Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

31.01.2011

07:24 Uhr

Presseschau

„Kairo brennt, aber der Westen schweigt“

VonPeggy Pfaff

Die internationale Wirtschaftspresse fordert die westliche Welt auf, die Demokratiebefürworter in Tunesien und Ägypten zu unterstützen und kritisiert das gespenstische Schweigen der Teilnehmer von Davos zu den aktuellen Ereignissen. Die NYT zerpflückt den Bericht der US- Untersuchungskommission zur Finanzkrise. Laut Les Echos vergeigt Nicolas Sarkozy seinen G20-Vorsitz. Fundstück: Der Unterschied zwischen weiblichem und männlichen Geld

Der börsentägliche Blick in die internationale Wirtschaftspresse. Quelle: dpa

Der börsentägliche Blick in die internationale Wirtschaftspresse.

Die Financial Times fordert die USA und Europa auf, nicht mehr länger das Regime Hosni Mubaraks in Ägypten zu dulden, nur um Stabilität, den Ölnachschub und die Sicherheit Isreals zu garantieren. "Während in den vergangenen 30 Jahren Demokratiebewegungen in diversen, von Tyrannen geplagten Regionen stattgefunden haben, hat der Westen in Arabien bislang eine Ausnahme gemacht. Es ist Zeit, diese arabische Ausnahme zu beenden." Die Herrscher, mit denen man bislang kooperiert habe, stellten ein Risiko dar. "Diese Despoten haben das politische und instutionelle Leben zerstört und ihren Gegnern als Alterantiven nur die Moschee und die Koranschule gelassen. Es zeigt sich, dass die korrupten Regimes nicht mehr die Bedürfnisse der jungen Menschen stillen können." Es seien zumeist weltliche, junge Demokraten, die nun auf der Straße kämpften: "Sie verdienen Unterstützung." Und auch das nach dem 11. September viel zitierte Argument, die arabische Welt hasse den Westen für seine Freiheiten, stimme nicht: "Sie hassen westliche Unterstützung für jene, die ihnen ihre Freiheit verweigern."

"Lauwarme Bekenntnisse zu den Menschenrechten" und eine "verhaltene und inkonsistente" Reaktion wirft die Financial Times Deutschland der EU vor. "Dabei wäre es jetzt an der Zeit, außenpolitisches Profil zu beweisen." Mit Mubarak sei in Ägypten künftig kein Staat mehr zu machen, dies zeige der Protest der Bevölkerung, sie wollten einen anderen Präsidenten. Ein Umbruch aber bringe nicht nur Hoffnung, sondern berge auch eine Reihe von Gefahren. "Ein Aufstand allein genügt nicht, um einem Land die Demokratie zu bringen. Die Opposition in Ägypten war lange dominiert von den islamistischen Muslimbrüdern, die nicht unbedingt ein Garant für demokratischen Wandel sind." Es sollte daher im Interesse der EU sein, dass der Übergang in eine neue Regierung so geordnet wie möglich verläuft. Mohamed El Baradei, ehemaliger Chef der Atomenergieagentur, wäre ein möglicher Kandidat, der die Regierungsgewalt mit internationaler Unterstützung kommissarisch übernehmen und dafür sorgen könnte, dass Wahlen abgehalten werden. "Dies wäre eine Möglichkeit für die EU, nicht nur zu reagieren, sondern auch Einfluss zu nehmen."

Vor Auswirkungen für die Wirtschaft Nordafrikas und weltweit warnt das Wall Street Journal angesichts fortwährender Unruhen in Ägypten. "Die Wirtschaft des Landes ist zwar recht klein - mit einem BIP von 217 Milliarden Dollar die viertgrößte im Mittleren Osten. Aber Ägypten spielt eine große Rolle für den Handel: Hier liegt einer der wichtigsten Verkehrswege, der Suezkanal." Auch gingen durch das Land diverse Pipelines für Öl und Ergas, die für den europäischen und den nordamerikanischen Markt Bedeutung hätten. Behinderungen könnten die Entwicklung des Ölpreises beeinflussen - dies sei die größte Sorge, die Ökonomen mit Blick auf die Weltwirtschaft hegten. So könnten die Sperrzeiten den Transport verzögern, BP und Royal Dutch Shell hätten ihre Niederlassungen in Kairo bereits geschlossen. Hinzu komme, dass Ägypten der größte Importeur von Weizen sei und auch Baumwolle in signifikanten Mengen erwerbe.

