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27.01.2011

07:31 Uhr

Presseschau

„Guttenberg ist ein Getriebener in eigener Sache“

VonDaniel Lenz

Die Medien vergleichen den Minister nach der Befragung im Verteidigungsausschuss mit dem abgehobenen Guido Westerwelle und Ex-Außenminister Joschka Fischer. Das Wall Street Journal ist nach Obamas „Rede zur Lage der Nation“ besorgt. La Tribune applaudiert dem von ArcelorMittal abgespalteten Edelstahlgeschäft Aperam. Fundstück: Gorch-Fock-Weicheier über Bord.

Der börsentägliche Blick in die internationale Wirtschaftspresse. Quelle: dpa

Der börsentägliche Blick in die internationale Wirtschaftspresse.

Der Stern plädiert für einen Perspektivwechsel. Statt einmal mehr zu fragen, ob die jüngsten Skandale das „Einhorn der deutschen Politik“ – dem Wunderkräfte zugeschrieben werden – schaden werden, müsse gefragt werden, in welcher Verfassung die Bundeswehr sei. Und dabei müsse, bis zum Beweis des Gegenteils, zunächst angenommen werden, dass die jüngsten Ereignisse eher Ausnahme denn Regel seien. Umso merkwürdiger sei der Aktionismus von Guttenberg, angefangen von der nächtlichen Abberufung des Gorch-Fock-Kapitäns Norbert Schatz bis hin zu den Prüfaufträgen nach menschenunwürdigen Ritualen in der gesamten Truppe. „Guttenberg, der selber davon redet, dass das ,Mäandern der Vorwürfe' den Soldaten im Allgemeinen schade, verhält sich derzeit exakt so, als ob da der Grad an Verkommenheit in der Truppe weit größer sei als bisher bekannt. Guttenberg wirkt dabei eher wie ein Getriebener in eigener Sache, als jemand, der den Zustand der Bundeswehr im Sinn hat.“

„Guttenberg macht den Westerwelle. Der Überflieger hebt ab“, fasst The European die Entwicklung des Ministers in den vergangenen Monaten zusammen. Guttenberg habe „keine Haftung“ mehr, die ihm sage, wann Schluss sei, kein „Selbstregulativ“. Als Ursache verweist das Portal auf den Umgang des Ministers mit der Popularität. Nicht nur Fußballer und Schauspieler würden überall angesprochen, ernteten stets Zuspruch, aber keine Ablehnung. Und mit dieser Eigenschaft ähnele Guttenberg seinem Opponenten Westerwelle: „kritikunfähig, beratungsresistent, von Gebückten umgeben, abgehoben“.

Die Rheinische Post vergleicht den Verteidigungsminister mit dem „späten“ Ex-Außenminister Joschka Fischer, der ebenfalls seine Angriffsflächen gehabt habe, etwa als er seine Straßenkämpfer-Vergangenheit mit „Brüchen“ erklärt habee. „Nachdem Fischer das Trommelfeuer abgewehrt hatte, war er noch beliebter als vorher. Angela Merkel, damals Oppositionschefin, kennt diesen Mechanismus. Sie verfolgte den gestrigen Sturmlauf der Opposition denn auch mit Schmunzeln.“

Auch die Zeit vermutet, dass Guttenberg am Ende gestärkt aus der Debatte hervorgehen könnte. Was dessen Verehrer vielleicht als Majestätsbeleidigung erscheine, sei nur der Weg, auf dem aus dem glamourösen Star der deutschen Politik irgendwann wirklich ein herausragender Politiker werden könnte. Bis dahin müsse er jedoch die „Schere zwischen Schein und Sein“ schließen, etwa indem er die Bundeswehrreform, die ihm schon vor ihrem Beginn als historische Leistung gutgeschrieben worden sei, auch erfolgreich umzusetze. Sollte der Minister am Ende ein paar echte politische Erfolge erzielen, wäre er wirklich einer der „vielversprechendsten Politiker seiner Generation“.

Die Financial Times Deutschland spricht sich dafür aus, dass Guttenberg das Marineschulschiff Gorch Fock entweder zerlegt oder zu Geld macht – das Schiff sei immerhin noch gut 50 Millionen Euro wert -, möglicherweise an einen „prunksüchtigen russischen Oligarchen“. Begründung: Die Ausbildung auf dem einzigen Segler der Marine sei nicht mehr zeitgemäß, der „schwimmende Anachronismus“ sei ein „Relikt aus Lord Nelsons Zeiten“. Fazit: Wenn Soldaten schon sterben müssen, dann in Afghanistan, beim „sinnvollen Versuch ein Land zu stabilisieren und al-Kaida zu bekämpfen“, nicht aber beim Sturz aus der Takelage der Gorch Fock.

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