen-Zeitung erinnert dezent an das vorrangige Ziel des Europäischen Systems der Zentralbanken: Preisstabilität. Denn die deutsche Teuerung verfehle dieses Ziel im Januar mit zwei Prozent. "Mit 'Inflationshysterie' hat das rein gar nichts zu tun", beteuert das Blatt. Ob knapp über oder unter der Marke von zwei Prozent, laufe die Geldentwertung beim heutigen Zinsniveau auf die Erosion der Ersparnisse hinaus. "Inflation ist die kalte Enteignung der Sparer.", gibt das Blatt zu bedenken und fügt an: "Es wäre schön, wenn sich die fast zum Nulltarif in Liquidität badenden Banken und Sparkassen - wie es hierzulande einmal guter Brauch war - insofern deutlich als Anwälte der Sparer positionieren würden." Dabei müssten Währungshüter angesichts der verzögerten Wirkung ihrer Instrumente vorausschauend agieren, statt erst auf vollendete Tatsachen zu reagieren, fordert das Blatt. "Sie müssen 'vor der Kurve' sein." Jean-Claude Trichet & Co. müssten nun Taten folgen lassen - im ersten Halbjahr.

"Wachsen und etwas inflationieren ist immer noch besser als Bankrott gehen", ist dagegen der Gastkommentator der WirtschaftsWoche, Vermögensverwalter Eckart Langen von der Goltz, überzeugt. Eine Rückzahlung des "Kartenhauses voller Schulden" auf normalem Wege sei eine Illusion. Eine weiter expansive Geldpolitik werde weder zu einer Währungsreform noch zu einem Staatsbankrott oder einer Auflösung des Euro führen. Die internationalen Verschuldungsprobleme ließen sich nicht mit den klassischen Sparmethoden lösen. "Etwas Inflation verkraften wir leichter als eine neue Weltwirtschaftskrise." In der nächsten stärkeren Rezession werde die Schere zwischen dem volkswirtschaftlichen Gesamteinkommen und den Schulden noch weiter auseinandergehen. Der Preis für die Rettung der Weltwirtschaft werde dann irgendwann kaum mehr zu bezahlen sein. Der Gastkommentator des Wirtschaftsmagazins hält es für einen schlimmen Irrtum, dass es ohne Schuldenabbau keine Stabilisierung der Staatsfinanzen geben werden. "Steuern erhöhen oder Ausgaben senken schwächten letztlich die Konjunktur, was zu geringeren Steuereinnahmen und damit zu noch größeren Staatsdefiziten führen werde, stellt das Blatt fest und führt Irland als "Musterbeispiel des Kaputtsparens" an.

Die Welt findet es "erschreckend und in hohem Maße alarmierend, dass heute schon "allein der Gedanke der Zerstörung ein Heer von Sympathisanten" finde, während es früher noch der Idee von einer besseren, gerechteren Welt gebraucht habe. Auf die Frage, warum dies so sei, findet das Blatt unerwartete Antworten in Davos. "Vorbei soll es sein mit dem schönen Leben in Saus und Braus. Vorbei die Zeit des leichten Geldes, wo nicht das Einkommen, sondern die Anzahl der Kreditkarten über die Bonität der Käufer entscheidet", zitiert das Blatt Allianz-Finanzvorstand, Paul Achleitner. Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität durch "die Macht des Geldes" unter die Räder gekommen. "Wir müssen uns endlich entschulden", fordert er. "Der Rückgang des Lebensstandards ist der unvermeidbare Preis, den wir für die Finanzkrise und das nachfolgende Wiedereinpendeln der Wirtschaft zahlen müssen", habe der Chef der Bank of England, Mervyn King vor dem Treffen erklärt. Nobelpreisträger Nouriel Roubini nennt die Gefahr von "Handels- und Währungskriegen" beim Namen. Dass die Regierung in Athen ihre Schuldenkrise nicht mehr aus eigener Kraft bewältigen können werde, sei klar. "Zu welchem Preis, dass wissen bestenfalls die Gäste in Davos", hält die Onlineredaktion der Zeitung fest. Antworten wie die des Chefs der Euro-Gruppe, Luxemburgs Premierminister Jean-Claude Juncker auf die Frage nach dem Preis - "Es macht keinen Sinn, diese Frage jetzt öffentlich zu erörtern." - seien es aber, die die Menschen seit langem schon empören. "Mehr noch jetzt, da der Fluch der Schulden sie heimsucht."

