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30.11.2011

07:44 Uhr

Presseschau

Insolvenz als Geschäftsmodell

VonDaniel Lenz

Die Pleite der drittgrößten US-Fluggesellschaft American Airlines ist nach Einschätzung internationaler Medien hausgemacht. Doch auch die Hersteller Airbus und Boeing leiden unter gefährlichen Strukturschwächen.

Am Boden: Nach der Insolvenz ist die Zukunft für American Airlines ungewiss. dpa

Am Boden: Nach der Insolvenz ist die Zukunft für American Airlines ungewiss.

KölnDie drittgrößte US-Fluggesellschaft American Airlines hat nach hohen Verlusten Insolvenz angemeldet. Der Mutterkonzern AMR und mehrere Tochterfirmen beantragten am Dienstag Gläubigerschutz nach Kapitel 11 des US-Insolvenzrechts.

Das Wall Street Journal nimmt die Pleite von American Airlines zum Anlass, die „Blase“ in der Flugindustrie zu untersuchen. Hintergrund: Vor elf Monaten habe ein indischer Start-Up-Carrier die größte Bestellung aller Zeiten bei Airbus platziert: 180 Flugzeuge im Wert von 16 Milliarden Dollar – heute schlittere die gesamte indische Flugbranche in Richtung Insolvenz. Gleiches Bild in den USA, wo American Airlines im Juli eine noch größere Bestellung (38 Milliarden Dollar) bei Airbus und Boeing einreichte.

Die beiden Hersteller müssten jetzt Tag und Nacht bangen, ob der große Flugzeug-Boom, der selbst in der Finanzkrise 2008 keine Pause gemacht habe, in eine riesige Pleite führe – genau zu dem Zeitpunkt, da die Hersteller Milliarden investierten, um ihre Produktion auf ein bisher unerreichtes Niveau zu heben. Doch selbst bei einer Ausweitung der Krise dürften Airbus und Boeing vergleichsweise sanft landen, erwartet das Wall Street Journal – beide seien „too big to fail“ und würden notfalls vom Staat gerettet.

Die Insolvenz gehöre ja fast schon zum Geschäftsmodell einer amerikanischen Fluggesellschaft, spöttelt die Financial Times Deutschland und verweist auf die Fälle von Continental und Delta Airlines. Ebenso wie diese Unternehmen könne American Airlines die Pleite nutzen, um sich deutlich schlanker aufzustellen – insbesondere die Schulden zu drücken. Auf internationaler Ebene drohe die Fluglinie im Schulterschluss der Oneworld-Partner allerdings ins Hintertreffen zu geraten, im Wettbewerb mit der Star Alliance, zu der Lufthansa gehöre. Neben American Airlines als wichtigem Nordamerika-Partner sei es beim designierten indischen Bündnismitglied Kingfisher ebenfalls schlecht bestellt – und auch der künftige deutsche Partner Air Berlin sei ein Sanierungsfall.


Die Wirtschaftswoche untersucht die Auswirkungen der Pleite für Air Berlin. Die Hoffnung von Firmenchef Hartmut Mehdorn, dass die Amerikaner künftig auch Flüge in die Air-Berlin-Drehkreuze Düsseldorf und München anbieten, dürfte dahin sein, da der US-Konkursrichter keine neue Routen absegnen, sondern vielmehr Strecken streichen werde, die keinen unmittelbaren Gewinn brächten. Dies werde die Sanierung von Air Berlin zwar nicht gefährden, aber sicher erschweren. „Denn die eingeplante Ertragsverbesserung muss nun woanders her kommen, durch schärfere Sparprogramme und möglicherweise auch stärkere Einschnitte im Flugnetz.“

American Airlines sei überschuldet, fliege mit veralteten Flugzeugen und liege mit streiklustigen Gewerkschaften im Clinch, die eine nachhaltige Restrukturierung sabotierten, fasst die Neue Zürcher Zeitung die Baustellen der Fluglinie zusammen. Also werde der Steuerzahler erneut für Fehler von Fluggesellschaften zur Kasse gebeten, was eine „marktgerechte Flurbereinigung“ wiederum verhindere, ärgern sich die Schweizer. Immerhin würden jetzt alle großen US-Airlines, die das Stigma „Chapter 11“ mit sich herumtrügen, von Investoren gemieden. Perspektivisch fordert das Blatt, die protektionistische Auflage, nach der Ausländer nicht mehr als 25 Prozent an einer US-Airline besitzen dürfen, abzuschaffen.

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