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16.05.2011

07:30 Uhr

Presseschau

Strauss-Kahn-Affäre könnte den IWF in eine Krise stürzen

VonPeggy Pfaff

Die internationale Presse skizziert nach der Festnahme von IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn mögliche Konsequenzen. Stürzt der IWF in eine Krise? Gerät die Eurozone erneut in Gefahr? Die Presseschau.

Dominique Strauss-Kahn bei seiner Festnahme in New York. Quelle: REUTYERS

Dominique Strauss-Kahn bei seiner Festnahme in New York.

DüsseldorfAls Signal für den Niedergang der Organisationen wertet das Wall Street Journal den Skandal um Dominique Strauss-Kahn: „Nach dem Zweiten Weltkrieg hat der Westen ein kollektiven Glauben entwickelt - den Glauben daran, dass wir keinen Adel, keine Generäle mehr benötigen und dass künftig Organisationen ihre Arbeit übernehmen. Doch diese befinden sich im Chaos.“ Strauss-Kahn habe den IWF auf die Klatschwebseite TMZ gebracht, man könne sich bereits ausmalen, mit welcher Wut Portugiesen, Griechen und andere auf die IWF-Lektionen über „moralische Pflicht“ reagieren werden. In ganz Europa seien „Organisationen“ inzwischen verschrien, in den USA komme die Notenbank Federal Reserve nicht aus der Kritik und auch das US-Finanzministerium nähre mit seiner Forderung, die Schuldenobergrenze der USA anzuheben, zunehmend Zweifel. Wie jetzt Strauss-Kahn und der IWF hätten viele Organisationen ihre Autorität verloren - und damit auch ihre Ordnung.

Die Financial Times Deutschland glaubt, dass der Nachfolger von Dominique Strauss-Kahn beim IWF nicht aus Europa kommen werde, denn „potenziell“ seien die Folgen dieser „unglaublichen Geschichte enorm.“ Strauss-Kahn habe am Sonntagnachmittag mit Bundeskanzlerin Angela Merkel über Griechenland und die Euro-Schuldenkrise sprechen wollen, am heutigen Montagabend sollten die Themen dann bei einem Treffen mit den Euro-Finanzministern auf der Agenda stehen. „Der IWF betont zwar, er sei trotz der Festnahme seines Top-Mannes ,voll funktionsfähig‘. Dennoch dürfte die Episode nicht spurlos an dem Fonds vorbeigehen.“ So stemme der IWF ein Drittel der Rettungsdarlehen in Milliardenhöhe, die an die Euro-Krisennationen Griechenland, Irland und Portugal gehen. Müsste Strauss-Kahn seinen Posten abgeben, spreche viel dafür, dass die Europäer keine Chance mehr hätten, ihn erneut zu besetzen. Einflussreiche Schwellenländer wie China, Indien, Brasilien und Mexiko hätten schon bei Strauss-Kahns Ernennung 2007 den IWF-Chefposten für sich reklamiert. Dieses Mal könnten sie sich durchsetzen.

Für Reuters India steht bereits fest, dass der neue Chef des IWF aus den Entwicklungsländern kommen wird. „Der IWF wird sich damit wieder stärker von Europa entfernen und auch eine härtere Linie gegen europäische Gläubiger vertreten“, prognostiziert der Wirtschaftsdienst. Denn unter Dominique Strauss-Kahn sei Europa ein neues Hauptgeschäftsgebiet des IWF geworden. „Er hat u. a. eine beispiellose Partnerschaft zur EU aufgebaut und bei den Rettungsaktionen der Europäer eine zentrale Rolle gespielt.“ Dabei habe er Europa immer wieder dazu gedrängt, einen umfassenderen Lösungsansatz für seine Schuldenprobleme zu finden und die bisherigen Versuche als zu fragmentarisch verurteilt. „Und ganz privat befürwortete er auch - gegen Deutschland - eine europäische Anleihe, um die Darlehenskosten für die schwächeren Peripherienationen Europas zu senken und effektivere Wirtschaftsreformen zu ermöglichen.“ All das könne sich nun ändern, und Griechenland könnte es zuerst treffen: „Ohne Strauss-Kahn könnte der IWF weniger geneigt sein, das Land weiter zu stützen, wenn es nicht signifikante politische Reformen umsetzt.“ Auch auf den Euro könne die Verhaftung des Franzosen einen negativen, wenn auch kurzzeitigen Effekt haben.

Um den neu eingeschlagenen, lobenswerten Kurs des IWF fürchtet der Guardian aus London. Dominique Strauss-Kahn habe den IWF in eine fortschrittliche Richtung gelenkt, es sei fraglich, ob sein Nachfolger diesen Kurs fortsetze. „Strauss-Kahn hat die wichtigsten Probleme des Fonds érkannt und begonnen, sie zu korrigieren“, lobt die Zeitung. Er habe die Freie-Markt-Philosophie der Liberalisierung in Frage gestellt, weil diese letztlich zum Zusammenbruch des globalen Bankensystems geführt habe. Zudem habe der IWF unter Führungsschwäche und unter Geldmangel gelitten. „Der Franzose machte deutlich, dass auch die Beschäftigung- und Arbeitsmarktspolitik eine Rolle spielt. Und er gestand Nationen, die spekulativem Druck ausgesetzt sind, zu, Kapitalkontrollen zu ihrem Schutz und ihrer Verteidigung zu nutzen - etwas, das vollkommen konträr ist zum Neoliberalismus.“ Die Reform des IWF sei noch längst nicht abgeschlossen, viele Herausforderungen stünden noch auf der Agenda. „Theoretisch wäre Gordon Brown ein guter Mann für den Job, er hat den Vorsitz des IWF-Politikausschusses zehn Jahre lang inne gehabt und glaubt, dass der Fonds der Bekämpfung der Armut und der Stabilisierung der Weltwirtschaft dienen sollte.“ Doch die Chancen seien gering.

Kommentare (3)

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Account gelöscht!

16.05.2011, 08:17 Uhr

Der Autor spricht von "Hormonen", die die Karriere kosten könnten.

Das sehe ich anders! Jeder gesunde Mensch produziert seine Hormone! Einer gewissen machtversessenen Kaste ist allerdings ein Charakter zu eigen, der glauben macht, Alles und Jegliches für sich nehmen zu können!
Wer eine solche Karriere hinter sich hat, ist es eben NICHT gewohnt, irgend etwas NICHT zu bekommen!
Das ist vorwiegend Charaktergesteuert. Nicht Hormongesteuert!

MaWo

16.05.2011, 09:07 Uhr

Wenn eine Person eine Organisation in die Krise stürzen kann - dann stimmt etwas nicht in der Struktur dieser Organisation.

Account gelöscht!

16.05.2011, 09:29 Uhr

dieser Mann wird in allen Medien jetzt schon vorverurteilt. Warum fragt keiner - Qui Bono. Eine Vergewaltigung kann man jedem unterschieben der etwa unbequem geworden ist.
Sarkozy jedenfalls wird nicht besonders traurig über diese Nachricht gewesen sein. Lag er doch in den letzten Umfragen immer an 3. Stelle.

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