"Folgt nun Teil Zwei der globalen Kreditkrise?", fragt sich die Financial Times besorgt über die Herabstufung des japanischen Ratings durch Standard & Poor's. Solche Ängste seien nach dem Desaster von 2008 verständlich, aber fehl am Platz. "Die Gefahr ist, dass sie zu Politik führt, die - statt der Welt wirtschaftlicher Probleme zu lösen, sie bedeutend schlimmer macht. Der Staat möge im Minus sein, aber der cash-reiche Privatsektor spare genug, um die heimischen Bedürfnisse abzudecken und zusätzlich Kapital in Höhe von drei Prozent der Wirtschaftsleistung auszuführen, führt das Blatt an. Außerdem sei Japans Budgetdefizit nicht von hohen Regierungsausgaben verursacht, sondern von der ständigen Aushöhlung der Steuerbasis während der langen Jahre der Deflation. "Einkommen, Unternehmenssteuern, Wertpapiersteuern, Immobilien- und Nachlasssteuern - alle haben gelitten." Statt eines schrecklichen Traums, sehen sich Japans Führer einer verführerischen Realität gegenüber. "Sie haben die Gelegenheit, mehr und mehr Anleihen zum niedrigsten Zinssatz aufzulegen, seit die Babylonier die Buchhaltung erfunden haben. Schlau wäre es. "Die Wahrheit ist, dass es in alternden, Hochsparländern wie Japan und Belgien eine beständige Nachfrage nach wenig riskanten Finanzanlagen wie Regierungsanleihen gibt." Solange der Zinsdienst bedient werden könne - kein Problem. "Japan muss die Blicke der Ratingagenturen vergessen, die in der Vergangenheit keine schrecklich guten Trefferquoten erzielt haben", meint die FT. Das sei der einzige Weg, aus Herrn Yosanos schrecklichem Traum aufzuwachen.

Kommentare (2)

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Gerd Kintzel

28.01.2011, 12:10 Uhr

Eckart Langen von der Goltz irrt gewaltig, wenn er von einem "Kaputtsparen irlands" spricht.

irland wurde deshalb zum gälischen Tiger, weil es seiner geringen Steuern wegen hohe ausländische investitionen - und damit auch internationale Unternehmen - ins Land locken konnte.

Würden die iren ihr Steuersystem z.b. dem unseren anpassen, hätten sie in drei Jahren vermutlich keine Probleme mehr. Das ginge allerdings zu Lasten der dortigen investoren - und ob die dann noch bereit wären, sich vor Ort zu halten, ist sehr zweifelhaft. Das ist die eigentliche Zwickmühle, in der die irische Politik z.Zt. steckt.

Klaus Peter Kraa

29.01.2011, 20:03 Uhr

ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich´s völlig ungeniert - schön wärs. im Kommentar der Wirtschaftswoche muß also ein Fehler sein, denn wenn Privat oder Öffentlich jahrzehntelang über die Verhältnisse gelebt hat, muß er irgendwann mal konsoldieren oder sich einen Geldgeber suchen, der seine Politik des billigen Geldes zukünftig finanziert, wie jetzt Griechenland, Spanien, Portugal, irland und Co. Die bereitschaft der übrigen Europäer ist gering, denn auch sie stöhnen unter ihrer Schuldenlast. Außerdem ist es jetzt auch offiziell: Die Finanzkrise der Amerikaner schuldet Allan Greenspan, der immer gedacht und gehandelt hat, daß Konjunkturen und Krisen allein durch die Variation der Geldmege gesteuert werden können. Das ist ja auch die Theorie des Herrn Langen von der Goltz, alte Schulden mit neuen Schulden zu finanzieren, um ja nicht "die Konjunktur abzuwürgen". Es gab hierzulande mal einen Kanzler, der sagte immer: 10% inflation ist mir lieber als 10% Arbeitslosigkeit und er bekam dann immer beides: Es nützt aber einem Werktätigen nichts, zu malochen, um inflationsgeld nach Hause zu bringen.
Nein, solider ist es schon, dort zu sparen, wo man den Schuldenberg aufgebaut hat. Aber bitte keine Ersparnis (Entlastung der öffentlichen Haushalte) durch Erhöhung der Einnahmen (Steuern und Abgaben), denn das würde ein weiteres Effizienzproblem erzeugen und gerade die begünstigen, die eben nicht mit Geld umgehen können.

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