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19.05.2011

07:19 Uhr

Presseschau

Merkel klopft Stammtischparolen

VonMaxim Kireev

Die internationale Presse kritisiert Angela Merkels Kommentar zum frühen Renteneinstiegsalter in Südeuropa, die Debatte um einen neuen IWF-Chef geht weiter, und in den USA blüht der Burger-Schwarzmarkt. Die Presseschau.

Angela Merkel meint, Griechen, Portugiesen und Spanier müssten länger arbeiten. Quelle: dapd

Angela Merkel meint, Griechen, Portugiesen und Spanier müssten länger arbeiten.

Wiesbaden„Klischees über die Südländer“ und unwahre Behauptungen wirft L‘Expansion Bundeskanzlerin Merkel vor. Auf einem CDU-Fest in Meschede habe sie scharfe Kritik an den Urlaubs- und Rentenregelungen von Griechenland, Spanien und Portugal geübt und ihnen „Müßiggang“ vorgeworfen. „Angela Merkel denkt offenbar nicht darüber nach, wie viel Tinte bereits über ihre Stammtischparolen vergossen wurde“, kommentiert das französische Wirtschaftsblatt. Denn sie habe schlicht Unrecht. „In Bezug auf Urlaub liegt Deutschland zusammen mit Dänemark auf dem ersten Rang im europäischen Vergleich: mit 30 bezahlten Urlaubstagen“, zitiert das Blatt eine Studie des European Industrial Relations Observatory (EIRO). Italien käme auf 28, Frankreich auf 25, und die von Merkel genannten Staaten auf 23 bzw. 22 Urlaubstage. Auch beim Rentenalter zeige sich, nach einer Statistik des Figaro, dass das tatsächliche Renteneintrittsalter derzeit in Deutschland durchschnittlich 61,7 Jahre betrage, in Griechenland 61,4 und in Spanien und Portugal 62,6 Jahre.

Spiegel Online zeigt sich überrascht von Merkels Rhetorik. Möge sie auch nicht zu denjenigen gehören, die den Rettungsaktionen schnell ihren Segen geben, so sei es doch neu, dass die Kanzlerin nun „den Populismus bedient“. Mit „bösem Willen“ könne man aus den Worten der Kanzlerin herauslesen, die Südeuropäer seien zu faul. Möglich sei jedoch auch, dass Angela Merkel sich wieder in ihren eigenen Formulierungen verirrt habe, schreibt das Blatt in Anspielung an die Debatte über Merkels Freude nach der Tötung Osama Bin Ladens. Für das Gemeinschaftsgefühl in der EU seien Merkels „markige Worte“ alles andere als förderlich, was die Reaktion der Südeuropäer zeige. Schließlich empfiehlt auch Spiegel Online einen Blick auf die nackten Zahlen, die einige Behauptungen der Kanzlerin widerlegten.

Die Süddeutsche Zeitung befürchtet, dass Merkels Aussagen in der Bevölkerung gut ankommen dürften, auch wenn die Fakten sie als „populistisch entlarven“. Viele empfänden die gigantischen Hilfsprogramme für Griechenland, Portugal oder Irland, die „mit deutschen Steuergeldern gezimmert werden“, als Hohn angesichts der „permanenten Spar- und Streichdebatten“ hierzulande. Unzweifelhaft sei auch, dass diese Länder durch effizientere Verwaltung oder Verkauf von Immobilien sparen müssten. Wahrscheinlich habe die Kanzlerin vor allem nach innen wirken wollen.

Privatisierung ist Griechenlands letzte Chance

Das amerikanische Wall Street Journal betrachtet im Fall Griechenlands ein groß angelegtes Privatisierungsprogramm als letzte Hoffnung, einen Staatsbankrott zu vermeiden. Mangel an Objekten habe das Land nicht. In Staatsbesitz befänden sich allein Unternehmen im Wert von 44 Milliarden Euro. Zusätzlich verfüge Griechenland über Immobilien und Grundstücke im Wert zwischen 200 und 300 Milliarden Euro. Dazu gehörten die Sportanlagen der Olympischen Spiele 2004 sowie Militärgelände und von Privaten illegal bebautes Land.

Anders als etwa bei der Privatisierung in Großbritannien in den 80-er Jahren werde Griechenland Investoren außerhalb der Landesgrenzen finden müssen, was sich schwierig gestalten dürfte. Sollte Griechenland sein Ziel, rund 50 Milliarden Euro einzunehmen, erreichen, würde dies die Staatsverschuldung um 17 Prozentpunkte drücken, auf rund 134 Prozent des BIP.

Kommentare (7)

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Friedrich

19.05.2011, 08:56 Uhr

Privatisierung = letzte Chance?

Ja, und später?
Wenn man alles veräußert hat, und trotzdem wieder Schuldenberge entstehen - was dann?
Wie könnte der Ausverkauf von Volkseigentum etwas anderes darstellen, als ein kurzfristiges Löcherstopfen?

Nichtwaehler

19.05.2011, 09:11 Uhr

Da Merkel nunmal sonst nichts für niederträchtiges Volk tut, außer es mit Steuererhöhungen und Sparmaßnahmen zu belasten, kann sie auch nur noch dumme Reden schwingen. Damit kann sie wieder ein paar Dumme hinter sich bringen. Merkel versucht davon abzulenken, dass nichts im Griff. Sie wird von der EU im eigenen Land vorgeführt. Ihre Stammtischparolen sollen ihre Nähe zum Volk vorgaukeln. Schade dass die meisten Deutschen inzwischen so von der medienverbreiteten Meinungsmache durchdrungen sind, dass sie das nicht durchschauen. Merkels dummen Sprüche bringen der CDU garantiert wieder ein paar Prozentpunkte. Und das obwohl sie wirklich nichts für ihr Land tut, außer es an die EU zu verraten.

Petra

19.05.2011, 09:20 Uhr

Politiker müssen die Interessen des Volkes vertreten, auch wenn es gegen die "political correctness" verstößt. Umgekehrt war es in der DDR, da hat das Volk die Interessen der Politker vertreten müssen!

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