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09.08.2011

07:23 Uhr

Presseschau

Pessimismus ist der neue Realismus

VonDaniel Lenz

Die Kursstürze an den Börsen der vergangenen Tage sind nach Einschätzung der internationalen Wirtschaftspresse der Eintritt in einen weiteren Bärenmarkt, der mittelfristig anhalten werde. Mit Sorge blicken die Kommentatoren auf das Gerangel von EZB-Chef Jean-Claude Trichet und Bundesbank-Präsident Jens Weidmann, das den Ausweg aus der Schuldenkrise zu behindern drohe.

Ein Händler in der Börse in Frankfurt am Main. Quelle: dpa

Ein Händler in der Börse in Frankfurt am Main.

DüsseldorfDass der „Schwarze Montag“ an der Deutschen Börse ausgeblieben ist, erscheint aus Sicht der Süddeutschen Zeitung für die Anleger nicht unbedingt eine gute Nachricht zu sein, denn die „vielen kleinen, schmerzhaften Abwärtsschritte“ seien viel gefährlicher als ein großer Tages-Crash. Vor dem Hintergrund, dass die Schuldenkrise die Finanzmärkte noch auf Jahre beschäftigen werde – Schuldenabbau sei ein langwieriger Prozess, bei dem Mentalitäten geändert werden müssten, die sich über Jahrzehnte verfestigt hätten –, sei der Pessimismus der vergangenen Tage im Grunde Realismus. „Die Grundstimmung an den Börsen ist die Unsicherheit. Und Unsicherheit ist immer Gift für die Aktienkurse.“

Im Rückblick sei die Herabstufung der US-Bonität durch Standard & Poor’s „hastig, falsch und gefährlich“ gewesen, kommentiert die britische Financial Times. Der Schritt sei – besonders nach der Einigung der US-Politiker zur Anhebung der Schuldengrenze – unnötig gewesen, während das Timing nicht hätte schlechter ausfallen können: Die kurz- und langfristigen Konsequenzen für das globale Finanzsystem seien unvorhersehbar gewesen. In dieser Situation bleibe nur zu hoffen, dass der US-Kongress das Oligopol der Ratingagenturen beende, bevor diese dazu beitragen könnten, eine weitere Finanzkrise zu entzünden.

Das Wall Street Journal kommentiert die Versuche der Obama-Regierung, S&P zu diskreditieren. Dies führe nur dazu, dass die USA noch schlechter dastünden, ähnlich wie die Europäer, die ebenfalls versuchten, die Notengeber dafür zu beschuldigen, dass sie das Offensichtliche sagen. Der eigentliche Grund für den Zorn im Weißen Haus sei die Tatsache, dass man dort erkenne, wie schädlich der Downgrade für die wirtschaftspolitische Bilanz von Präsident Obama sei. Er habe lange Zeit Budget-Kürzungen abgelehnt, selbst in den jüngsten Haushalts-Gesprächen habe Obama nur kleine Reformen bei den sozialen Ausgaben in Betracht gezogen. „So wird man zum Downgrade-Präsidenten.“ Der einzige Weg zurück zur finanziellen Vernunft und zum AAA-Status bestehe darin, die Wirtschaftspolitik der späten Bush- sowie Obama-Jahre zu verlassen und zu klassischen Pro-Wachstums-Ideen zurückzukehren, die Amerika in vielen Momenten der Krise hätten wiederauferstehen lassen.

Die Financial Times Deutschland hinterfragt, dass die Nachfrage nach US-Staatsanleihen trotz Verlusts des Spitzenratings „AAA“ steige. Während in Europa „Kleinstaaterei“ herrsche und die EZB genötigt sehe, entgegen ihren eigenen Prinzipien in den Bond-Markt einzugreifen, hafte in den USA die weltgrößte Volkswirtschaft für Treasuries. „Allein dieser Umstand schafft Vertrauen - trotz des wachsenden Schuldenbergs.“ Ergo müsse auch in Euroland eine Gemeinschaftsanleihe aufgelegt werden. Der Befürchtung der Bundesregierung, nach der Einführung von Eurobonds höhere Zinsen zahlen zu müssen, hält das Blatt entgegen, dass Deutschland längst für die Schulden der Peripherie-Staaten hafte: Sollten Griechenland, Irland und Portugal ihre Notkredite nicht zurückzahlen können, müssten die Steuerzahler aus den anderen Euro-Staaten dafür bluten.

Kommentare (5)

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09.08.2011, 08:09 Uhr

Wir leben in einer komplexen Welt. Die Medien dagegen spitzen die Probleme auf wenige Stichworte zu. Man sollte über den Tellerrand blicken und weiter fragen. Italien hatte mit Libyen glänzende Geschäfte gemacht. Seit dem Aufstand in Libyen brechen Italien die Gewinne aus Libyen weg (Ölkonzern ENI …). Vorher war Italien zwar verschuldet, konnte sich aber durch die Libyen-Einnahmen in der Balance halten. Nun fehlen erstens diese Einnahmen und zweitens gibt es Spekulanten, die dies wissen und gezielt gegen Italien wetten. Die Unruhen in Libyen haben eine Kettenreaktion in Gang gesetzt, von der niemand spricht. Aber wie gesagt, die Welt ist komplex, und es gibt noch viel mehr Themen, die ausgeblendet werden.

Kronecker

09.08.2011, 09:12 Uhr

Kursverluste von 10% und mehr werden gerne "den Spekulanten" in die Schuhe geschoben. Kursgewinne von 10% und mehr sind dann das Ergebnis "rational-handelnder Investoren". Schuldige findet man immer.

Ergo

09.08.2011, 10:10 Uhr

Pessimismus ist der neue Realismus?
Aus was für einen Mustopp kommen Sie denn?
Der Pessimismus hat doch mit der Einführung des Euro
angefangen.Als die Preise sich um 25-75 % dadurch erhöht
haben,die Löhne aber nicht!Das hat man dann jahrelang
als Preisstabilität verkauft.Ab da wußten die meisten Bescheid,das kann ja heiter werden.
Ich nehme an da haben Sie sich Ihre Direktiven vom Vorgesetzten abgeholt das Maul zu halten.

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