Einen "surrealen Anblick" boten die Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums in Davos aus Sicht des österreichischen Wirtschaftsblattes: "In Ägypten brannten Städte und in Davos diskutierte man Themen wie Die Zukunft des Unternehmens, Arbeit neu definieren und Gesunde Erziehung. Davos war ziemlich gut darin, all das zu ignorieren, was in Nordafrika und Nahost infolge des Aufstands in Tunesien gerade passierte." Zwar habe es dann doch eine Diskussion mit dem Davos-typischen, auf eine niedliche Alliteration gestützten Titel "Tunesien: Trendwende oder Tsunami?" Doch die sei eigentlich zu spät gekommen. In den vergangenen Jahren habe Davos erfolgreich aktuelle Krisen einbezogen, z. B. nach dem Erdbeben von Haiti, nach dem Tsunami, oder während der Gaza-Offensive. "Und diesmal? Was gab es diesmal zum Thema der Stunde? Nichts." Ein gespenstisches Schweigen habe das offizielle Davos vernehmen lassen. "Schade, dass uns Davos die Krise nicht schon erklärt hat, während sie geschehen ist."

Die Erhebungen in Tunesien und Ägypten sind nach Meinung der Financial Post aus Kanada "das schmutzige kleine Geheimnis" des diesjährigen Weltwirtschaftsforums. Denn dies habe gezeigt, dass Asien prosperiere, Afrika und Lateinamerika auf einem guten Weg seien, die westliche Welt zumindest mit den Veränderungen klarkomme, aber die MENA-Staaten (Middle East North Africa) wirklich schlecht dastehen, weil hier die schlimmsten Regierungen herrschten. "Es gibt Könige, Diktatoren und Fanatiker, die Wirtschaftswachstum, Unternehmertum, Leistungsgesellschaft und das Gesetz in ihrer Region behindern. Das Ergebnis ist, das wir hier die am wenigsten funktionierende Region haben, deren größte Exportschlager Öl, Terrorismus und Flüchtlinge sind - und all diese belasten Europa, die USA und Kanada." In den luxuriösen Hotels und klimatisierten Räumen von Davos mit ihren Staatschefs und VIPs seien die Probleme dieser Länder - Arbeitslosigkeit, wirtschaftliche Abhängigkeit, geringes Wachstum - nur am Rande ein Thema gewesen. "Das Motto dieses Jahres hieß: Gemeinsame Normen für die neue Realität. Die Teilnehmer hätten dieses noble Motto all den jungen Menschen in Tunesien, Jemen und Ägypten widmen sollen, die ihr Leben riskieren, um Arbeit zu finden oder ein Unternehmen aufzubauen, und um frei und kritisch denken zu dürfen."

Kommentare (4)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Paul

31.01.2011, 11:52 Uhr

Na klar schweigt der Westen, weil finanzielle interessen zählen und nicht Demokratie. Jeder Diktator wird unterstützt, solange er den westlichen Konzernen Cash-Flow bringt. Menschenrechte spielen dabei keine Rolle. Und ich bin mir sicher Politiker und Konzernchefs der großen westlichen Staaten sitzen Tag und Nacht zusammen und kalkulieren die finanziellen Auswirkungen verschiedener Machtoptionen.

Mark Winter

31.01.2011, 13:49 Uhr

Die Völker werden sich ihre Freiheit nehmen auch wenn sie vom Westen keine Unterstützung bekommen.ich hätte auch von den "ehemaligen Oststaaten" mehr Fürsprache für die Arabischen Länder erwartet.Den sie wissen zu gut was es bedeutet unter der Knute eines Diktators zu leben.Aber für unsere "Westlichen Satten Gesellschaften" ist es ein Armutszeugnis diesen Vorgängen einfach aus dem Weg zu gehen.Von Frankreich als ehemalige Kolonialmacht ist hier nichts zu erwarten.Das aber Deutschland sich sorgen um seine investitionen und seine Urlauber macht ist einfach nur Krank.Auf Kurz oder Lang wird sich ein Land nach dem anderen diesem Diktaten verweigern.Das dürfte für den Westen mehr als Probleme bringen.Sie sind es doch gewohnt gewesen, es sich zu nehmen und und dann zu Fragen!

Bin G. Laden

31.01.2011, 13:59 Uhr

so funktioniert nun mal "Realpolitik". Die glühenden bekenntnisse zu Demokratie, Rechtsstaat, Menschenrechte und Wohlstand gelten nur für daheim.
Je mehr wir die übrige Welt ausplündern können, desto besser für uns. Leider denken wir dabei zu kurz. Reich werden dabei nur die multinationalen Konzerne. Wir gebähren Monster wie China, die uns mit unseren eigenen Mitteln schlagen werden und ernten Terroristen, Wirtschaftsflüchtlinge und Umweltzerstörung. Zeit zum Aufwachen und Umdenken!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×