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19.04.2012

07:47 Uhr

Presseschau

Spaniens explosives Gemisch

VonDaniel Lenz

Die Krise auf der Iberischen Halbinsel droht zu eskalieren. Nach Einschätzung internationaler Medien naht der Punkt einer Entscheidung. Experten erwarten für die Eurozone ein „verlorenes Jahrzehnt“.

Der spanische Stierkämpfer Esau Fernandez bei einem Auftritt in Sevilla. dpa

Der spanische Stierkämpfer Esau Fernandez bei einem Auftritt in Sevilla.

Nach Angaben der spanischen Notenbank stieg der Anteil der faulen Kredite im Februar im Februar auf über acht Prozent des gesamten Kreditvolumens. Das ist der höchste Wert seit 1994; im Jahresvergleich legten die Kredite, die nicht bedient werden,  um 110 Prozent zu (Welt, WSJ D).

Nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung haben sich eine Reihe von Regierungen – darunter Spanien – und EZB-Vertreter für die Vergabe von Krediten aus dem Euro-Rettungsfonds EFSF direkt an kriselnde Banken (statt nur an die Regierungen) ausgesprochen.

Die spanische Arbeitsmarktreform

Geringere Abfindungen

Bis 2012 mussten einem Angestellten in Spanien bei grundloser Kündigung eine Abfindung von 45 Tageslöhnen pro Jahr im Unternehmen gezahlt werden. Die konservative Regierung reduzierte diese Abfindung auf 20 Tageslöhne und legte für die Zahlungen zudem eine neue Höchstdauer von 24 im Unterschied zu davor 41 Monaten fest.

Flexiblere Kündigungen

Lange unterteilte der Arbeitsmarkt in Spanien sich vor allem in zwei Fraktionen: Eine „Elite“ nahezu unkündbarer Festangestellter und Angerstellten, die sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangelten. Die Einführung eines neuen, flexibleren Kündigungsrecht erlaubte 2012 erstmals auch das Aussprechen betriebsbedingter Kündigungen bei sinkenden Unternehmensumsatz.

Lockere Tarifverträge

Gleichzeitig wurden auch Gehälter variabler gestaltet. Unternehmen erhielten die Möglichkeit, in Absprache mit den Mitarbeitern Löhne und Arbeitszeiten individuell zu vereinbaren - ohne sich an die geltenden Tarifverträge halten zu müssen.

Bonus für junge Angestellte

Weil in Spanien besonders viele junge Menschen arbeitslos sind, zahlt der Staat Unternehmen mit bis zu 50 Mitarbeitern eine Prämie. Pro eingestelltem 16-30-Jährigen gibt es bis zu 3300 Euro, für Frauen im gleichen Alter bekommt die Firma sogar bis zu 3600 Euro.

Bonus für alte Angestellte

Besonders betroffen von der schlechten Wirtschaftslage sind auch die älteren Arbeitslosen. Die Regierung zahlt daher jedem Unternehmen, das einen über 45-jährigen Spanier einstellt, bis zu 3900 Euro (für Frauen bis zu 4500 Euro). Der neue Mitarbeiter muss in den 18 Monaten vor Vertragsbeginn jedoch mindestens zwölf Monate arbeitslos gewesen sein. 

Zeitverträge mit Limit

Befristete Verträge dürfen nur noch maximal zwei Jahre gelten und nicht mehr verlängert werden. Soll der Angestellte im Unternehmen bleiben, muss der Vertrag in einen unbefristeten umgewandelt werden.

Im Spiegel zeigt sich Wolfgang Münchau besorgt, weil sich einige große Investitionsgesellschaften aus dem Euro-Raum verabschieden – Investoren hätten allein in Spanien innerhalb von zwei Jahren mehr als hundert Milliarden Euro abgezogen. Die Flucht der Investoren bringe uns näher an den Punkt, den Kanzlerin Angela Merkel vor sich herschiebe - den Punkt einer Entscheidung. Der Rückzug könnte die Politik letztendlich zur Einführung von Euro-Bonds oder zur Einrichtung einer Auffanggesellschaft für marode Banken treiben.

Sorge um den spanischen Patienten

Video: Sorge um den spanischen Patienten

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In Spanien habe sich inzwischen ein so explosives Gemisch entwickelt, schreibt die Zeit, dass ein Schuldenschnitt und damit eine neue europäische Bankenkrise beinahe programmiert seien. Als Ausweg hat der Autor eine Haftungsgemeinschaft vor Augen, die bindende staatliche Haushaltsregeln erfordere. 

Nach Einschätzung von Bloomberg sind ein Teil der aktuelle wirtschaftlichen Sorgen Spaniens in der Zeit der Franco-Diktatur verwurzelt, darunter das Arbeitsrecht.

Martin Halusa, Chef bei der Privat-Equity-Firma Apax Partners, blickt nach einem Bericht der New York Times in eine düstere Zukunft des alten Kontinents. Europa drohe ähnlich wie seinerzeit Japan eine lange Phase langsamen Wachstums.

Kommentare (9)

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Abschied_von_der_Demokratie

19.04.2012, 08:07 Uhr

Die Stalingradbonds werden kommen. Damit wird der Euroendsieg sicher - sicher nicht gelingen! Das ganze Abenteuer endet für Deutschland jedenfalls mit dem Staatsbankrott. Die Euromantiker werden es nie kapieren.
Warum bekommen die Deutschen immer solche entsetzlichen Regierungen? In dieser Demokratie stimmt etwas nicht, wenn eine Politik gegen 80% der Bevölkerung durchgesetzt wird? Die Abgeordneten werden von der Bevölkerung drangsaliert - aber die kümmert es nicht. Wir sind der "Boulevard" (Gazprom-Schröderfritze), und die Politiker setzen ein "politisches Projekt" durch, "koste es, was es wolle"... viel zu wenige kapieren, daß der Euro nicht funktionieren kann. Aber es wird tiefer in den Sumpf hineinmarschiert bis zum bitteren Ende. Das Beste: Die Deutschen werden später dafür noch verantwortlich gemacht werden! Danke, Kohl, Schmidt, Genscher. Wie sehr ich unsere Politiker verachte, läßt sich hier nicht mehr beschreiben...

Account gelöscht!

19.04.2012, 08:35 Uhr

Ich stimme Ihnen zu, außer dass das Volk ein unschuldiges Opfer wäre.
Es gibt seit Jahren genug Bücher und Zeitungsartikel, die thematisieren, warum der Euro scheitern muss. Keiner kann sagen, er hätte es nicht wissen können.
Trotzdem schaffen es Aktionen gegen den ESM nicht einmal, 10000 Unterstützer zu bekommen und nach den letzten Umfragen für die NRW-Wahl kommen die bekannten Befürworter von „Euro-Rettungen“ auf über 80 % der Stimmen.
Anscheinend braucht die große Masse noch viel höhere Steuern und noch viel mehr Verlust der Kaufkraft.

Leopold

19.04.2012, 08:55 Uhr

Solange niemand der EU den Geldhahn zudreht, wird die EU Krisen herbeireden, um großzügig Geld verteilen zu können. Nur knappe Kassen zwingen dazu, über eine Lösung der Probleme nachzudenken.

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