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17.01.2011

07:14 Uhr

Presseschau

Russisches Roulette in der Arktis

VonPeggy Pfaff

Die internationale Wirtschaftspresse diskutiert Vor- und Nachteile des geplanten Aktientausches zwischen British Petroleum und Rosneft: Gefährdet der Deal BP oder gar die Arktis, oder ist er ein logischer, notwendiger Schritt? Das Wall Street Journal sieht Apples Monopol bröckeln. Money Week erklärt den Dollar zum Verlierer des Jahres 2011. Fundstück: Der Homo sapiens als Cyber-Lnych-Mob.

Der börsentägliche Blick in die internationale Wirtschaftspresse. Quelle: dpa

Der börsentägliche Blick in die internationale Wirtschaftspresse.

"BP spielt russisches Roulette", bringt die Financial Times Deutschland ihre Meinung zum Deal zwischen BP und Rosneft auf den Punkt. Mit der ersten Überkreuzbeteiligung eines staatlichen Ölkonzerns mit einem privaten suche BP einen Ausweg dem Dilemma der immer knapper werdenen Rohstoffquellen. "Für BP ist es besonders wichtig, ein neues Förderland zu erschließen. Der Konzern fürchtet, wegen der Ölpest im Golf von Mexiko bei Lizenzvergaben in den USA benachteiligt zu werden." Kritiker jedoch würden erhebliche Risiken sehen. Russland sei bekannt für seine schwierigen politischen Rahmenbedingungen und Probleme mit der Korruption. Konzernchef Bob Dudley selbst habe 2008 als Chef des russischen Joint Venture TNK-BP aus dem Land fliehen müssen - aus Furcht vor Repressalien der russischen Regierung. Experten erwarteten zudem, dass es noch Jahre dauere, bis BP und Rosneft in der Arktis tatsächlich Öl und Gas fördern können. Die Technik für Bohrungen unter den extremen Witterungsbedingungen gelte als noch nicht völlig ausgereift, zudem mangele es an Infrastruktur. Für Rosneft habe die Kooperation den Vorteil, dass BP technische Expertise mitbringe. Und für die Briten? "Kein westliches Unternehmen hat nun so guten Zugang zu russischem Öl und Gas wie BP."

Die Süddeutsche Zeitung glaubt, dass der Pakt nicht nur BP gefährlich werden könne. Der Unglückskonzern sei aufgrund der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko in schlechter Verfassung. Russland unter seinem machtbewussten Premier Wladimir Putin sei ein unbequemer Partner. "Der Staat mischt auch in der Privatwirtschaft immer mit und bestimmt nach Bedarf die Spielregeln." BP selbst habe das schmerzlich erlebt. "Auf Kooperationen mit den Russen lässt man sich besser nur aus einer Position der Stärke heraus ein - BP aber hat aus einer Position der Schwäche heraus verhandelt." Doch es gehe auch um das Ökosystem Arktis. Das Öl liege tief unter der Wasseroberfläche, teilweise unter ewigem Eis. Zusammen mit unberechenbarem Wetter sei die Förderung ein unberechenbares Abenteuer. Zudem müsse dort höchst sensibel vorgegangen werden, das unternehmerische Handeln müsse an klaren ethischen Maßstäben orientiert sein. Schon in den USA sei umstritten, ob Staat und Wirtschaft aus der Katastrophe im Golf von Mexiko wirklich etwas gelernt haben - wie viel mehr gelte das erst für das autokratisch organisierte und vielerorts marode russische Riesenreich. "Nicht nur BP also droht eine unsichere Zukunft, sondern auch - und das ist viel schlimmer - der Arktis."

Unabhängig von ihren Gründen werde die strategische Allianz weitreichende politische Folgen haben, prophezeit die Wirtschaftszeitung Vedomosti. Nach dem geplanten Aktientausch werde BP Miteigentümer ehemaliger Aktiva des Ölkonzerns Yukos. "Auf diese Weise wird die Quasi-Verstaatlichung der einst von Michail Chodorkowski geführten Holding faktisch legalisiert", analysiert das Blatt. Über eine Briefkastenfirma habe sich Rosneft im Jahr 2004 die Kontrolle bei der größten Tocher von Yukos nach dessen Zwangsversteigerung wegen angeblicher Steuerschulden gesichert und sei dadurch zu Russlands größtem Ölkonzern geworden. Doch nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko müsse BP nicht um seinen guten Ruf fürchten. "Der Konzern hat ohnehin nichts mehr zu verlieren", ätzt das Blatt. So schrecke BP selbst vor einer Allianz mit einer berüchtigten Ölfirma, deren Größe von Russlands diktatorischem Regime geformt worden sei, nicht zurück. Außerdem stünden riesige Energievorräte in der nördlichen Karasee auf dem Spiel. "Der Deal ist ein Paradebeispiel dafür, dass potenzielle Gewinne vor vielem die Augen verschließen lassen", empört sich die Zeitung.

Aus Sicht der Financial Times riskiere BP viel. So gebe der Ölmulti mit dem Joint Venture viel mehr Geld in internationales Investment als gewollt. Auch könne sich die Kostenstruktur in den kommenden Jahren zum Nachteil der Briten ändern. Und schließlich gehe BP eine Bindung mit einem staatlichen Konzern ein. Ein US-Kritiker habe das Unternehmen bereits umgetauft in "Bolshoi Petroleum". Doch vor dem Hintergrund der immensen Kosten zur Bewältigung der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko setze der Ölmulti nun auf ein Land, in dem er einen klaren Wettbewerbsvorteil habe: Der Konzern bringe das Know How um die Technik und seine globale Präsenz mit - zwei Qualitäten, die russische Energieunternehmen dringend benötigen, um die vorhandenen Kapazitäten erschließen zu können. Der Preis, den BP zahle, sei das Wagnis wert: "Die Arktis birgt eines der größten, noch nicht erschlossenen Erdölvorkommen. Die Förderung wird kompliziert und kostenintensiv sein, aber wenn sie das nicht wäre, würde Rosneft auch nicht BP als Partner brauchen."

"Endlich mal richtig gute Neuigkeiten für BP", konstatiert das US-Magazin Forbes. Der Deal komme zwar überraschend, sei doch BP-CEO Bob Dudley einst aus Russland geflohen. Doch sowohl aus technischer als auch aus finanzieller Perspektive würden beide Partner gewinnen. "Einige werden die Stirn runzeln, weil Russlands Regierung nun Einfluss erhält auf einen westlichen Ölkonzern, der Interesse an strategisch wichtigen Ölreserven weltweit hat, US-amerikanische eingenommen. Schon werden kritische Stimmen in den USA laut." Doch die US-Behörden werden diesen Deal nicht verhindern können, meint das Blatt. Was zähle, sei das Öl der Arktis. "Dies ist eine gute Entscheidung: BP erschließt sich neue Ressourcen, Rosneft erschließt sich Expertise und Fachwissen." Für Investoren sei BP deshalb eine gute Anlage: "BP wird 2011 wieder Kursgewinne verzeichnen."

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