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16.06.2011

07:09 Uhr

Presseschau

„Papandreou ist der einzige Held“

Die internationale Wirtschaftspresse warnt vor der heute anstehenden Vertrauensfrage des griechischen Regierungschefs vor Neuwahlen und nimmt den Ministerpräsidenten vor seinen Kritikern in Schutz. Die Wiener Zeitung geißelt indes das Spiel der „Ratten-Agenturen“ - und die Financial Times lobt die britische Regierung für ihre Ideen zur Bankenreform.

Griechenlands Ministerpräsident Giorgos Papandreou will die Vertrauensfrage stellen. Quelle: dpa

Griechenlands Ministerpräsident Giorgos Papandreou will die Vertrauensfrage stellen.

Giorgos Papandreou, Griechenlands Ministerpräsident, ist mit seinem Versuch gescheitert, die konservative Opposition für eine Koalition der "nationalen Einheit" zu gewinnen. Er werde nun am heutigen Donnerstag sein Kabinett umbilden und im Parlament die Vertrauensfrage stellen, kündigte Papandreou gestern Abend in einer Fernsehansprache an.

Aus Sicht des Wall Street Journal wären Neuwahlen in Griechenland das falsche Signal: „Eine frische politische Unsicherheit wäre ein komplettes Desaster.“ Nach Meinungsumfragen würde aktuell keine der beiden großen Parteien (Sozialisten und Neue Demokratie) eine Mehrheit zur Bildung einer Regierung erlangen. Dies wiederum würde zu noch höheren Zinsen bei den Staatsanleihen und neuen Tiefstständen beim Vertrauen der Verbraucher führen. Außerdem würden die Athener Börse, die gegenüber dem Höhepunkt vor einigen Jahren 70 Prozent verloren habe, noch stärker taumeln und die ohnehin am Land zweifelnden Investoren weiter verunsichert. Fazit: Da den Griechen Anfang Juli das Geld ausgehe, seien sie auf der „Einbahnstraße“ zum Bankrott.

Die Süddeutsche Zeitung fordert ein Komplettpaket zur Rettung von Griechenland. Darin enthalten: weitere Opfer von den Griechen selbst, eine Umschuldung, ein großes Wiederaufbauprogramm à la Marshallplan für Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg – und eine große Reform in Europa, die eine „Härtung des Stabilitätspaktes“ und ein System gegen unseriöse Finanzpolitik umfassen solle.

Die Welt nimmt anlässlich der gewaltsamen Proteste in Athen die griechischen Politiker in Schutz, die nicht als Einzige an den griechischen Staatsschulden Schuld trügen. Auch die Bürger hätten wissen müssen, immer neue Wohltaten und Versprechen der griechischen Politik in die Schuldenfalle führten. Daneben hätten die Gewerkschaften unrealistisch hohe Löhne durchgesetzt, was dazu geführt habe, dass die Unternehmen des Landes international wettbewerbsunfähig sind. Für das Blatt sind die Proteste ein „verheerendes Signal an den Rest Europas“, da sie den Eindruck vermittelten, dass viele Griechen immer noch an Realitätsverweigerung litten.

Die Financial Times Deutschland lobt den griechischen Regierungschef Giorgos Papandreou, der aktuell als einziger Held aus dem Schlamassel heraussteche. Seit Ausbruch der Schuldenkrise habe der Sozialdemokrat so ziemlich alles getan, was die Europäer und der Internationale Währungsfonds (IWF) von ihm verlangt hätten. Die von Papandreou angekündigte Umbildung des Kabinetts zu einer Regierung der "Nationalen Einheit" erfülle die letzte Bedingung, die Europa ihm abverlangt habe: für einen nationalen Konsens bei den auferlegten Sparprogrammen zu sorgen. Dennoch: Über kurz oder lang sei er ein Bauernopfer. „Eine Regierung, die so radikal spart wie derzeit die Krisenländer der Euro-Zone, wird abgewählt. Das hat schon die Wahl in Portugal vor zehn Tagen bewiesen.“

Kommentare (5)

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Account gelöscht!

16.06.2011, 09:29 Uhr

„Papandreou ist der einzige Held“
Der Blog CoveringDelta berichtete am 29.05.2011, dass die staatliche griechische Postbank, Anfang 2009, CDS (Credit Default Swaps = Shorts) auf griechische Staatsanleihen gekauft hat…


CDS sind Kredit-Ausfall-Versicherungen, die im Wert steigen, wenn die zugrunde liegenden Anleihen im Wert fallen. Der griechische Ministerpräsident Papandreou soll im Dezember 2009, kurz nach seiner Machtübernahme, angeordnet haben, diese Papiere für etwa 1,3 Milliarden Euro an Firmen zu verkaufen, an denen seine Familie beteiligt ist.

Dieser Verkauf fand zufälligerweise zum gleichen Zeitpunkt statt, an dem Papandreou mit dem IWF hinter verschlossenen Türen über ein Rettungspaket verhandelte. Damit war klar, dass die CDS massiv an Wert gewinnen mussten wenn die griechische Schuldenmisere öffentlich bekannt werden würde. So kam es dann auch, denn aufgrund des massiven Verfalls der griechischen Staatsanleihen in den letzten Monaten, sind diese CDS mittlerweile 23 Milliarden Euro wert, das entspricht einer Wertsteigerung von etwa 2700 Prozent!

Das ist schon ein Held....

MikeM

16.06.2011, 09:37 Uhr

P., sein Vater und sein Großvater waren je Ministerpräsidenten von Griechenland. Die Familie P. trägt somit ganz erheblich Schuld an der schlechten wirtschaftlichen Lage und der Korruption des Landes. P. jetzt als Held zu betiteln ist schon grotesk!
@ Weltenbürger: Der Vorwurf, dass P. und dessen Familie und Freunde mit CDS Milliarden verdient haben, ist berechtigt und wird schon seit Wochen im griechischen Parlament diskutiert. Nur die deutschen Medien schweigen sich darüber aus!

Germanoellinas

16.06.2011, 09:47 Uhr

Ich frage mich nur, wieso schweigen die deutschen Medien?? Bangen hier zulande vlt auch Banken und Finanzheie auf einen Bankrott Griechenlands?

Wie gesagt G.P´s Vater hat das Land kaputt gemacht, und all die nachfolgenden Regierungen haben munter so weiter gemacht bis sein Sohn an der Reihe kam. Der nun die Suppe, die sein Vater versalzen hat, auslöffeln darf.

Ich als Grieche verstehe nicht, warum die Griechen die jetztige Regierung für ihre Misere anprangern, es waren die Regeierungen davor! Klar eine Umstrukturieirung Griechenlands war schon lange von nöten, aber alles in dem ganzen Wust durch zu bekommen wird schwierig!

Gruß
Der Grieche aus Deutschland ;)

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