Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

18.01.2008

10:54 Uhr

Presseschau vom 18.1.2008

Wenn aus Rettern Schurken werden

VonDaniel Lenz

Die internationale Wirtschaftspresse analysiert die Milliardenverluste von Merrill Lynch und diskutiert kontrovers die Rolle von ausländischen Staatsfonds als Kapitalgeber von Banken. Die New York Times formuliert eine scharfe Kritik am US-Notenbankchef. La Tribune bewundert die „sozialen Wirtschaften“. Fundstück: Zorro als russischer Wahlhelfer.

Nachdem die Investmentbank Merrill Lynch gestern mit 16,7 Milliarden Dollar an Kreditverlusten und Abschreibungen im Zusammenhang mit der Subprime-Krise und einem Reinverlust von 9,83 Milliarden Dollar das schlechteste Ergebnis in der 94-jährigen Firmengeschichte vorgelegt hat, forscht die Neue Zürcher Zeitung nach den Ursachen: „Die meisten Finanzinstitute haben durch den Einbruch am Häusermarkt und die sich daraus ergebenden Turbulenzen an den Kreditmärkten Schaden genommen, aber nur wenige haben sich an den hypothekengesicherten Bonds so stark versündigt wie Citigroup und Merrill Lynch.“ Während bei der Citigroup noch ein weiterer Abschreibungsbedarf anstehen könnte, bestehe bei Merrill Lynch die Hoffnung, dass reiner Tisch gemacht worden sei und ein Neuanfang bevorstehe: „Das Restrisiko bei sogenannten CDO und minderklassigen Hypotheken scheint jedenfalls nur noch minim.“

Im Interview mit dem » Wall Street Journal erklärt der erst vor 47 Tagen angetretene Merrill-CEO John Thain auf die Frage, ob das Schlimmste nun vorüber sei: „Das Problem ist nicht null, liegt aber größtenteils hinter uns.“ Die Ursache der Merrill-Misere sei die Tatsache, dass bislang Kreditrisiko- und Marktrisiko-Management getrennt voneinander operiert hätten. „Das macht keinen Sinn, weil beide Bereiche Permutationen des jeweils anderen sind. Wir werden Markt- und Kreditrisiken jetzt zusammenführen“, kündigt Thain an. Mit Blick auf die Zukunft schließt der Merrill-Boss sowohl einen Verkauf der Bank als auch eine Fusion mit einem Wettbewerber aus. „Wir haben einen großartigen Business-Mix“.

Die FAZ heißt die „Retter in der Not“ willkommen: arabische und asiatische Staatsfonds, die in den vergangenen Monaten über 50 Milliarden Dollar in internationale Großbanken wie Merrill Lynch, Morgan Stanley, Citigroup und UBS gepumpt hätten und in den meisten Fällen damit zu deren wichtigsten Aktionären avanciert seien. „In Zeiten, in denen klassische Aktienanleger die Banken scheuen wie der Teufel das Weihwasser, haben die hierzulande so oft verteufelten Staatsfonds den Kreditinstituten das dringend benötigte Kapital verschafft“, schreiben die Frankfurter. Die aus Exportüberschüssen und Petrodollars gespeisten Fonds seien „kapitalkräftig, schnell und opportunistisch“, sorgten in der US-Politik jedoch für politische Unruhe. „Doch gerade die rasche Hilfe der Staatsfonds für die Banken, für die die Fonds noch nicht einmal Mitspracherechte verlangen, beweist deren Nützlichkeit – und dass es unsinnig ist, Schranken gegen sie zu errichten.“

Im Gegensatz zur FAZ warnt der » Economist vor den Folgen der ausländischen Kapitalspritzen. „Die Motive der souveränen Geldmenschen könnten böse sein: den Wettbewerb ersticken, nationale Champions schützen (...). Trotz ihrer Marktmacht zeigen diese Manager keinerlei Verantwortlichkeit gegenüber Regulatoren, Aktionären oder Wählern. Diese Umstände laufen fast zwangsläufig darauf hinaus, Schurken-Händler zu züchten.“

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×