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07.07.2011

06:55 Uhr

Presseschau

Stuft die Ratingagenturen herab!

Die internationalen Medien rücken nach dem harten Moody’s-Urteil gegen Portugal das Krisenmanagement der EU statt die Praxis der Ratingagenturen in den Fokus ihrer Kommentare. Nicht die Investoren sollten die Ratings ignorieren, sondern die Politiker selbst. Dies ändere aber nichts daran, dass ihre Rettungsmaßnahmen ein „Rohrkrepierer“ seien.

Ein Daumen zeigt vor einem Bildschirm herunter. Quelle: dpa

Ein Daumen zeigt vor einem Bildschirm herunter.

Le Point aus Frankreich kann die Herabstufung Portugals durch Moody‘s nicht  nachvollziehen. Die Ratingagentur habe als Grund die Art und Weise genannt, wie die EU derzeit mit ihrer Schuldenkrise umgehe, und kritisiert, dass private Gläubiger zur Rettung herangezogen werden sollen. „Aus Sicht von Moody‘s würde das potenzielle Investoren verschrecken und das wirtschaftliche Risiko für sie erhöhen, und das wiederum verhindere, dass Portugal zu einem normalen Marktgeschehen zurückkehre. Das ist paradox: Moody‘s setzt  einen Teufelskreis in Gang, den die Agentur vorgibt zu fürchten. Das ist wie eine sich selbsterfüllende Prophezeiung“, kritisiert das Magazin. Die Herabstufung zu einem Zeitpunkt zu bringen, da man sich gerade auf einen neuen Griechenland-Rettungsplan geeinigt habe, wirke wie eine „Bombe“. Dass die EU-Staatschefs und Finanzminister nun gegensteuern wollten, sei verständlich, die von EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier angedeuteten Reformen bezüglich Ratingagenturen dürften allerdings schwer umzusetzen zu sein. Doch eines stehe fest: „Die Auseinandersetzung mit den Ratingagenturen ist noch nicht zu Ende.“

Die Börsen-Zeitung vermutet, dass es bei der lautstarken Schelte von Europas Finanzpolitikern mit Blick auf die Ratingagenturen  gar nicht um Portugal, sondern um Griechenland gehe. „Den Sack schlägt man, den Esel meint man.“ Denn angesichts der Haltung der Agenturen gegenüber der Bewertung privater Gläubigerbeteiligung am Griechenland-II-Paket stelle sich die Frage, wie lange sich die Politik ihnen unterwirft. Statt Investoren dazu aufzurufen, Ratings zu ignorieren, solle die Politik selbst „die Ratingagenturen herunterstufen“: Deren Urteile müssten als verbindliche Orientierungen aus vielen Gesetzen und Vorgaben gestrichen werden, schlägt die Börsen-Zeitung vor.

Die britische Financial Times schreibt, dass die Entscheidung von Moody’s zwar keine neuen Informationen enthalte, aber eine entscheidende Tatsache widerspiegele: Die Marktakteure hätten kein Vertrauen in die aktuelle Strategie der Eurozone. Auf der einen Seite drohe Portugal der Zugang zu privaten Finanzierungen versperrt zu werden, andererseits bahne sich eine Vertrauenskrise bei den Politikern an, die neue Kredite davon abhängig machten, ob die Privatwirtschaft ebenfalls Opfer erbringt. Die finnische Regierung verlange für weitere Kredite Sicherheiten bei den staatlichen griechischen Immobilien. Und in den Schuldenstaaten selbst würden die Bürger der Sparprogramme überdrüssig, solange kein Ziel in Sicht sei.

Ratingagenturen ABC

Wie arbeiten Ratingagenturen?

Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Anleiheemittenten; das können Unternehmen, Banken oder Staaten sein. Das Urteil der Bonitätsprüfer bestimmt letztlich den Kurs der Papiere. In die Bewertung fließen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen. Die weltweit einflussreichsten Ratingagenturen sind Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch.

Welche Auswirkungen hat ein schlechtes Rating?

Je schlechter Ratingagenturen die Bonität eines Marktteilnehmers beurteilen, desto schwieriger und teurer wird es für diesen, sich frisches Geld zu besorgen. Die Refinanzierungskosten steigen, im schlimmsten Fall ziehen Geldgeber ihr Kapital ab. Am Rating orientieren sich nicht nur Banken, sondern beispielsweise auch institutionelle Investoren.

Was bedeuten Ratings wie „AAA“ oder „BB+“?

