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01.06.2011

07:23 Uhr

Presseschau

Immerhin besser als Gefängnis

Der Freispruch für Jörg Kachelmann ist kein Fehlurteil, meinen die Kommentatoren. Aber es gibt viel Anlass zur Selbstkritik der Journalisten: Spekulationen, Gerüchte und falsche Tatsachen machten den Prozess zur Farce.

Jörg Kachelmann ist vom Landgericht Mannheim freigesprochen worden. Quelle: dpa

Jörg Kachelmann ist vom Landgericht Mannheim freigesprochen worden.

Das Urteil widerspreche womöglich der Wahrheit, dennoch sei es kein Fehlurteil, kommentiert die Süddeutsche Zeitung . Die Münchner verweisen darauf, dass die Mannheimer Richter mit ungleich größerem Aufwand als in vielen Vergewaltigungsprozessen abseits öffentlicher Wahrnehmung Zeugen vernommen, Indizien geprüft und Gutachter gehört hätten. Die SZ räumt aber ein, dass ein "umfassender Wahrheitsanspruch" die Gerichte überfordere. Statt zu erörtern, ob Kachelmann ein guter oder schlechter Mensch sei, komme es nur darauf an, ob man ihm ein Verbrechen nachweisen könne. "Deshalb kann es auch zu einer Pattsituation kommen: Niemand weiß, wie es wirklich war, und doch ist der Fall juristisch gelöst."

Die Frankfurter Rundschau kritisiert die "ungehemmte öffentliche Vorverurteilung" im Fall Kachelmann: Eine Nation habe zu Gericht über das Liebesleben eines Mannes gesessen, während sich Medien zu Prozessparteien aufgeschwungen hätten. Die zentrale Figur ist dabei Alice Schwarzer, die den Prozess als "Beobachterin" für die Bild-Zeitung verfolgt hat. "Die Nemesis in Lila wollte in der Person Kachelmanns den Machismo an sich verurteilt wissen - womit sie letztlich nichts anderes demonstriert hat als Spießertum in feministischem Gewand."

Alice Schwarzer erkennt in ihrer Bild-Kolumne im Urteil einen "Freispruch dritter Klasse", der einen bitteren Beigeschmack für alle hinterlasse: "für den stoisch in die Luft blickenden Kachelmann, für die weinende Ex-Freundin und für das um seine Würde ringende Gericht. Für den nach dem Urteil weiter krakeelenden Verteidiger Schwenn sowieso, dessen ,mangelnden Anstand und Respekt? die Richter in der Urteilsbegründung scharf rügten." Das Angeklagten-orientierte Recht habe eine "dramatische Schieflage" zu Ungunsten der Opfer ergeben.

Der Standard empfindet nach dem Urteil für den Moderator Jörg Kachelmann einen "unangenehmen Nachgeschmack". Nicht nur sei der Richterspruch ein "Freispruch zweiter Klasse" - weil die Beweise für eine Verurteilung nicht gereicht haben. Auch die Berichterstattung besonders der Boulevardmedien abseits des Gerichts stört die Wiener. Fazit: "Ob Kachelmann nach diesem Spektakel trotz Freispruchs je wieder locker im TV ,Blumenkohl-Wölkchen? ansagen wird können, darf bezweifelt werden. Andererseits: Besser als Gefängnis ist so ein Unfreispruch allemal."

Kommentare (4)

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Gast

01.06.2011, 07:45 Uhr

tja Herr Kachelmann..nochmal mit dem blauen Auge davon gekommen.
Ihre Unschuld wird sich ja im Laufe der Zeit bestätigen, wenn sie ihre Triebe im Griff behalten.
Eins hat nämlich die unseröse Berichtserstattung bewiesen, ihr Sexualleben haben sie nicht im Griff.

walter

01.06.2011, 08:30 Uhr

Ist sich die Presse eigentlich darüber bewusst, wie gross der Schaden ist, den sie immer wieder anrichtet und wie hysterisch die Bevölkerung darauf reagiert? Heute wird ein Kachelmann Prozess zerstört (durch Veröffentlichung von Gerüchten und Halbwahrheiten), gestern wurde die Gemüseindustrie ruiniert (durch übertriebene Panikmache - wie bei jedem neuen Erreger) und vorgestern wurde ein ganzes Land mit der Kernenergie in Hysterie versetzt (es gab übrigens auch noch einen Tsunami und unglaubliches Leid). Was passiert morgen?

Marlboromann

01.06.2011, 10:36 Uhr

Ich kann ihrem Urteil nicht folgen. Der Mann ist aus Mangel an Beweisen frei gesprochen worden.
Wenn Sie sich aufregen wollen, dann hätte ich da ein Urteil für die Vergewaltigung eines 11jährigen Mädchen anzubieten. Das Urteil lautet drei Jahre Bewährungsstrafe für die Vergewaltigung einer Minderjährigen, gewolt durch die eignenen Eltern. http://www.noz.de/lokales/54431487/mutter-draengt-sohn-zum-missbrauch-einer-elfjaehrigen-landgericht-osnabrueck-verurteilt-26-jaehrigen-und-eltern

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