Für ihre Einstufungen verwenden die Agenturen Buchstabencodes. Bei Standard & Poor's und Fitch beginnt die Skala mit der Bestnote „AAA“ (englisch: „Triple A“). Es folgen „AA“, „A“, „BBB“, „BB“, „B“, „CCC“, „CC“, „C“. Die meisten Stufen können mit Plus- und Minuszeichen noch feiner unterteilt werden. Ab „BB+“ beginnt der spekulative Bereich, der auch „Ramsch“ (englisch: „Junk“) genannt wird. Die Skala reicht bis „D“ - das bedeutet, dass ein Ausfall des Schuldners eingetreten ist. Etwas anders verfährt die Ratingagentur Moody's, die bei der Bewertung große und kleine Buchstaben sowie Zahlen kombiniert. „Aaa“ bedeutet „erstklassig“ und ist die höchste Bewertung. Diese Note steht für höchste Qualität, geringstes Ausfallsrisiko, vergleichbar mit Staatsanleihen. Dann folgen „Aa1“, „Aa2“, „Aa3“ für „starke Zahlungsfähigkeit“ sowie in der nächsten Stufe „A1“, „A2“ und „A3“ für „gute Zahlungsfähigkeit“. Danach wird der erste Buchstabe durch ein „B“ ersetzt. Der «spekulative Bereich“ beginnt bei „Ba1“, die niedrigste Kategorie ist „E“.

Was bemängeln Kritiker an Ratingagenturen?

Kritiker bemängeln, es bleibe oft unklar, welcher Anteil der Bonitätseinstufungen Mathematik und was Meinung ist. In der Finanzkrise kamen Ratingagenturen in die Schusslinie: In vielen Fällen behielten Unternehmen, die ein hohes Risiko trugen, zu lange ihre Topnoten. Sie wurden erst herabgestuft, als die Krise bereits akut war; Anlegern blieb keine Zeit zu reagieren. Daher ist es wenig ratsam, allein auf das Urteil von Moody's & Co zu vertrauen.

Welche Alternativen gibt es zu Ratingagenturen?

Manche Profis verlassen sich inzwischen stärker auf das Urteil eigener Analysten. Deren Meinung findet umso mehr Beachtung, wenn sie eine abweichendes Urteil zu den Ratingagenturen fällen. Privatanleger können überlegen, wenig transparente Marktsegmente über Fonds abzudecken, statt direkt in Anleihen zu investieren. So profitieren sie quasi indirekt vom Know-How weiterer Experten.

Die Süddeutsche Zeitung erinnert das Geschachere der Regierungen um einen Deal mit den Ratingagenturen – die die gewünschte Note für das EU-Vorhaben geben sollen – an die Zeiten der amerikanischen Immobilien- und Kreditblase. Seinerzeit hätten Banken mit Agenturen das passende Rating für ihre windigen Hypothekenpapiere ausgehandelt. Dabei hindere keiner die Politiker daran, sich vom Diktat der Ratingagenturen ganz freizumachen, beispielsweise mit der Gründung eines unabhängigen Bewertungsinstituts. Dieses jedoch, versichern die Münchner, würde ebenfalls zu dem Ergebnis kommen, dass Griechenland pleite sei und einen Schuldenerlass benötige.

Auch das Wall Street Journal rückt das Krisenmanagement der EU statt die Praxis der Ratingagenturen in den Fokus seines Kommentars. Banken und Versicherungen in Europa hätten still und leise ihr Engagement bei griechischen Staatsanleihen zurückgefahren, entgegen der offiziellen Verlautbarungen. „Am Ende wird der Privatsektor weniger stark involviert sein, als die Europäische Zentralbank vielleicht gehofft hatte. Das bedeutet jedoch, dass in der EZB-Bilanz noch mehr toxische Assets auftauchen werden“, prognostiziert das Blatt. Das grundlegende Problem werde von den Rettungsplänen nicht gelöst: Die Staaten hätten zu viele Schulden und zu wenig Wachstum. Düsteres Szenario des WSJ: Griechenland sei nur ein „Dammbruch“, bald werde sich die „Panik“ nach Italien, Spanien und möglicherweise Frankreich verlagern.

Kommentare (19)

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Mini-Me

07.07.2011, 07:29 Uhr

Stuft auch Japan, die USA und Deutschland herunter! Es ist bewiesen, daß selbst in guten wirtschaftlichen Zeiten immer mehr Schulden gemacht werden. Diesen Schulden können auch die o.g. Staaten NICHT zurückzahlen. Bezahlen sollen es dann unsere Kinder. Eine Ratingagentur als Schuldenbremse ist doch toll.

whisky

07.07.2011, 07:44 Uhr

Unsere Kinder müssen auch die Gewinne, die heute über Niedriglöhne gemacht werden, zahlen. Und zwar über Steuern, um die Grundsierung im Alter für die jetzt schlecht bezahlten Arbeiter zu finanzieren.

Bonn-Berlin-Prinzip

07.07.2011, 07:52 Uhr

Genauso sehe ich das auch.
Es waren doch nicht die Ratingagenturen, die sich überschuldet haben, sondern die politisch Verantwortlichen, welche seit Jahrzehnten über die Verhältnisse ihrer Bürger leben.
Durch die EU ist diese Kaste von steuergeldallimentierten Gehaltsbeziehern besonders hoch, einfach mal googlen, welche Bezüge und Leistungen ein EU-Beamter so übers Jahr einstreicht. Auch im Bundestag und den Staatsministerien findet man zigtausende Beamte. Auch leistet sich Deutschland immer noch Bonn/Berlin, wo trotz des Umzugs nach Berlin noch immer 6 Bundesministerien bestehen, sich somit unser Staat auf Kosten des Steuerzahlers zwei Regierungssitze leistet.

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